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03 - Was machen wir hier eigentlich?

Am Mittwoch morgen packen wir unsere Sachen – was für eine anstrengende Tätigkeit – und das alles ohne Kaffee (...und was ist mit Tee?). Gestern hatten wir im Restaurace des Campingplatzes gefrühstückt, aber das war nicht so überragend gewesen. Daher beschliessen wir, das ganze Gepäck aufs Motorrad zu laden, und gerade über die Bergkuppe zum anschliessenden See zu fahren, um im dortigen Lokal zu frühstücken (Wiesel-Ober). Die haben aber leider noch zu. Also dann – gib Gummi!

Wir wollen heute an der polnischen Grenze entlang weiter nach Osten fahren – Tagesziel unbestimmt. Von Trutnov geht es zunächst auf der 14 8 km nach Upice, kurz nach dem Ort verlassen wir die Hauptstrasse und biegen links ab nach Male Svatonovice. Die BMW federt zwar gelassen das kilometerlange Kopfsteinplaster weg, aber ich bin reichlich genervt, zumal die Beschilderungen äussersten Spielraum für Interpretationen zulassen (doppelt-abknickende Vorfahrtstrasse mit 5 Einmündungen!).

Die Sonne sticht vom azurblauen Himmel, ein frischer Wind kühlt angenehm uns und das Motorenöl. Einfach Spitze – leider alles ohne Kaffee. Es geht pausenlos bergan nach Petrovice. Plötzlich liegt rechts der Strasse das kleine Örtchen Odolov. Am Strassenrand befindet sich eine grosse und etwas verschmuddelt wirkende Kneipe. Egal. Wir halten an, und ich frage nach Kaffee (und nicht nach Tee!).

„Aber natürlich – bitte – kommen Sie herein!“. Der Wirt in durchgeschwitzten Klamotten und mit dickem Bierbauch ist überaus freundlich. „Bitte sitzen in Garten.“ Wir gehen um das Haus herum. Hier sind Holzbänke und Tische aufgestellt, und wer sitzt da? – Holländer! Die sind auch überall – nirgends ist man vor ihnen sicher.

Wir bekommen ein gigantisches Frühstück: für jeden 3 Spiegeleier, Butter, frische Hörnchen, Kaffee und Orangensaft. Die besten Eier, die wir bisher bekommen haben.

So gestärkt fahren wir frohgelaunt weiter über Hronov nach Nachod. Kurz nach Nachod geht es auf einer kleinen Strasse nach Dobrosov. Dobrosov liegt auf einer Bergkette direkt an der polnischen Grenze. Hier kann man eine gigantische Bunkeranlage besichtigen, die die Deutschen während des 2. Weltkrieges als Festung gegen die Russen errichtet hatten.

Bunkeranlage bei Dobrosov. Bunkeranlage bei Dobrosov.

Es geht bei strahlendem Sonnenschein weiter nach Nový Hrádek, dann nach Olešnice v Orl. Horách. Die Strasse windet sich um das Adlergebirge hinauf: Polom – Sedlonov – Deštne v Orl. Horách. Über den Berg Deštna (1115 m) geht es immer näher an die polnische Grenze heran (Bedrichovka – Jadrna – Černá Voda – Neratov v. Orlickych horach).

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Die Strasse ist wunderschön und führt mal durch ausgedehnte, blühende Wiesen, mal durch dichte Laubwälder. Wir folgen dem kleinen Flüsschen „Divoka Orlice“, das die Grenze zu Polen bildet. Alle 500 m steht im Wald oder in der Wiese ein Schild mit roter Aufschrift (wahrscheinlich „Achtung Grenze“). Nur 100 m entfernt liegen polnische Höfe und einsame Kapellen. Nur Wanderer und Radfahrer begegnen uns, einmal läuft ein einsamer Grenzpolizist am Wegesrand. Idyllisches, verschlafenes Mittelalter.

In Neratov v. Orlikych horach essen wir in einem direkt an der Strasse gelegenen Lokal für Pfennigbeträge die dicksten und leckersten Kartoffelpfannkuchen, die uns je untergekommen sind. Auch hier sprechen alle Leute ein ausgezeichnetes Deutsch.

Einige Kilometer weiter befindet sich mitten in der Wiese ein „offizieller Grenzübergang“: ein Blockhäuschen mit wichtigen weiss-rot bemalten Betonpfeilern, hochaktuellen (von der Sonne ausgebleichten) Grenzübertrittsvorschriften, und natürlich – einem Schlagbaum! Man kann auch nebenherum laufen.

Weiter nach Mladkov und Kraliky. Ab jetzt beginnt das Altvatergebirge. Weil es noch früh am Nachmittag ist, wollen wir den Tag in der Gegend um Jesenik beenden. Ich habe keine Ahnung, warum wir uns ausgerechnet Jesenik als Ziel gesetzt haben, aber das spielt auch keine Rolle, denn unsere Stimmung ist gut, das Wetter

In der Wiese: "Offizieller" Grenzübergang nach Polen. In der Wiese: "Offizieller" Grenzübergang nach Polen.
Lust am Fahren. Lust am Fahren.

hervorragend, die BMW ballert frohgelaunt vor sich hin, die Landschaft und die Menschen sind angenehm, warum also nicht noch ein Stück fahren? Auch wenn ich mich in diesem Augenblick frage, was wir hier eigentlich machen, abseits jedweder touristischen Attraktionen, ohne festes Ziel, ohne zu wissen, wo wir die Nacht verbringen werden, so kann es nur eine Antwort geben: es ist die Lust am Motorradfahren, die Lust, pure Natur zu geniessen, die Lust, gemeinsam mit Hanne unterwegs zu sein, die Lust, geschäftliche, gesellschaftliche und alle sonstigen Zwänge hinter uns gelassen zu haben, und Zeit und Raum jetzt und hier und ohne Einschränkungen geniessen zu können. So schwingt uns die Maschine sanft durch die Hügel und Alleen, bergauf, bergab, durch Wiesen, Felder, Täler, Blumen und vorbei an Ziegen und Kuhherden.

Ab Hanušovice beginnt das „Spielzeugeisenbahnland“, modelliert von der Natur, eingebettet zwischen eingleisiger Bahnstrecke und Flüsschen windet sich die Strasse bis Jesenik.

Etwa 5 km vor Jesenik finden wir Unterkunft in Lipova-Láznĕ in der Pension „Sindel“. Wir werden freundlich aufgenommen (die Frau spricht deutsch) und schlagen uns später noch im 300 m entfernten Restaurant den Bauch voll. Ausser uns sind keine weiteren Gäste hier – ausser – na, wem wohl? – einem Ehepaar aus Holland.

Beim Frühstück erzählt uns unsere Pensionswirtin, dass die Zeiten nicht so rosig seien. „Früher viele Leute aus DDR – heute alle Leute aus DDR nach Italien und Spanien.“. Wir brechen auf bei sonnigen 25 Grad, das Tagesziel steht nicht fest. Wir fahren weiter nach Norden nach Mikulovice – Zlate Hory – über einen unbenannten, sehr schönen Pass nach Petrovice – Jindrichov – Trémešna – Mĕsto Albrechtice – Krnov – Opava.

Hanne will unbedingt in die Slowakei, und dort nach Levoča. Hier hatten wir auf einer anderen Tour vor 4 Jahren im Hotel Satel fürstlich zu Abend diniert. Der Innenhof des Hotels hat bei ihr einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Rein entfernungsmässig ist der Weg bis Levoča heute noch zu schaffen – also auf gut ausgebauten Strecken weiter nach Ostrava (riesige, stickige Stadt mit vielen Umleitungen und autobahnähnlichen Durchgangsstrassen). Weiter nach Süden auf der A 56 nach Frýdek Mistek, dann nach Frydlant. Ab jetzt wird es wieder beschaulicher, die mährisch-schlesischen Beskiden tun sich auf, ein wunderschönes Gebirge ähnlich dem Alpenvorland.

In Stare Hamry, etwa 10 km vor der slowakischen Grenze, trinken wir noch einen Espresso, der hier in der Tschechei unserem gewohnten Kaffee entspricht (der tschech. Kaffee ist pures Kaffeepulver, das mit heissem Wasser übergossen wird, ähnlich dem türkischen Kaffee), und setzen unsere letzten tschechischen Kronen in Zigaretten um.

Ohne nennenswerten Verkehr hangeln wir uns durch dichte Wälder zum Grenzübergang Bila – Klokočov hinauf. Mitten im Wald gibt es eine geradezu schnuckelige Zollstelle. Passkontrolle, fertig, dann sind wir in der Slowakei.

Nach der Zollstelle geht es etliche hundert Meter auf slowakischer Seite wieder bergab. In Turzovka versuchen wird, Geld zu wechseln. Die Frau in der Poststelle (Jeans, darüber eine Kittelschürze) ist zwar ausgesprochen freundlich, Geld wechseln kann sie allerdings nicht, und sie versteht oder spricht auch weder Deutsch, noch Englisch.

Ich spreche zwei Jugendliche auf der Strasse an, und nach einigen Verständnisschwierigkeiten führen sie mich zu einem versteckt liegenden „Marktplatz“. Da gibt es einen Second-Hand Laden, der mir für den Traumwert von 24,6 : 1 DEM in slowakische Kronen tauscht. Der Laden ist ein Eldorado für jeden Jäger und Sammler. Vom Kochgeschirr über Radios und Funkgeräte ist alles zu haben – bis hin zu lebenden Zierfischen!

Was wir im Anschluss an diesem Nachmittag tun, müsste eigentlich gesetzlich verboten sein. Wir fahren über Makov – Bytča – Zilina – Martin – Liptovsky – Mikulas – Poprad – bis nach Levoča in der Ostslowakei. Der Weg führt auf breit ausgebauter Strasse (E50) durch die kleine und grosse Tatra. Wir rollen im Pulk mit Bussen und LKW’s durch stickige Hitze und schwarzen Dieselqualm. Keine Ahnung, warum wir uns das antun – wo es doch die schönsten Gebirgsstrassen gibt.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Erschöpft erreichen wir abends Levoča. Die kleine Stadt liegt im Tal vor uns in einer märchenhaften Sonnenuntergangsbeleuchtung. Levoča ist eine der ältesten mittelalterlichen Städte der Slowakei, und da sie nie durch Kriegswirren zerstört wurde, ist sie ausserordentlich gut erhalten. Zielstrebig fahren wir das Hotel Satel an. Hanne fragt nach einem Zimmer – und bekommt von einer Hotelangestellten eine schnippische Auskunft: „110 DEM“. Das ist einerseits eindeutig zu viel Geld, andererseits, und das wiegt noch schwerer, müssen wir unser Geld nicht einer arroganten Tussi überlassen. Auch wenn wir als Motorradfahrer nach einer langen Tagesetappe nicht mehr ganz so aussehen wie frisch aus dem Ei gepellt, etwas Höflichkeit darf doch wohl erwartet werden, und gerade in einem First Class Hotel!

Pranger auf dem Marktplatz in Levoča, im Hintergrund das Hotel Arkada. Pranger auf dem Marktplatz in Levoča, im Hintergrund das Hotel Arkada.

Nur 200 m weiter finden wir auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes Unterkunft im Hotel „Arkada“. Während ich draussen beim knisternden Motorrad warte, klärt Hanne die Formalitäten. „Ich habe ein Zimmer für Sie“, meint der Portier. „Dieses Zimmer bekommt nicht jeder“. „Schauen Sie mich doch mal an, wie ich aussehe“ flirtet Hanne (verklebte Haare, Dieselruss im Gesicht, verschwitzt).

Unsere Suite. Manchmal braucht man sowas. Unsere Suite. Manchmal braucht man sowas.

Als sie herauskommt, meint sie zu mir, dass wir bleiben können. Die BMW darf in der „Garage“ geparkt werden (Innenhof des Hotels, über den Hintereingang zu erreichen). Während wir unser Gepäck nach oben tragen, tröstet mich Hanne: „Es ist sehr einfach ausgestattet“. Als Hanne die Tür aufschliesst, trifft mich der Schlag. Das Zimmer 101 ist eine Suite. Ein grosser Eingangsbereich, ein riesiges Bad mit schwarzen Kacheln, und ein etwa 50 m² grosses Zimmer mit gewölbten Decken erwarten uns. Antike Möbel, doppelte, verspiegelte Durchgangstüren, ein riesiger, gemauerter und gekackelter Kamin in der Ecke. Ich bin überwältigt. Das ganze soll 1.700 Kronen kosten, also etwas über 80 DEM pro Nacht. Man verläuft sich hier fast.

Hanne meint, dass sie manchmal etwas Luxus brauche. Wir gönnen es uns.

Ich muss nochmal runter in die Garage, um unser ganzes Gepäck heraufzuholen. Als ich mit der ersten Gepäckrolle am Portier vorbeilaufe, meint er nur: „Wollen Sie Ihr Zelt hier aufschlagen?“. Ich brummele nur etwas von „...kann nicht alles unten lassen...“. Bei meinem zweiten Durchgang, und diesmal habe ich die ganz grosse Rolle dabei, übernehme ich die Initiative: „Das ist unser Zelt!“. Diesmal ist der Portier platt und brummelt etwas von „...so viel Gepäck auf einem Motorrad!?...“.

Wir duschen, kramen saubere Kleidung aus unserer Klamottentasche, und gehen zum Abendessen. Für umgerechnet 20 DEM für beide Personen dinieren wir fürstlich, inclusive einer ganzen Flasche Wein, dann fallen wir todmüde in das riesige Bett.

Abendessen im Gewölbekeller. Abendessen im Gewölbekeller.