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04 - Es tut sich was

Heute ist Freitag, der 03. August 2001. Wir waren vor 4 Jahren schon einmal in Levoča. Damals hatten wir auf dem hiesigen Campingplatz gewohnt, der es uns irgendwie angetan hat, obwohl die sanitären Anlagen absolut heruntergekommen und hoffnungslos verschmuddelt waren. Der Platz an sich hatte jedoch eine traumhafte Lage an einer leichten Steigung am Waldrand, wenn auch die Bedienung des kleinen Lokals nicht nur abends bis zur Unzurechnungsfähigkeit betrunken war (wir mussten unser Bier dann selbst zapfen), und auch schon mal mit einem „Kunden“ im Nebenraum auf unabsehbare Zeit verschwunden war.

Wir lassen unseren nostalgischen Gefühlen freien Lauf. Am Morgen ist es noch nicht ganz so heiss, und so „wandern“ wir nach dem Frühstück die 3 km zum Campingplatz, um „mal zu gucken“. Es hat sich viel getan – und es wird noch viel geschehen. Die kleine Kneipe ist fast unverändert vorhanden, aber drumherum wird viel gebaut. Wir vermuten, dass das neue Gebäude ein kleiner Supermarkt wird. Die Toiletten sind zwar immer noch alt, aber radikal gesäubert worden. Der Wald, der den Platz umgibt, wurde regelrecht „entrümpelt“, Bäume gefällt, Sträucher gelichtet. Einige kleine Plateaus wurden aufgeschüttet und Mäuerchen befestigt, so dass man Wohnwagen parken kann.

Es herrscht auch reger Betrieb von Slowaken, Polen, und natürlich – Holländern!

Wir trinken einen Kaffee auf der Terasse des Lokals (Bäh – schon wieder dieses schwarze Gesöff – und was ist mit Tee?) und schwelgen in Erinnerungen. Auch die Bedienung ist neu – ein junges Mädchen betreut uns freundlich.

Auf dem Rückweg kehren wir noch einmal in einer kleinen Kneipe ein. Es ist ein Wohnhaus einer Familie am Waldrand, die einfach einige Tische und Bänke in ihrem Garten aufgestellt haben. Aus einem riesigen Lautsprecher schmelzen slowakische Volksweisen. Der Lautsprecher wurde einfach an das windschiefe Häuschen genagelt.

"Privat"-Kneipe am Wegesrand. "Privat"-Kneipe am Wegesrand.

Eine junge Frau bedient uns. Klasse, wenn sie barfuss und in dicken Pelz-Hausschuhen über die Wiese läuft! Wir trinken Mineralwasser (12 Pfennig das grosse Glas) und schauen in die Runde. Etwas entfernt sitzt ein junges Pärchen, das die ganze Zeit kein einziges Wort miteinander wechselt. Offensichtlich haben sie Zoff.

Levoča bei Nacht. Levoča bei Nacht.

Nachmittags streifen wir durch Levoča. Die Stadt war im 17. Jh. ein wichtiges kulturelles Zentrum der slowakischen Reformation, im 19. Jh. der nationalen Wiedererweckungsbewegung. Den Mittelpunkt der Stadt bildet der von zahlreichen schönen Renaissancehäusern umgebene grosse Ringplatz. Etwa in der Mitte des Ringplatzes steht das ursprünglich gotische, nach einem Brand (1550) bis 1615 im Renaissancestil erneuerte Rathaus mit Lauben und Arkaden sowie einem Glockenturm. Südlich vor dem Rathaus befindet sich ein eiserner Pranger.

Am Samstag flirrt schon am frühen Morgen die Hitze über der Stadt. Schon die letzte Woche in Deutschland, und auch die eine Woche, seit der wir jetzt unterwegs sind, ist kein Tropfen Regen gefallen. Jeden Morgen sticht die Sonne gnadenlos herab.

Es ist ein Traumsommer, aber insgesamt doch etwas zu heiss. Die Temperaturen liegen jeden Tag zwischen 25 und weit über 30 Grad, nur auf den Berghöhen ist es etwas angenehmer. Aber freuen wir uns nicht zu früh – irgendwann, und da bin ich mir sicher – wird es uns erwischen, und dann haben wir kein Hotelzimmer!

Heute wollen wir die BMW mal wieder wachrütteln und die Umgebung von Levoča erkunden. Gegen 10 Uhr fahren wir los. Es geht auf der E50 nach Osten, vorbei an der Zipser Burg, der grössten Burg der Slowakei.

Eine Besichtigung zu Fuss lassen wir aufgrund der grossen Hitze ausfallen. Es hat jetzt schon fast 30 Grad, und die Luft ist wie ein Milchschleier, es ist stickig wie im Dschungel.

Wir fahren auf der B 68: Sabinov – Lubotin – Bardejov – Zborov. In Zborov gibt es einen deutschen Soldatenfriedhof. Alles ist sehr gepflegt, kein Grabstein vermoost, der Rasen kurz geschoren. Wir betrachten die Grabsteine. Die jungen Männer, die hier liegen, waren durchschnittlich 24 Jahre alt, der jüngste gerade mal 17 Jahre.

In Svidnik besuchen wir das russische Kriegerdenkmal, aber es ist einfach in der Hitze nicht auszuhalten. Wir wollen nur noch zurück in das Hotel. Wir düsen über Giraltovce und Presov nach Levoča. Es ist eine sehr arme Gegend, aber landschaftlich schön mit Wiesen und Wäldern, und mit Zigeunern, die Pilze an der Strasse verkaufen.

Innenhof des Hotel Satel. Innenhof des Hotel Satel.
Die Zipser Burg. Die Zipser Burg.
Soldatenfriedhof in Zborov. Soldatenfriedhof in Zborov.

Insgesamt war heute ein etwas unstimmiger Tag. Es gab auch Zoff mit Hanne, weil sie immer die Krise kriegt, wenn etwas Schotter auf der Strasse liegt, wenn ich nicht kilometerweit hinter einem stinkenden Diesel herfahren will und deswegen zügig überhole, oder wenn ich an einer Stelle wenden will oder muss, die nicht gerade Platz für einen LKW Fuhrpark bietet („Ich steig ab, ich steig ab!“ – „Du bleibst drauf!“). Diese Auf- und Abspringerei geht mir richtig auf den Senkel.

Sonntags fängt es im Morgengrauen an zu regnen. Ich hole schnell unsere Jeans von der Wäscheleine im Innenhof, aber es ist schon alles nass. Bei drückender Schwüle (aber kein Regen) verlassen wir Levoča auf der 533 nach Süden (Spisska Nova Ves – Novoveska Huta – Mlynky). Etwa 5 km vor Mlynky geht es links ab auf die 533 und hinauf auf den Peklisko Pass. Es ist ein herrliches Strässchen durch dichten Wald mit Kehren wie in den Alpen. Genau auf der Passhöhe (1069 m) fängt es an zu regnen und zu gewittern.

Aufgrund des schwarzen Himmels und der damit einhergenden unguten Gefühle gibt es nur eins: Regenklamotten anziehen, und zwar gleich! Denn die Erfahrung lehrt: Regenklamotten machen nur dann Sinn, wenn man sie anzieht, bevor man nass ist. An einem Waldweg wird bei noch leichtem Regen der Gepäcksack geplündert, und kaum haben wir die Gummihäute an, geht es auch schon richtig los.

Blitz und Donner über uns, Wotan wütet gar schrecklich. Die alte Fichte, unter der wir in voller Montur und mit Helmen auf dem Kopf stehen, lässt schon nach kurzer Zeit das Wasser durch. Jetzt kann man fast keine 30 m mehr weit sehen, so dampft der heisse Wald. Es ist fast Nacht geworden, und Blitze zucken direkt über unsere Köpfe, dann knallt der Donner und lässt uns das Blut in den Adern gefrieren. Unsere treue BMW kriegt alles ab und scheint uns anzuflehen: „Lasst mich auch unter einen dichten Baum!“. Es ist nicht ganz angenehm, so weit oben auf dem Pass, wo man dem Himmel am nächsten ist, und wir haben richtig Angst.

Nach über einer Stunde können wir endlich weiterfahren. Während der Passabfahrt spült es immer wieder Schotter, Äste, und ganze Sturzbäche quer über die Strasse. Kein Mensch, kein Auto weit und breit. Unser einsamer Scheinwerfer durchfunzelt den nebligen, finsteren Tann. In der Ferne immer noch Donnergrollen, dann urplötzlich fast unmittelbar neben uns ein greller Blitz.

Der Boxer wühlt sich knurrend durch, und dampfend erreichen wir bei Gemerska Paloma die Hauptstrasse B 57. Wir halten uns rechts, um 5 km später bei Henckovce wieder links abzubiegen.

Zwischen Jelsava und Hnusta. Zwischen Jelsava und Hnusta.

In Stitnik rollen wir auf die 526, über Jelsava und Hnusta nach Hrinova. Diese etwa 100 km lange Strecke gehört zum göttlichsten, was einem Biker unter die Räder kommen kann. Das Wetter hat sich mittlerweile bei fast 30 Grad und Sonnenschein stabilisiert, wir kurven kilometerweit durch Wald, Wald, Wald und nochmals Wald. Kein Auto oder sonstiges Fahrzeug weit und breit, Naturstille um uns herum, Kurve um Kurve, bergauf, bergab.

Jeder Gang passt, der Motor liefert satten Druck an das Hinterrad, ballert sich mächtig die Hügel hinauf und bremst sanft in die Spitzkehren hinein.

Die wenigen Lokale und Geschäfte unterwegs haben zu, weil heute Sonntag ist. Endlich finden wir auf einer Passhöhe in einem Skigebiet eine Kneipe, wo wir Cola und Kaffee bekommen. Das ehemalige Ostblock / DDR-Hotel ist dem Verfall preisgegeben, alle Fenster sind zerschlagen, die Fensterläden hängen unmotiviert und vergammelt in ihren Angeln. Dasselbe gilt für die vielen kleinen Ferienhäuschen, die in loser Reihenfolge am Hang stehen. Aber dieser einsame Ort strahlt eine ganz eigentümliche Anziehungskraft aus. Ausser uns und zwei weiteren Einheimischen sind keine Gäste da. Ein Jäger kommt vorbei und trinkt ein Bier. Es herrscht stimmiger Frieden.

Vergammelndes Ski-Hotel. Ewig schade! Vergammelndes Ski-Hotel. Ewig schade!
Mütterchen am Strassenrand. Mütterchen am Strassenrand.

Wir überlegen, dass man an dieser Stelle eigentlich eine Pension und Ferienhäuschen für Individualisten und Enduristen eröffnen müsste, denn die Strasse ist ein Eldorado für jeden Motorradfan, und die Bergumgebung liefert genügend Schotterwege, auf denen sich bestimmt Touren unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade mit verschieden langen Tagesetappen ausarbeiten liessen.

Nach Hrinova landen wir wieder in der Talsohle, nach Detva geht es über plattes Land nach Zvolen. Etwa 10 km vor Zvolen liegt auf der linken Strassenseite ein Restaurant mit Pension.

Wir bekommen ein Zimmer für 570 SKr (=28 DEM). Das ganze Gebäude ist komplett renoviert, und wir sind die ersten Gäste. Alles riecht nach frischer Farbe, und die Ober bedienen uns mehr als zuvorkommend.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Abends im Lokal kommen wir ins Gespräch mit einer alten Frau, die in klassischer, schwarzer Tracht ein Bier trinkt, und dann noch eines. Sie hat nur noch einen Zahn im Mund, blickt aber fröhlich und selbstsicher in die Runde. Beim Gehen erklärt sie uns, dass sie 82 Jahre alt sei, und dass es mit dem Laufen nicht mehr so gut funktioniere. Als sie von uns erfährt, dass wir mit dem Motorrad unterwegs sind (Zeichensprache und „Brumm, brumm“), warnt sie uns: „Pozor, pozor!“ (Achtung, Achtung), das Leben auf den Strassen sei heute so gefährlich. Dann schwankt sie mit ihren 1,50 m Grösse und auf ihren krummen Beinen nach draussen.

Wir speisen mal wieder fürstlich, auch diesmal ohne Tee, für alles in allem etwa 30 DEM incl. einer Flasche köstlichen Weissweines, Hannes obligatorischer Knoblauchsuppe, und Cappucchino und Becherovka. Überhaupt könnte man unsere Tour auch als die Strassen der Knoblauchsuppe bezeichnen, denn seit Hanne das erstemal in Jesenik die Knoblauchsuppe gekostet hat, gehört sie jedesmal zu einer Mahlzeit.

Das Motorrad ist gut untergebracht zwischen Küche und Lagerhalle, und so steht unserem Gute-Nacht-Kuss nichts mehr im Wege.

So allmählich wollen wir uns Slowenien nähern. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder wir fahren durch Ungarn oder durch Österreich. Hanne steht auf Ungarn, ich war nur einmal kurz dort, und habe es als flaches und heisses Land in Erinnerung. Ich würde Österreich bevorzugen, aber Ungarn liegt im Moment einfach näher, und deswegen wehre ich mich auch nicht dagegen, den Ungarn einen Besuch abzustatten. So geht es also auf dem kürzesten Wege und auf kleinen Strassen dorthin. Wir benutzen gewissermassen nur die Verbindungswege zwischen den Dörfern, meiden die Hauptstrassen. Das Wetter ist prima, wir kurven zwischen ausgedehnten Weizenfeldern, auf denen schwere Mähdrescher ihre Arbeit verrichten. Dann wieder ursprünglicher Wald, Bienenhäuschen lugen verschmitzt und bunt hervor.

Intakte Flora und Fauna in der Süd-Slowakei. Intakte Flora und Fauna in der Süd-Slowakei.

Ich muss mal dringend ein Geschäft verrichten. Wir halten an, ich schlage mich ins Gebüsch. Als Hanne mich mit erlöstem Gesicht wieder auftauchen sieht, löst dies bei ihr offensichtlich dieselben Druckprobleme aus. Gerade, als sie es sich in der legendären Trapperkackstellung bequem gamacht hat, kommt natürlich ein riesiger russischer Lastwagen mit einem Bauern vorbei, der zu seinem Hof will. Nirgendwo hat man seine Ruhe. Das war’s für Hanne mal wieder zu diesem Thema.

Kurz vor der ungarischen Grenze halten wir an einem kleinen Lokal, um noch einen Kaffee zu trinken. Die Kneipe „Bufet Sport“ ist sehr gemütlich und wird von zwei Jugendlichen bewirtschaftet. Es läuft prima Musik, wir wollen gar nicht mehr weg. Wir sitzen draussen unter den Sonnenschirmen und beobachten das Strassengeschehen. Zwei Bauern kommen auf einem Dreirad vorbei und halten mit quietschenden Bremsen an, um sich die BMW zu betrachten. Ein verschmierter Mann schleppt einen rostigen Zylinderkopf von einem Auto durch die Gegend, ein paar Kinder sind mit einem riesigen Autoreifen unterwegs zum Baden. Wir kommen uns vor wie Walton und Stettler, die beiden Alten aus der Muppets-Show, die von ihrem Balkon aus jede Aktivität mit blöden Sprüchen kommentieren.

Wir fühlen uns etwas wehmütig, die Slowakei zu verlassen, wo wir uns geradezu „sauwohl“ gefühlt haben. Dementsprechend lange bleiben wir sitzen, bis wir endlich weiter müssen. Zum Abschied wird noch ein Foto vom Kneipenwirt und seiner Freundin gemacht.

Der Rest des Tages verläuft wie in Trance. Bei grösster Mittagshitze reisen wir nach Ungarn ein, wechseln Geld, kaufen eine Landkarte, überqueren bei Szob mit einer Fähre die Duna (Donau), und fahren dann entlang der Donau nach Westen (alles voller Holländer hier).

In der Kneipe "Bufet Sport"... In der Kneipe "Bufet Sport"...
...gibt es den letzten slowakischen Kaffee. ...gibt es den letzten slowakischen Kaffee.
Kneipenwirt mit Freundin. Kneipenwirt mit Freundin.

Die Quartiersuche dauert heute lange, denn die Campingplätze verlangen unverschämt hohe Preise (30 DEM pro Person – die spinnen!), und die Pensionen sind alle belegt. Endlich finden wir noch einen Campingplatz in Tata an einem See. In den Cafe’s rund um den See geht der Bär ab. Wir mieten eine 2 Mann Hütte. Der Campingplatz hat wohl früher einmal viele DDR Urlauber beherbergt, heute geht hier nichts mehr, alles gammelt vor sich hin, man kann noch nicht einmal ein Bier kaufen. Deswegen müssen wir uns abends doch noch in das Getümmel der Flaniermeile stürzen.

Dann verbringen wir mehr recht als schlecht die Nacht, und ausserdem werden wir von vielen Schnaken gepiesakt. Als Hanne am nächsten Morgen sieht, was sich in ihrem Bettbezug befindet (eine vergilbte, verlauste, undefinierbare Masse, die früher einmal eine Steppdecke gewesen sein muss), heisst die Devise: raus aus Ungarn.