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Das allmorgendliche Abenteuer beginnt – wo und in welcher Weise kann man seinen drückenden Ballast loswerden? Die Toilette ist in einem kleinen, sauber weiss und blau gestrichenen Häuschen untergebracht. Es ist richtig heimelig und penibel sauber. Da es kein fliessendes Wasser gibt, plumpst der Haufen senkrecht in die unter der Schüssel ausgehobene Grube. Selbst Hanne, die mit dieser Art von Trapperkack normalerweise so ihre Probleme hat, findet dieses Häuschen so anmutig, dass es bei ihr gleich doppelt rumpelt. Das neben der Kloschüssel angebrachte Waschbecken ist reine Attrappe, da, wie gesagt, weder fliessendes Wasser, noch eine Abflussmöglichkeit vorhanden sind. Dafür entschädigt ein Blumensträusschen und die gehäkelten Fenstervorhänge.

Das Frühstück haben wir auf unserem Benzinkocher schnell zubereitet, und dann fahren wir kreuz und quer durch den Lahemaa Nationalpark. In Paluse gibt es ein grosses Gutshaus derer zu „Pahlen“ (Gut Palmse), das einen Besuch lohnt. Im angrenzenden Souvenirladen erwerben wir eine ganze Reihe von Postkarten für die Freunde zu Hause.

Als wir von Palmse aufbrechen, zieht sich der Himmel bedrochlich zu. Kurze Zeit später „meiert“ es richtig herunter. Halb durchnässt erreichen wir das kleine Örtchen Kääsmu. Ein Bushäuschen und ein genau gegenüberliegender „Kauplus“ retten uns vor dem Ersaufen. Der Kauplus ist ein kleiner, schnuckeliger Tante-Emma Laden, der auch Kaffee ausschenkt. Nach dem Kaffee und den Segenswünschen eines Pastors, der sich inzwischen ebenfalls an der Bushaltestelle eingefunden hat, fahren wir weiter.

Es regnet und regnet. Wir sind zurück am Campingplatz und machen einen Waldspaziergang. Toomas, mit dem wir uns kurz unterhalten hatten, besitzt ca. 20 ha Grund. Wir schauen uns die verfallenden Gebäude der Russen an, die hier hundert Meter weiter stehen. Die Russen hatten hier die Küstenwache einquartiert, die darauf zu achten hatte, dass kein Einheimischer „illegal“ mit dem Boot davonfuhr. Jetzt bröckelt alles nach und nach. Dafür ist der Wald umso gesünder. Es gibt die seltensten Blumen, die verschiedensten Pilzarten, uralte Bäume, wilde Erdbeeren und Heidelbeeren.

Nett, so ein kleines Eigenheim. Würde uns auch gefallen. Nett, so ein kleines Eigenheim. Würde uns auch gefallen.
Ein typischer "Kauplus". Ein typischer "Kauplus".

Durch das Gras hüpfen bei jedem Schritt Frösche. Es ist ein Paradies der Flora und Fauna.

Der Regen hat aufgehört, die Sonne kommt wieder durch. Es gibt hier ein eigenes Holzhaus, in dem eine Sauna untergebracht ist. Wir lassen alle Klamotten fallen und waschen uns mit heissem Wasser aus dem grossen Zuber in der Saunastube. Welch eine Wohltat!

Wieviel braucht der Mensch?

Weil es so schön ist, beschliessen wir, noch einen Tag zu bleiben. Aber um nicht unnötig herumzufaulenzen, fahren wir nach dem morgendlichen Gewitterregen zunächst ein Stück nach Osten nach Kunda.

Der 5000 Seelen-Ort erinnert uns an eine Geisterstadt. Alles, was es hier gibt, und wovon die Menschen leben, ist eine riesige Zementfabrik. Im Umkreis von mehreren Kilometern liegt Zementstaub in der Luft und reizt beim Atmen. Kunda scheint ausgestorben. Ob Häuser, Bäume oder Strassen – alles ist dick mit Zementstaub belegt. Viele Fenster sind bestimmt schon seit Jahren nicht mehr geöffnet worden, die Sonne dringt nur schwer durch die trübe Luft.

Nach der grossen Ortsrundfahrt und bei aufklarendem Himmel geht es zurück, direkt an der Nordküste entlang. Es gibt hier die unberührtesten und dichtesten Wälder, durch die wir bisher kommen. Jeden Augenblick rechnen wir damit, dass ein Elch, oder wenigstens ein Bär, seine Nase aus dem Unterholz steckt, um zu sehen, was da draussen los ist.

Gewitter am Strand von Vainupea. Gewitter am Strand von Vainupea.

In Toolse fahren wir einen kleinen Sandweg zum Strand, wo eine verfallende und marode Burg immer noch den Meerwinden trotzt. In Vainupea träumen kleine Fischerboote müde vor sich hin. Ein aufgegebener Wachturm der Russen rostet gemütlich. Irgendwie gehört er hierher, genauso wie die kleinen Holzhüttchen der Fischer, die frische Brise und der Geruch des fischreichen Meeres.

Im kleinen Provinzstädtchen Vosu treffen wir in einem Cafe das holländische Ehepaar Meier, das in Groningen ein Schuhgeschäft betreibt. Kurz darauf gesellen sich noch zwei Freiburger hinzu. Es entwickelt sich sofort ein reger Gedanken- und Erfahrungsaustausch.

Schuhgeschäft Meier in Groningen/Holland. Schuhgeschäft Meier in Groningen/Holland.

Abends treffen wir uns alle auf unserem Campingplatz wieder, den wir den Holländern und Freiburgern empfohlen hatten.

Auch Toomas, der Besitzer des Platzes, kommt noch hinzu, und Hanne und ich trinken den unterwegs eingekauften original russischen Schampanskoje, zur Feier und zur Belohnung für Hanne’s gelungene „Reiseleitung“.

Toomas erzählt, dass sein Grossvater während der russischen Besatzungszeit nach Sibirien deportiert wurde und nie wiederkam, sein Vater hat 9 Jahre im „Untergrund“ verbracht, er hatte sich mit anderen Männern in den Wäldern versteckt.

Wir sitzen alle bis spät in die Nacht zusammen, trinken, lachen und erzählen über unsere Eindrücke in Estland. Es war einer der schönsten und gelungensten Tage überhaupt.

Toomas und ich beim "Erfahrungsaustausch". Toomas und ich beim "Erfahrungsaustausch".

Detlef, der Mann, den wir während der Schiffsüberfahrt nach Klaipeda kennengelernt hatten, hat uns per SMS eingeladen. Daher heisst unser heutiges Etappenziel: Vaiatu, das Dorf, in dem seine Frau und ihre Familie wohnen.

Wir müssen unsere Abfahrt zunächst etwas verschieben, weil ein schweres Gewitter losbricht. Aber das macht gar nichts, denn wir haben ja noch unsere Holzhütte und können so in aller Gemütsruhe packen. Da das Wetter sich nicht entscheiden kann, was nun werden soll, hangeln wir uns von Bushäuschen zu Bushäuschen, um immer wieder heftige Regenfälle über uns ergehen zu lassen.

Auf dem Weg nach Vaiatu. Auf dem Weg nach Vaiatu.

Später stabilisiert sich die Lage mit Wind und Sonne und vielen Wolken. Über Viitna – Kadrina – Assamalla – Vääke-Marja gelangen wir schliesslich nach Vaiatu. Nach kurzer Suche finden wir das Haus der Familie Seldnik und erleben einen herzlichen Empfang. Es gibt gleich ein verspätetes Mittagessen mit gefüllten Zucchini, Kartoffeln, Möhren und Blumenkohl, alles aus dem eigenen Garten. Eiskaltes Bier, dann Kaffee.

Noch Nachschub gewünscht? Noch Nachschub gewünscht?
Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Wir erzählen von dem, was wir bisher erlebt haben. Am Abend wird die hauseigene Sauna angeschürt, spät in der Nacht grillen wir eingelegtes Fleisch im Holzkamin. Es ist einfach herrlich. Hanne und ich stimmen überein, dass das in den letzten Wochen am häufigsten gebrauchte Wort „schön“ ist.

Wenn ich an diesem Abend darüber nachdenke, welche Schauergeschichten uns von verschiedensten Seiten aufgetischt wurden, dann kann ich nur sagen: „Alles Märchen!“. Man muss, wie in jedem anderen Land, vorsichtig sein. Aber ein Überfall oder Raub kann genausogut in Italien und Spanien stattfinden. Wir haben bisher keine Anmache oder gar gefährliche Situation erlebt. Alle Menschen sind freundlich und hilfsbereit, und beim Eintreten in ein Lokal oder bei der Frage nach dem Weg bei einer Bäuerin genügt schon ein freundliches „Tere“ (=“Hallo“), um das Interesse und die Hilfsbereitschaft zu wecken. Es mag in den grossen Städten vielleicht etwas gefährlicher sein, aber auch hier (z. B. in Riga) wurden bei unserer Suche nach der richtigen Buslinie gleich ganze Wartekolonnen mobilisiert, die uns weiterhelfen wollten.

Ich kann nur eines immer wieder feststellen: Bereite dich gut vor, sei nie unaufmerksam, aber vertraue auch deinem gesunden Menschenverstand. Und wie schon unsere Väter sagten: „So, wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder zurück.“

Sensationelle Pilzausbeute. Sensationelle Pilzausbeute.

Da uns die Zeit nicht drängt, nach St. Petersburg zu kommen, bleiben wir noch einen Tag bei Detlef und Kristine. Den Vormittag über versuchen wir, den PC von Kristine in Gang zu bekommen, aber alle Unternehmungen schlagen fehl. Nachmittags fahren wir gemeinsam in den Wald, um Pilze zu sammeln. Kristine’s Bruder, der im Bauern-

und Forstamt beschäftigt ist, beschreibt uns ein gutes Waldgebiet. Während ich bei den Motorrädern warte, ziehen Hanne, Detlef und Kristine mit Tüten und Messern los.

Nach ca. 2 Stunden sind wir wieder alle versammelt. Eine reiche Ausbeute! Etwa 6 kg Pfifferlinge und etwa 1 kg erlesenste Steinpilze sind der Lohn für die schweisstreibende Stapferei durch den Wald.

Nachdem wir durch strömenden Regen zurückgefahren sind (unterwegs kaufen wir noch einen geräucherten Fisch bei einer Strassenhändlerin und versuchen, Diafilme zu organisieren – aber die gibt es hier nicht), übernimmt Hanne das Zepter bei der Zubereitung der Pilze, bevor die einheimische Küche wieder alles mit Mehlschwitze und Dill „versaut“. Seit wir im Baltikum sind, ist Dill überhaupt das Kräutergewürz schlechthin. Ob Salat, Kartoffeln, Fisch oder Fleisch, auf allen Gerichten befindet sich tonnenweise Dill!

Aber jetzt, hier und heute nicht. Hanne zaubert uns ein Pilzgericht auf die Teller, das seinesgleichen sucht. Alle sind restlos begeistert und recken sich die Bäuche.

Hanne's Pilzzauber. Hanne's Pilzzauber.
Heute schon gefischelt? Heute schon gefischelt?

Das, was noch nicht verarbeitet wurde, wird in grossen Gläsern eingemacht, den Rest nimmt Kristine’s Bruder mit. Abends schwitze ich noch einmal bei 85 Grad in der Sauna, und dann geht’s nach einem kurzen Umtrunk ab in die Falle.