Menü
  • Deutschland | Grevenkrug | Gasthof "Auerhahn"

  • Ostsee | Fähre Kiel - Klaipeda | Entspannte Stimmung an Deck.

  • Litauen | Zemaitijos Nationalpark.

  • Litauen | See im irgendwo | Fischer bei der Arbeit.

  • Litauen | Irgendwo unterwegs | Bauer bei der Arbeit.

  • Lettland | Gedenkstätte Salaspils.

  • Estland | Vor Kunda | Elchgefahr!

  • Russland | St. Petersburg | Eine der Brücken über die Newa.

  • Russland | St. Petersburg - Schnellboot nach Peterhof | Achtung Spion!

  • Ostsee | Fähre Helsinki - Rostock | 7:00 Uhr morgens.

1. Die Wohnung

Wir wohnen im Stadtteil Poljustrovo, nicht weit vom Zentrum entfernt. In diesem Stadtteil gibt es überwiegend grosse Wohnblocks mit mehreren hundert Parteien. Die Gegend gehört nicht zum russischen Standard, sondern eigentlich schon mehr zur gehobenen Klasse. Die Zufahrtswege sind nicht gepflastert, und so läuft man den Weg zum Block durch morastigen und hügeligen Untergrund. Jeder Feldweg in Deutschland ist besser präpariert. Dennoch durchqueren die Zugänge jeden Tag alle Bewohner, insbesondere die Russinen mit hochhackigen Schuhen und kurzen Röcken geben ein abstruses Bild ab, wenn sie über den „Feldweg“ staksen.

Zwischen den Gebäuden halten sich überwiegend morgens und abends Menschen mit ihren Hunden auf, die hier „Gassi“ gehen. Es kommen meistens Bullterrier, Mastifs und American Staffordshire vor, die hier frei herumlaufen und in den Wohnungen gehalten werden.

Unser Wohnblock ist, wie alle anderen, vom Verfall geprägt. An allen Ecken bröckelt der Putz, viele Fenster lassen sich nicht schliessen oder sind bereits mit Holzstücken notdürftig repariert, weil eine Glasscheibe fehlt.

Unsere Wohnung befindet sich im 3. Stock. Das Treppenhaus ist finster, aus den Stufen sind viele Fliesen herausgebrochen, es stinkt muffig. Die Türen zu den einzelnen Wohnungen bestehen aus Eisenplatten, manche von ihnen wurden etwas mit Holz verkleidet. Klingeln oder Namensschilder gibt es nicht, nur kleine Nummern über den Eingangstüren.

Um in die Wohnung zu gelangen, benutzt man einen ca. 20 cm langen Schlüssel, den man ins Schloss steckt, dann um 90 Grad herumdreht, und anschliessend wieder herauszieht. Dies schiebt 2 Riegel zurück, die die Tür von innen blockieren. Ein Sicherheitsschloss ist nicht vorhanden, dafür eine zweite Haustür, die unmittelbar hinter der Tür zum Treppenhaus liegt. Auch sie ist nur durch Riegel zu sperren.

Die Wohnung besteht aus 2 Zimmern, einer Küche (ca. 5 qm), und einem Sanitärbereich (1 qm Klo, 2 qm Bad) jeweils ohne Fenster. Die Kloschüssel ist vergilbt und braun, ein Teil der Schüssel ist herausgeplatz, gottlob funktioniert die Spülung. Ein eigenartiger Geruch geht von hier aus, denn es kann ja mangels Fenster nicht gelüftet werden. Der Boden wurde bereits mehrfach mit Kunststoffteilen überklebt. Man kann nur ahnen, welche Dreckpartien sich hier untereinander befinden.

Im Bad gibt es eine Badewanne, deren innere Beschichtung aussieht wie die Runzeln eines Walrosses. Auch hier ist alles vergilbt. Der Wasserauslass ist schwenkbar und versorgt sowohl das kleine Waschbecken, als auch die Badewanne. Warmes Wasser gibt es nicht. In jeder Ecke steht irgendein Plastikeimer mit alten, durchlöcherten, stinkenden Woll(putz)lappen. Das Wasser aus dem Hahn schmeckt irgendwie ekelerregend. Man soll es auch nur zum Waschen benutzen, es ist kein Trinkwasser!

Die Küche ist etwa 5 qm gross. Es gibt ein Spülbecken aus emailliertem Metall, in das mit einem grossen Bohrer mehrere Abflusslöcher gebohrt wurden. Auch hier kein warmes Wasser, es muss auf dem Gasherd aus den 50er Jahren heissgemacht werden. Der Gasherd besitzt 4 Flammen. Die einzig regelbare ist die vorne rechts, bei allen anderen gilt: auf oder zu. Die Gasflammen selbst dümpeln nur dröge vor sich hin. Ich habe immer ein besonderes Glücksgefühl, wenn es mir gelingt, eine Flamme mit den Streichhölzern anzuzünden, und wenn es beim erstenmal klappt, denn die russischen Streichhölzer zünden nie beim ersten Reibeversuch, und wenn, dann gehen sie sofort wieder aus. Ich frage mich allen Ernstes, wie eine Nation in der Lage sein kann, Atom U-Boote herzustellen, wenn es noch nicht einmal funktionierende Streichhölzer gibt!

Das wenig vorhandene Geschirr und Besteck (es gibt keine Messer) ist voll vom Fett der letzten Jahre (kein Wunder, wenn immer nur mit kaltem Wasser und ohne Spülmittel „gespült“ wird), alle Ablagen triefen tiefbraun. Wenn man etwas darauflegt, klebt es beim Hochheben.

Aber es gibt einen abgegriffenen Kühlschrank! Nachdem wir ihm einige verpackte Lebensmittel anvertraut haben, versuchen wir, ihn so wenig wie möglich zu öffnen, da der Kühlschrank bei geöffneter Tür einen derart widerlichen Geruch verströmt, dass wir einen regelrechten Würgereiz verspüren.

Im Bad. Im Bad.
In der Keramikabteilung. In der Keramikabteilung.
Küche, Quadratmeter 1 und 2. Küche, Quadratmeter 1 und 2.
Küche, Quadratmeter 2 und 3. Küche, Quadratmeter 2 und 3.
Man beachte den Topfdeckel mit modernstem Hitzeschutz. Man beachte den Topfdeckel mit modernstem Hitzeschutz.

Die beiden Zimmer sind so weit in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass alles irgendwie alt, dreckig und staubig ist. Die Fenster schliessen nicht richtig und wurden an vielen Stellen mit Klebeband abgedichtet.

Man könnte nun sagen, dass hier besonders unreinliche Menschen wohnen, aber dies wird die Sache nicht richtig treffen. Normale Dinge des Alltags sind gewissermassen unerschwinglich für die Russen. Diese Wohnung ist keine Miet-, sondern eine Eigentumswohnung in bester Wohnlage. Man muss sich vor Augen halten, dass eine Lehrerin wie Gallina umgerechnet 80 DEM im Monat verdient, Tatjana als Gynakologin etwa 150 DEM bei 3 Arbeitsstellen! Eine Mietwohnung (1 Zimmer mit fliessendem Wasser) kostet etwa 100 DEM pro Monat. Wie soll sich also jemand, der keine gehobene Position bekleidet, und der zwischen 20 und 50 DEM im Monat erhält, eine Wohnung leisten, in der es wenigstens Wasser gibt? Wenn uns schon hier innerhalb einer Woche das Grauen gekommen ist – wie leben die Menschen „normalerweise“, und über Jahre? In dieser Wohnung lebt Gallinas Tochter Natascha, die aufgrund eines Unfalls gerade im Krankenhaus liegen muss. Gallina hat uns gesagt, dass sie uns in ihre eigene Wohnung nicht einladen könne. Ich verstehe, warum.

Während wir hier wohnen, fangen wir an, zu improvisieren. Mit dem Spülmittel aus unserem Küchenkoffer reinigen wir die Ablagen und das Geschirr, das wir benutzen. Wir kochen Wasser, giessen es in eine Plastikwanne und waschen uns damit gegenseitig. Gottlob gibt es in der Nähe einen gut sortierten „Supermarkt“, in dem wir Mineralwasser zum Trinken und Kaffeekochen erwerben können.