Menü
  • Deutschland | Grevenkrug | Gasthof "Auerhahn"

  • Ostsee | Fähre Kiel - Klaipeda | Entspannte Stimmung an Deck.

  • Litauen | Zemaitijos Nationalpark.

  • Litauen | See im irgendwo | Fischer bei der Arbeit.

  • Litauen | Irgendwo unterwegs | Bauer bei der Arbeit.

  • Lettland | Gedenkstätte Salaspils.

  • Estland | Vor Kunda | Elchgefahr!

  • Russland | St. Petersburg | Eine der Brücken über die Newa.

  • Russland | St. Petersburg - Schnellboot nach Peterhof | Achtung Spion!

  • Ostsee | Fähre Helsinki - Rostock | 7:00 Uhr morgens.

Da wir uns für kommenden Sonntag mit Gallina in St. Petersburg verabredet haben, bleiben uns jetzt noch 3 Tage Zeit in Estland. Wir wollen den Peipsi See erkunden, einen der grössten Seen Europas, der an seiner breitesten Stelle 30 km misst.

Nach einem herzlichen Abschied von Detlef und Kristine und ihrem Neffen Alan, der die Ferien hier verbringt (ein ganzer Kerl von echtem Schrot und Korn!), fahren wir von Vaiatu zunächst südlich Richtung Tartu, dann auf Schotterwegen östlich über Koosa zum See. Hier soll es 4 Dörfer geben, in denen überwiegend Russen und Ukrainer leben, die hier während der russischen Besatzungszeit angesiedelt wurden.

War in Estland bisher schon viel Armut zu sehen, die jedoch eine gemütliche Ursprünglichkeit und einfache Gepflegtheit ausstrahlte, so wandelt sich die Armut nun mehr und mehr zur tristen Agonie, je weiter wir zum Peipsi See vorstossen. In den Dörfern Varuja, Kasepää und Kolkja wird kein Rasen mehr gemäht, Müll türmt sich in den Vorhöfen, Schrott lagert am Strassenrand.

Abschied von Detlef, Kristine und Alan (v. rechts n. links). Abschied von Detlef, Kristine und Alan (v. rechts n. links).
Zwiebel-Dörfer am Peipsi See. Zwiebel-Dörfer am Peipsi See.
Lagerware. Lagerware.

Eine kleine Kirche mit eingestürztem Dach, viele der Häuser sind so marode, dass sie augenblicklich einzustürzen drohen. Holzhütten versinken im Morast.

Am Wegesrand stehen viele Holzschuppen mit weit geöffneten Toren, damit die Sonne die auf schrägen Brettgestellen ausgebreiteten Zwiebeln trocknen kann.

Die ganze Gegend scheint sich nur vom Anbau von Zwiebeln zu ernähren. Eine alte Frau mit abgenutztem Kopftuch bietet Zwiebeln an und kaut selbst einer herum. Wer, um alles in der Welt, soll hier Zwiebeln kaufen, wenn jede Familie Zwiebeln anbaut? Touristen gibt es hier keine.

Wir rollen langsam durch die Dörfer und halten nicht an. Es soll nicht ungefährlich sein. Mich wundert das nicht, denn die Menschen, die hier leben, gehören nicht hierher. Sie wurden von den Sowjets zwanghaft angesiedelt, um das Land, wie an vielen anderen Orten, mit der russischen Mentalität zu durchsetzen. Es ist nicht ihre Heimat, sie leben isoliert sowohl sprachlich, als auch kulturell, und für uns Touristen gehört es sich nicht, diese Menschen und ihre Armut wie exotische Tiere im Zoo abzulichten. So schiessen wir nur einige Fotos während der Fahrt, unbemerkt mit der kleinen Minox, und rücken niemandem mit grossem Objektiv direkt auf die Pelle.

Weiter geht es auf dem kleinen Strässchen am See entlang nach Norden. Leider zieht schweres Wetter auf (schon wieder einmal, aber das macht nichts, das kennnen wir schon, kurze Zeit später lacht wieder die Sonne), und so blickt der Peipsi mehr als düster. Einige Kekse aus dem Küchenkoffer heben unsere Stimmung, während wir unter einer alten, dichten Eiche mal wieder Schutz vor einem heftigen Regen suchen.

Bei Mustvee erreichen wir wieder die Hauptstrasse und fahren weiter bis nach Kauksi. Die Campingplätze hier gefallen uns alle nicht so gut, so dass wir auf einem kleinen, holprigen Strässchen weiter am See entlang nach Osten in Richtung russische Grenze federn.

Unser Reiseführer „Baltische Staaten“ aus dem Michael Müller Verlag sagt, dass es in Uuskülla kleine Häuser zu mieten gibt. Das Ganze entpuppt sich als russisches „Ferienzentrum“, in dem man zwar Steinhäuser für eine ganze Familie mieten kann, aber zu völlig unakzeptablen Preisen. Darüber hinaus liegt das Zentrum weit weg vom See und macht einen derart tristen Eindruck, dass es uns richtig mulmig wird. Neben der nicht ausgeschilderten Rezeption gibt es einen nicht ausgeschilderten „Supermarkt“. Hanne versucht, etwas Brot zu kaufen, aber nach dem dritten schimmeligen Laib, den sie in der Hand hält, gibt sie auf. Im Hinausgehen sieht sie noch, wie die Verkäuferin die Brote zurück ins Regal legt.

Uns ist ja klar, dass wir es hier im ehemaligen Ostblock mit anderen Verhältnissen zu tun haben, wie bei uns. Dies betrifft sowohl das Ambiente beim Einkaufen, als auch die Qualität und Frische der Ware. Auf früheren Reisen nach Tschechien oder in die Slowakei haben wir ausreichend Erfahrung mit den Ostverhältnissen gesammelt. Hier in Estland waren wir bisher mehr als angetan von den kleinen Kauplus-Läden, in denen man sehr gut einkaufen kann. Aber dieser Russenladen übertrifft alles bisher Dagewesene an Widerlichkeit! Typisch russisch?

Ein von aussen zwar schäbiger, innen aber blitzsauberer und relativ gut sortierter „Kauplus“ (ein einfaches Holzhäuschen) mit einer sich überschlagenden Verkäuferin macht ein paar Kilometer weiter wieder alles gut.

Ein Kauplus rettet uns wieder mal das Leben. Ein Kauplus rettet uns wieder mal das Leben.

Wir finden schliesslich Unterkunft am östlichen Ortsausgang von Alaioe in der „Villa Marika“, einem ausgedehnten Waldgebiet mit mehreren Häusern, wo man Zimmer mieten kann. Wir entscheiden uns für ein Zimmer im Haupthaus (220 Kronen pro Person und Nacht, = 27,50 DEM). Es ist klein, aber sehr sauber, mit bequemen Betten und elektrischem Strom. Klo und warme(!) Dusche teilt man sich mit dem direkt gegenüberliegenden, nächsten Zimmer. Hier lässt es sich aushalten.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Im grossen Waldgelände stehen Bänke, Tische und riesige Grills zur freien Verfügung. Holz zum Feuern ist ebenfalls gratis, zusätzlich kann man in der angeschlossenen Gaststube essen und trinken.

Bei strahlend blauem Himmel, untergehender Sonne und heftigem, aber keinesfalls unangenehmem Wind, machen wir einen Abendspaziergang am Seeufer. Weisser Sand wie in der Karibik, so weit das Auge reicht, alles in allem etwa höchstens 20 Menschen, die sich am Ufer aufhalten, die meisten davon Angler. Der See hat starke Brandung durch den Wind, Möwen torkeln kreischend über unsere Köpfe, tosendes Wasser landet an. Wir fühlen uns wie am Meer, aber eigentlich ist das der Peipsi See auch. Wir lieben ihn.

Am Peipsi See. Am Peipsi See.

Wir wollen die nähere Umgebung erkunden und fahren mal wieder auf Sand- und Schotterpisten durch dichten Wald weiter nach Osten, am See entlang. Es sind von unserer „Villa Marika“ nur noch etwa 15 km bis zur russischen Grenze, die durch die Narva gebildet wird, ein kleines Flüsschen mit vielen Seitenarmen. Wir tuckern einige Kilometer an der Narva entlang und geniessen die unberührte Natur, die dichten Wälder und die schnuckeligen Dörfchen am Flussufer mit ihren träumenden Ruderbooten. Drüben, auf russischer Seite, geht es genauso malerisch weiter. Es gibt keine Wachtürme, Zäune oder ähnliche Einrichtungen. Verschlafenes, idyllisches Mittelalter.

In Jaama zweigen wir ab nach Nordwesten. 20 km weiter besichtigen wir das Kuremäe Kloster, eine der bekanntesten Kirchen und Pilgerstätten Estlands.

Im Kloster leben etwa 150 Nonnen aus allen Gebieten der ehemaligen UdSSR. Was die Nonnen zum Leben brauchen, beziehen sie ausschliesslich aus eigener Herstellung. Sie betreiben Ackerbau, backen Brot, erzeugen Honig, stellen ihre Gewänder und Hauben selbst her, binden Bücher usw.

Im Reiseführer steht, dass man im Kloster auch übernachten kann. Unsere Frage danach gestaltet sich etwas schwierig, weil alle Nonnen nur russisch sprechen. Schliesslich findet sich doch eine englischsprachige Schwester, die uns dann allerdings erklärt, dass Übernachtungen nur Wallfahrern gestattet werden. Schade, denn hier wären wir gerne von Samstag auf Sonntag geblieben, bevor wir nach Russland einreisen. Aber das ist nicht weiter tragisch, denn auch in „Villa Marika“ fühlen wir uns „sauwohl“, bis jetzt jedenfalls.

Es ist noch früh am Nachmittag, daher starten wir durch nach Jöhvi, und rollen weitere 50 km nach Narva, die letzte grosse Stadt in Estland, und Grenzstadt nach Russland. Von Narva hatten wir erwartet, dass es sich um ein düsteres, russisches Loch am Ende der Welt handelt. Aber das Gegenteil ist der Fall: eine saubere, freundliche Stadt mit bunten Strassen und Fassaden lädt zum Verweilen ein. Lediglich die finsteren Mienen der Menschen machen uns etwas zu schaffen, aber Narva ist zu 98% russisch, und die Gesichtsausdrücke sind wohl überwiegend genetisch, und nicht mental bestimmt.

In Narva steht die Hermannsfestung, die wir besichtigen wollen. In einem grossen Kreisel weist ein Schild geradeaus – aber welche Kreiselausfahrt? Beim zweiten Versuch stehen wir irgendwie unmittelbar vor der Festung, denn ich kann das Dach des grossen Wehrturmes hinter Bäumen sehen, aber wir finden den Eingang nicht. Stattdessen befinden wir uns direkt am Zollhäuschen und der Grenzschranke nach Russland. Nach zwei weiteren Versuchen, die Burg zu finden, klappt es endlich. Ein grosses Schild hätte an der richtigen Stelle genügt. Wir parken die BMW auf dem Grenzparkplatz, stecken unseren Tankrucksack in gewohnter Weise in unseren mitgebrachten Rucksack, laufen 50 Meter durch den Park, und „sind drin“.

Willkommen in Narva. Willkommen in Narva.
Die Hermannsfestung, im Hintergrund die Burg von Ivangorod, Russland. Die Hermannsfestung, im Hintergrund die Burg von Ivangorod, Russland.
Eintrittskarte (Billet) für die Hermannsburg. Eintrittskarte (Billet) für die Hermannsburg.
Erster Blick hinüber nach Russland. Erster Blick hinüber nach Russland.

Ein herrliches Schauspiel bei Kaiserwetter, das sich uns da bietet. Auf estnischer Seite die Hermannsburg, direkt aus dem Ufer der Narva aufsteigend, am anderen Ufer, also gerade mal etwa 100 m entfernt, die Burg von Ivangorod (russische Seite). Beide Burgen haben sich in der  Vergangenheit immer wieder heftig bekriegt und mächtig beschossen (und demoliert). Ein riesiges Geschütz auf dem Vorplatz bringt dies nachdrücklich zur Geltung. Ich muss lachen und an den Streit um den „Maschendrahtzaun“ denken, der hier erbittert und mit vielen Toten auf beiden Seiten geführt wurde. Man stelle sich vor: Ein kleines Flüsschen mit riesigen Festungen auf jeder Uferseite, wo mächtige ballistische Geschosse hin- und herfliegen. Plopp! Treffer!. Alles freut sich. Die Gegenseite antwortet unverzüglich. Tsssss! Waren und sind wir eigentlich alle noch ganz dicht?

Die Frage stellt sich erneut bei der Besichtigung der Burg, speziell beim Aufstieg auf den Turm. Wir haben am Eingang ein Ticket erworben – damit ist normalerweise alles klar. Hier offensichtlich nicht, denn beim Betreten jedes Stockwerkes werden wir von einer anderen schläfrigen Dame aufgefordert, unsere „Billets“ zu zeigen. Überbleibsel einer russischen Beschäftigungspolitik oder Kontrolle, ob ich auch wirklich berechtigt bin, hier zu fotografieren (kostes extra)?

Die Burg als solche hat sich gelohnt, die Besichtigung des Museums weniger, da hier genau derselbe alte Krempel ausgestellt ist, den man in jedem anderen Museum auch begutachten kann (alte Stiche, Pistolen, Rüstungen, usw.).

Zurück in der Stadt versuche ich erneut, Diafilme zu erwerben, aber keine Chance – alles nur Negativfilme.

Die 100 km zu Villa Marika sind leicht zurückgelegt. Nachdem wir unser Zimmer wieder bezogen haben, füllt sich das ganze Haus innerhalb kürzester Zeit. Eine Firma aus Tallin verbringt mit allen Angestellten das Wochenende hier. Entsprechend laut geht es die ganze Nacht über zu. Wir haben kein Auge zugemacht.