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Ein trister Morgen. Grau verhangener Himmel, kalt. Entsprechend unserer müden Verfassung nach dem Gelärme um den nächtlichen Grill und die Duschorgie der Nachbarin um 3 Uhr morgens und unserem dementsprechend niedergeschlagenen Gemüt, beschliessen wir, heute zu faulenzen, denn morgen wollen wir nach St. Petersburg durchstarten, und in einer Grosstatdt ist sowieso viel Hektik und Aktivität angesagt – also noch einmal ein Tag Ruhe und Gemütlichkeit.

Wir setzen uns auf die Terrasse der Gaststube, um Ansichtskarten an die Freunde zu Hause zu schreiben. Am Nebentisch frühstücken die Leute aus Tallin mit Bier – keiner von ihnen hat geschlafen. Eine junge Frau kommt vorbei und erzählt, dass ihr kleiner Hund diese Nacht verschwunden ist. Die Männer am Nebentisch (sturzbesoffen) machen uns an, gottlob kann die junge Frau mit dem verlorenen Hund übersetzen. Einer von ihnen ist geil auf unser Motorrad – er ist überhaupt irgendwie geil auf alles und redet ständig vom Ficken. Er sagt, dass wir nicht nach Russland fahren sollen, denn die Russen klauen alles, und wir müssten zu Fuss zurücklaufen. Ihm sei sein Auto dort auch schon gestohlen worden. Erst bietet er mir sein Motorboot zum Tausch gegen die BMW an, dann seinen schrottreifen Ford Sierra („very good“).

Später fahren die beiden sterngranatenvoll in einem Lada ab. Gottseidank! Die Stimmung von Hanne wird zusehends düsterer. Erst die unruhige Nacht, dann dieses graue und kalte Wetter, jetzt noch das gefährliche Geschwafel vom Nebentisch – sie ist fix und fertig.

Wir versuchen am Nachmittag, eine Runde zu schlafen, aber auch das gelingt uns nicht. Es ist ein richtiger Tiefpunkt erreicht. Erst ein Spaziergang am Peipsi bringt Hanne wieder einigermassen in Schwung. Ich versuche auch mehrfach, auf sie einzuwirken, dass sie nicht so viel Gewicht auf das Geschwätz von Betrunkenen legen soll. Erst später wird sie mir gestehen, dass die ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hat, die Reise hier abzubrechen, oder mit dem Bus von Narva nach Petersburg zu fahren.

Die kommende Nacht verbringen wir zwar ruhiger, denn die Leute aus Tallin sind abgereist, aber auch nicht gerade in ruhigem Tiefschlaf, denn Hanne’s Stimmung und die Erzählungen vom Nebentisch haben auch mich beunruhigt. Nichtsdestotrotz! Nicht hinter jedem düsteren Gesicht lauert ein Gangster und nicht hinter jedem Baum und Strauch steckt die Mafia. Wie viele Personen und Familien fahren die Strecke jeden Tag? Gibt es ein Pro und Contra, an einem Sonntag zu fahren, oder sollte man lieber einen Wochentag wählen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur eins: ausnahmslos alle Schauergeschichten haben sich bisher als Märchen erwiesen. Unser Ziel lautet: St Petersburg. Wir müssen uns vorsehen, aber nicht irre machen lassen von Alkoholikern!

Die Stimmung ist gedrückt, aber nicht hoffnungslos. Das Wetter weiss noch nicht so recht, was es will. Wir laden das Motorrad. Ich scherze ein wenig herum, aber ich kann auch keine richtige Fröhlichkeit aufkommen lassen. Wir dürfen nicht vergessen, in Estland unsere Postkarten noch einzuwerfen.

Der alte Boxer brummt gleichmässig vor sich hin. Die Strecke ist bekannt, es gibt nichts Neues. Wir haben unsere Wertsachen gleichmässig an verschiedenen Stellen an unsere Körper verteilt, auch im Rahmenrohr des Motorrads befinden sich noch Dollarscheine und Kopien der wichtigsten Dokumente. Die Landschaft zieht vorbei, Narva taucht wieder auf. Den Tank nochmal vollpacken. Wir haben uns vorgenommen, unterwegs nicht anzuhalten, keine Pause zu machen. Das ist normalerweise kein Problem, denn die Entfernung von Narva bis St. Petersburg beträgt nur etwa 140 km, aber angesichts unserer Aufregung und der daraus resultierenden Pinkelanfälligkeit sehe ich doch schwarz, zumal wir ja in Petersburg noch die Adresse von Gallina’s Tochter finden müssen, un die liegt fast im Zentrum einer Millionenstadt.

Die Abfertigung durch die estnischen Zöllner in Narva erfolgt problemlos, dann rollen wir über die Flussbrücke zur russischen Seite. Es sind zwei oder drei Autos vor uns, auf dem Gehsteig warten etliche Fussgänger auf ihren Durchlass, die uns neugierig mustern. Der Grenzübergang ist klein und übersichtlich, die Zöllner und Polizisten sehr höflich und zuvorkommend. Die Anspannung lässt nach. Die Visas sind in Ordnung, kurze Kofferkontrolle und die Frage nach Drogen, Alkohol oder elektronischen Geräten. Ein scharfer Schäferhund an einer langen Kette in der Mitte des Geländes lässt keinen Zweifel aufkommen, dass im Falle des Falles ein hastiger Fluchtversuch hier unmöglich ist.

Ich fülle ein Formular aus, dessen Angaben dann umständlich in einen russischen Computer gehackt werden, von dem aus sie auf einem wunderschönen Zertifikat hochoffiziell ausgedruckt werden. Es ist die Zollbescheinigung über die Einfuhr eines Kraftfahrzeuges. Das Original wird sofort abgeheftet, den Durchschlag muss ich mitführen. Diesen Zettel bloss nicht verlieren! Sonst reise ich mit einem unbekannten Fahrzeug aus (vorausgesetzt, wir reisen überhaupt noch mit einem eigenen Fahrzeug aus), und muss entsprechend Zollgebühren zahlen. Keine Frage nach einer Haftpflichtversicherung, und ich frage auch ganz bewusst nicht.

Zum Schluss wünscht man uns „Gute Reise“, ein letzter Schlagbaum, das war’s. Jetzt sind wir in Russland.

Sofort und fast noch halbwegs auf dem Grenzgelände halten wir an einem Getränkekiosk an. Vergammelte Hunde streunen herum, ein schmutziger Junge bettelt uns an. Ein heruntergekommener Wohnblock im Hintergrund. Für uns: aus dem Küchenkoffer ein Schluck Wasser und Cola, eine Marlboro, dann Helm auf und los.

Reisepass und Visum. Reisepass und Visum.

Kurz vor dem Stadtende von Ivangorod passieren wir noch einmal einen Schlagbaum, aber die Uniformierten winken uns durch. Ich frage: „St. Petersburg?“ und deute auf die Strasse. Alle nicken und winken uns zu. Ich schalte die Gänge durch, das Motorrad kommt auf Touren.

Wir hatten uns vorgenommen, nie alleine auf der Strasse zu sein, sondern am besten immer im Pulk mit anderen Fahrzeugen unterwegs zu sein. Die Grenzabfertigung geht doch insgesamt etwas langsam vonstatten, so dass nur sehr verzeinzelt Fahrzeuge den Posten verlassen können. Somit kommt keine zusammenhängende Autoschlange zustande. Auch wir sind im Moment allein. Ich schaue in den Rückspiegel und erkenne einen Bus, drossele die Geschwindigkeit, so dass der Bus aufholen kann. Aber er ist so langsam, dass es offensichtlich keinen Sinn macht, auf ihn zu warten. Ausserdem handelt es sich nicht um einen Reisebus, sondern eher um einen Linienbus, der wahrscheinlich sowieso an jeder Haltestelle bremsen wird, und ausserdem auch nicht bis Petersburg fährt. Nach wenigen Minuten gebe ich wieder Gas.

Nun sind wir allein. Die Strasse führt durch dichten Wald, der bis an die Fahrbahn reicht, ohne puffernde Randstreifen. Ich mache mir Gedanken um Hanne und schaue nach hinten. Sie winkt mir ein „OK“ zu. Alles ist in Ordnung. So fahren wir einige Kilometer, einige Autos überholen uns, weil wir nur 90 km/h fahren dürfen, nichts passiert. Familien sind unterwegs, Kinder auf den Rücksitzen.

Manchmal fahre ich extra langsam, um einen Wagen vorbeizulassen, der seit geraumer Zeit hinter uns ist, um zu sehen, wer darin sitzt – es sind alles normale Menschen. Auch schwere Autos mit dunkel getönten Scheiben rollen bedeutungsvoll, aber ungefährlich, vorbei.

Wir kommen durch mehrere kleine Dörfer und Städtchen. Die Häuser sind verwahrlost, Vorgärten von Unkraut überwuchert. Die Menschen sitzen an der Strasse und bieten Gurken oder Kartoffeln an. Niemand arbeitet. Die Menschen sitzen direkt auf dem Erdboden oder gar in Pfützen, wo es 2 m weiter einen Grasflecken gibt! In Estland hatte man noch ein kleines Hockerchen und einen Schirm aufgestellt – hier gibt es das nicht mehr.

Tages"geschäft" auf freier Strecke. Tages"geschäft" auf freier Strecke.

Selbst eine Holzkiste würde genügen, um nicht im Matsch zu sitzen. Offensichtlich gibt es doch Unterschiede in der Mentalität? Ich will niemandem, und schon gar keinem armen Menschen Unrecht tun, aber bei diesem Anblick sind wir im Kopf nicht mehr ganz mitgekommen. Kann einem denn alles scheissegal sein, selbst mit einem durchnässten Hintern durch die Gegend zu laufen?

Wir passieren zwei Polizeikontrollen, wo der internationale Führerschein verlangt wird. Die Beamten sind freundlich und korrekt und bemühen sich, Englisch zu sprechen. Es gibt keine Schikanen.

Einmal halten wir auf weiter Flur an einem überdachten Bushäuschen, um einen Regenschauer abzuwarten. Die aus Betonteilen zusammengesetzte Unterstellmöglichkeit lässt an jeder Fuge das Wasser durch und tropft nur so vor sich hin.

Beschilderungen, Leitplanken und Signale an Bahnübergängen sind unvollständig, verbogen, demoliert, verrostet, alles ist in einem desolaten Zustand.

Der Verkehr nimmt schliesslich zu und in weiter Ferne schimmert urplötzlich nach einer Strassenkuppe in hellem Sonnenlicht eine Kette von weissen Hochhäusern: St. Petersburg ist in Sicht!

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Erhöhte Konzentration ist wieder gefragt, denn die Strasse wird nach dem Ortsschild (ein einfaches, weisses Blechschild – Petersburg hätte hier doch etwas Vornehmeres verdient) mehrspurig, wobei die einzelnen Fahrspuren nicht durch Markierungen voneinander getrennt sind. Jeder fährt gerade so, wie es am besten passt. Wir schwimmen mit. Nach kurzer Gewöhnungsphase läuft alles wie geschmiert. Endlich erscheint die Strasse auch auf dem Stadtplan vor mir im Tankrucksack. Ab jetzt kann ich mich konkret orientieren. Lediglich die kyrillischen Beschriftungen stiften Verwirrung, denn so schnell kann ich sie nicht interpretieren.

Tiefer und tiefer tauchen wir in die Stadt ein, die Vororte liegen hinter uns. Die Fahrbahn mit Spuren in eine Richtung ist nicht selten mehr als 30 m breit, jetzt kommen auch elektrische Busse und Strassenbahnen hinzu. Die Häuser und Wohnblocks werden immer grösser, riesige Werbeplakate tauchen auf. Taxis schiessen kreuz und quer, Fussgänger überqueren in riesigen Trauben die Strecke. Die Fahrt geht weiter Kilometer um Kilometer. Welch eine Stadt! Welch ein Leben!

Wir stecken jetzt irgendwo mittendrin und halten zweimal, um uns zu orientieren. Wir befürchten jedesmal einen Zwischenfall, weil alle Männer mit so finsteren Gesichtern daherkommen, dass es einem ganz anders wird. Nachdem wir die Brücke über den Güterbahnhof passiert haben, läuft alles wie geschmiert. Wir fahren jetzt am Flussufer der Newa entlang nach Norden und sehen bereits einige der Prachtbauten in der Sonne glänzen. Nach einer weiteren halben Stunde haben wir den Stadtteil Poljustrovo erreicht und finden auf Anhieb die Strasse und den Wohnblock, wo uns Gallina erwartet.

Hanne wagt sich nach kurzem Zögern in den dunklen Treppenaufgang. Ich warte draussen beim Motorrad. Kurze Zeit später höre ich lautes Gelächter, und Hanne taucht mit Gallina unten auf. Wir werden begrüsst wie alte Freunde, mit Umarmungen und Küsschen und grossem Tohuwabohu – einfach ehrlich und herzlich.

Wir laden das Gepäck vom Motorrad ab, dann fahre ich mit Gallina auf dem Rücksitz zwei Kilometer weiter zu einem Parkplatz, wo ich das Motorrad abstellen kann. Ein Fahrzeug direkt am Haus zu parken ist zu gefährlich (Diebstahl), daher muss ein bewachter Parkplatz aufgesucht werden. Der Wächter zögert zunächst, das Motorrad anzunehmen – dies sei angeblich verboten.

Gallina überredet ihn schliesslich, und auch mein Bonus in Form von Rubels tut sein Übriges.

Herzlich willkommen in St. Petersburg! Herzlich willkommen in St. Petersburg!
Unser Heim für die nächsten Tage. Unser Heim für die nächsten Tage.
Gallina und Tatjana. Gallina und Tatjana.
Nastarovje! Nastarovje!

Ich verspreche eine zusätzliche Dreingabe, wenn das Motorrad in einer Woche noch unbeschadet hier steht. Noch immer in Regenklamotten, komme ich danach schweissgebadet mit Gallina wieder am Haus an. Hanne hat sich zwischenzeitlich schon mit Tatjana angefreundet, einer Freundin von Gallina, die heute auch hier ist.

Gallina und Tatjana sind ganz wild aufs Marlboro-Rauchen, und so verbringen wir die erste halbe Stunde auf dem kleinen Balkon und jeder pafft zufrieden vor sich hin. Dann gibt es Essen – Tatjana hat gekocht. Ein Reis-Fisch-Salat, Tomatensalat, Brot. Ich bin schon pappsatt, da kommt die Hauptspeise – gebratener Fisch und Kartoffeln. Eigentlich will ich gar nichts mehr essen, und ausserdem bin ich schon halb betrunken. Aber das gilt hier nicht – der nächste Wodka wird nachgeschenkt. Nastarovje! Russische Gastfreundschaft ist erdrückend.

Spät in der Nacht brechen Gallina und Tatjana auf. Hanne und ich beziehen unsere Betten. Es folgt eine unruhige Nacht, verursacht durch zuviel Alkohol, die Geräusche und Gerüche einer fremden Stadt, und widerlich aufdringliche Stechmücken.