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Heute ist volles Programm angesagt. Um kurz nach 10 Uhr morgens treffen wir auf der Milizstation ein, um unseren Stempel eintragen zu lassen. Der Vorraum ist bereits mit wartenden Menschen total überfüllt. Ich gehe zu der jungen Frau am Tresen, die einige Worte Englisch spricht. Sie erklärt mir, dass ich in das Büro auf der rechten Seite gehen müsse. Zielstrebig laufe ich auf die Tür zu und will sie gerade öffnen, als grosser Tumult im Warteraum losbricht: „Bitte hinten anstellen!“

Ach du Schreck! Wenn all diese Leute bereits auf dieselbe Bearbeitung warten und ich die Arbeitsgeschwindigkeit der Russen richtig einschätze, dann stehen wir nächste Woche noch hier! Na gut, also erst mal anstellen und warten. Wir kommen mit einem jungen deutschen Pärchen ins Gespräch, auch sie sitzen bereits seit geraumer Zeit hier. Während die Zeit dahinschleicht und hin und wieder eine Person offensichtlich glücklich aus dem rechten Büro kommt, beobachte ich die wartenden Menschen. Da gibt es eine weitere Gruppe von Deutschen, die eifrig an einem Nebentisch scheinbar wichtige Formulare ausfüllen.

Wir sprechen sie an. Die Gruppe kommt direkt aus der Nähe, wo wir in Deutschland wohnen. Die Welt ist doch ein Dorf! Einer der Männer ist mit einer Russin verheiratet, sie besuchen die Mutter, die in Petersburg wohnt. Wir erfahren, dass wir erst mal einen Antrag ausfüllen müssen. Den Antrag gibt es im Büro rechts. Ich glaube, ich spinne. Sollen wir hier 5 Stunden warten, um ein Antragsformular zu bekommen? Dann Antrag ausfüllen und wieder anstellen? Wo doch das Büro nur von 10 – 12 Uhr geöffnet ist?

Gottlob will uns die russische Frau des einen Mannes helfen. Sie spricht mit der Frau am Tresen, und kurze Zeit später haben wir die Antragsformulare in der Hand. Alle Beschriftungen sind in russisch, und die Formulare müssen auch in kyrillischer Schrift ausgefüllt werden. Mein Hals wird dicker und dicker, ich bin am Explodieren. An den Wänden hängen ausgefüllte Musterformulare als Anschauungsmaterial, aber ausschliesslich in russisch. Was soll der Blödsinn hier? Wahrscheinlich wird sich diesen unsinnigen Stempel niemals mehr irgendjemand ansehen, zweitens ist dies ein Büro, in dem ausschliesslich Touristenangelegenheiten bearbeitet werden, und Touristen sprechen ja wohl in der Regel eine ausländische Sprache. Ich erwarte ja nicht, dass jedes Formular in jeder Sprache der Welt verfügbar ist, aber wenigstens Englisch könnte man ja wohl voraussetzen. Handelt es sich hier um althergebrachte kommunistische Willkür oder einfach nur um haltlose Beschränktheit?

Ohne die russische Frau oder intensive russische Sprachkenntnisse wären wir hier hoffnungslos verloren gewesen. Aber der dickste Hund kommt noch. Es wird eine Bearbeitungsgebühr von 9 Rubel pro Person verlangt (ca. 70 Pfennig). Die Gebühr muss bei einer weiter entfernt liegenden Bank bezahlt werden, die auch einen kleinen Quittungszettel bestätigt. Die Bank ist aber erst ab 15 Uhr nachmittags geöffnet, was bedeutet, dass wir am nächsten Tag wieder hier mit unserer Quittung erscheinen müssten. Was macht man, wenn man nur 2 oder 3 Tage in Petersburg verbringt, und diese Tage auf Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag oder auf ein Wochenende fallen?

Ich bin am Platzen vor ohnmächtiger Wut und aus haltlosem Zorn auf eine derartige beschränkte Borniertheit. Warum kann nicht ein Ständer mit den Antragsformularen im Warteraum aufgestellt werden, und warum sagt einem die Frau am Tresen nicht, was zu tun ist?

Die russische Frau des Deutschen hilft uns aus der Patsche. Ihre Mutter, die auch anwesend ist, handelt mit der bearbeitenden Beamtin aus, dass sie am nächsten Tag die Bankbelege vorbeibringen darf, und dass wir heute noch durchgeschleust werden. Wir geben der Mutter genügend Geld für die Bank, unsere mittlerweile ausgefüllten Formulare verschwinden zusammen mit unseren Pässen und einer Beamtin in irgendeinem Büro. Es ist kurz nach 12 Uhr, offiziell Feierabend. Wir warten und hoffen, dass jetzt nicht alle Rolläden heruntergehen.

Das Wunder geschieht: nach etwa einer halben Stunde erscheint die Beamtin mit unseren und einer ganzen Reihe weiterer Unterlagen von anderen Leuten. Einer nach dem anderen bestätigt den Erhalt seines Ausweises und des Registrierungsstempels, dann sind wir entlassen. Ich mache drei Kreuzzeichen und verfluche Russland.

In einer Imbisstube nehmen wir eine Kleinigkeit zu uns und lassen erst einmal Dampf ab. Aber viel Zeit bleibt uns nicht, denn wir sollten schon längst bei Natascha, der Tochter Gallinas, sein, die nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. So heisst es kurz darauf also: wieder los. Wieder einmal laufen wir den Nevskyi Prospekt entlang und biegen kurze Zeit später in die Seitenstrasse ein, in der sich das Krankenhaus befindet. Es ist ein grosses, altes Gebäude. Im von Unkraut bewachsenen Vorhof laufen oder liegen streunende Hunde herum. Gallina erklärt uns später, dass sie die Abfälle aus dem Krankenhaus fressen. Im Winter werden alle erschossen. An der Eingangstür quillt ein durchweichter Pappkarton mit Müll über – der Abfalleimer. Noch im Eingangsbereich und in den Gängen liegen ausgetretene Zigaretten.

Das Krankenhaus riecht muffig, die Gänge sind düster. Wir blicken in einige Krankenzimmer und fühlen

Vorgarten des Krankenhauses. Die Hunde wohnen in Erdlöchern. Vorgarten des Krankenhauses. Die Hunde wohnen in Erdlöchern.
"Blumenpracht" im Krankenhaus. "Blumenpracht" im Krankenhaus.

uns in die 30er Jahre zurückversetzt. An der Tür zur Station, auf der Natascha liegt, befindet sich ein Fussabstreifer, der selbst und um den herum es so dreckig ist, dass er bei uns in einer Sondermülldeponie entsorgt werden müsste.

Natascha liegt „privat“, das heisst, dass sie gewisse Privilegien besitzt (Einzelzimmer, beste medizinische Versorgung). Dafür muss alles selbst bezahlt werden. Dies war nur durch eine Spendenaktion bei allen Freunden und gar einem Aufruf im russischen Fernsehen möglich. Normale Patienten, insbesondere Menschen, die arbeitslos sind, erhalten nur eine ärztliche Minimal-Erstversorgung. So sind Verstümmelungen nach Notfalloperationen keine Seltenheit, da keine weitere medizinische Nachsorge erfolgt. Krebsgeschwüre werden nicht operiert, wenn kein Geld vorhanden ist. Braucht jemand eine Brille und kann sie nicht selbst bezahlen, sind weitere Augenkrankheiten oder gar Blindheit vorprogrammiert. Zahnlose, junge Menschen sind nicht selten.

Bankrott eines Staates.

Nach unserem Besuch (es ist jetzt später Nachmittag) können wir keine weiteren grösseren Besichtigungstouren unternehmen. Wir beschliessen deshalb, auf einem der vielen Boote eine Kanalrundfahrt durch die Stadt zu machen. Ein grosses Boot mit verglasten Sitzreihen und Freiluftbänken im Heckbereich liegt abfahrtbereit am Kai.

Peter und Paul Festung auf der Haseninsel. Peter und Paul Festung auf der Haseninsel.

Wir zögern nicht lange. Kurz vor der Abfahrt erscheint der Kapitän und schickt uns alle in den überdachten Innenraum. Wir diskutieren hin und her – es ist strahlender Sonnenschein, und wir wollen im Freien sitzen.

Der Kapitän sagt, es sei zu gefährlich, draussen zu sitzen, wegen der geringen Höhe der Newa-Brücken. Blödsinn! Viele Boote fahren mit Freiluftpassagieren herum. Zugegeben, sie sind geringfügig flacher als unser Schiff, aber es ist allemal genug Platz und freie Kopfhöhe.

Kurz nach der Abfahrt spreche ich den Kapitän noch einmal an. Er meint, es sei kein Problem, draussen zu sitzen, gegen die geringe Gebühr von 10 US$ pro Kopf. Verbrecher!

An diesem Abend beschliessen Hanne und ich, bereits am Samstag Russland zu verlassen, 2 Tage früher als geplant.

Wir fahren mit einem Tragflächenboot die Newa hinaus und anschliessend ein Stück durch den Finnischen Meerbusen zum Peterhof, ca. 30 km südwestlich von Petersburg.

Schon 1704 liess Peter der Grosse hier ein Holzhaus errichten, da ihm der Platz gefiel und er auf dem Landweg nach Kronstadt rasten wollte. Dann begann, nach Entwürfen, an denen der Zar selbst entscheidend mitwirkte, in rascher Folge der Bau von Schloss Monplaisir, die Anlage der Parks und der fast zahllosen Fontänen, der Bau eines grossen Schlosses und noch mehrerer kleiner Schlösser.

Im Zweiten Weltkrieg war Peterhof Frontgebiet. Alle Gebäude wurden schwer beschädigt oder vollständig zerstört, mitsamt den Inneneinrichtungen, soweit sie nicht ausgelagert waren. Mit ungeheurer Energie, mit Sachverstand und Liebe zu den alten Kunstschätzen haben russische Restaurateure die Schloss- und Parkanlage nach historischen Bilddokumenten wiederhergestellt.

Nach unserer Rückkehr schlingen wir schnell noch in einem Fast-Food Lokal Pizza, Hähnchen und Pommes hinein. Dann treffen wir uns mit Gallina im Krankenhaus bei Natascha, denn Gallina hat uns ins Theater eingeladen. Zusammen mit Artiom, Nataschas Freund, der auch im Krankenhaus ist, und Gallina, machen wir uns auf den Weg ins Theater, das um 20.30 Uhr beginnen soll. Unterwegs kehren wir noch in einem Cafe ein. Gallina kauft auch Zuckergebäck, das ich mühselig in mich hineinstopfe, denn die Fast-Food Pizza liegt mir bereits ausserordentlich schwer im Magen.

Es ist kurz vor halb neun, als wir wieder aufbrechen. Gallina meint, dass wir höchstens einen Weg haben von „20 Minuten, vielleicht dreiviertel Stunde“ (! ?). Nachdem wir uns verlaufen haben, und Artiom zweimal nach dem Weg gefragt hat, kommen wir schliesslich doch noch verspätet am Theater an. Mir qualmen die Socken (wir sind schliesslich schon den ganzen Tag am Peterhof „rumgedappt“), die Vorstellung hat natürlich bereits begonnen, wir sind total verschwitzt in unseren Klamotten, die wir jetzt bereits seit 5 Tagen tragen, und die wir nur notdürftig waschen konnten. Eigentlich steht uns der Sinn nach allem anderen, nur nicht nach Theater, strenger Sitzordnung und fein gekleideten und wohlriechenden Menschen.

Artioms Schwester Mascha arbeitet in diesem Theater als Platzanweiserin, sie hat für uns Freikarten besorgt und winkt uns hektisch herein. Leise und schnell nehmen wir unsere Plätze ein und sind 5 Minuten später dem Zauber der Vorstellung erlegen.

Im Theater: "Giselle" von Theophile Gautier. Im Theater: "Giselle" von Theophile Gautier.

Es wird „Giselle“ von Theophile Gautier aufgeführt. Die Tänzer und Tänzerinnen des Balletts sind keine Vollprofis, aber das spielt keine Rolle, denn ihr Eifer, Ernst und gelungene Darstellung machen kleine Fehler tausendmal wett. Das Orchester unter der Bühne spielt leidenschaftlich, das Bühnenbild, die Kostüme und die Handlung, in der es um unerfüllte Liebe geht, entführen uns in eine märchenhafte Traumwelt und lassen uns die Realität da draussen vergessen.

Nach 2 Stunden verlassen wir wie im Rausch den Saal. Im Treppenhaus treffen wir noch einmal Mascha, und ich schenke ihr 200 Rubel, für sie offensichtlich ein Vermögen, denn sie freut sich riesig und läuft gleich zu einer Kollegin, um es ihr zu erzählen.

Es war für uns einer der schönsten Tage in St. Petersburg. Die Ballettaufführung war der krönende Abschluss dieses Tages und unseres Aufenthaltes hier. Kaum haben wir das Theater verlassen, beginnt auf der Strasse ein Verwirrspiel um Buslinien, die uns zurückbringen können. Nach langem Warten (es kommt kein Bus) fahren wir zusammen mit Gallina in einem Taxi nach Hause. Wir wollen gemeinsam noch etwas trinken und den Abend gemütlich ausklingen lassen.

Wir sitzen zusammen in der Küche auf den Holzhockerchen und unterhalten uns noch lange über Natascha im Krankenhaus und ihre weitere medizinische Versorgung, über Russland im Allgemeinen und St. Petersburg im Besonderen. Wir schildern Gallina unsere Eindrücke und unsere Empfindungen. Sie ist erstaunt, überrascht und beinahe ein wenig fassungslos über unsere Gefühle, kann aber dennoch nach kurzer Zeit nachvollziehen, warum wir uns nie so richtig wohlgefühlt haben.

Insbesondere Hanne hat tiefsitzende Angst vor dem morgigen Tag, an dem wir abreisen werden. Zu viele Geschichten von Überfällen gehen ihr durch den Kopf, das leibhaftige Erleben der dunklen Gestalten der Stadt lässt regelrechte Panikstimmung in ihr aufkommen. Hanne befindet sich an diesem Abend in Todesangst.

Gallina und ich spüren dies – besteht die Möglichkeit, für morgen irgendein Begleitfahrzeug gegen Bezahlung zu organisieren, in dem Hanne bis zur Grenze nach Finnland mitfahren kann?

Es ist bereits nach Mitternacht. Gallina hängt sich ans Telefon. Sie will Igor, ihren Lebensgefährten, anrufen. Der ist leider bereits betrunken, ausserdem müsse er morgen sehr viel arbeiten. Artiom kann leider auch nicht, fängt aber seinerseits selbst an, zu telefonieren. Gallina schlägt ihren Nachbarn vor, einen bulligen Mann und erfahrenen Kraftfahrer, der sehr zuverlässig sei, und mit dessen Familie sie sehr befreundet sei. Gallina startet eine wahre Hilfsorgie, obwohl sie auch sehr müde ist (sie war den ganzen Tag im Krankenhaus) und der Wein sein Übriges tut. Nach mehrmaligem Anruf beim Nachbarn (immer besetzt) hat sie ihn schliesslich an der Strippe. Er ist bereit, zu fahren, will aber 400 US$! Als Begründung führt er an, dass sein Wagen sehr viel Treibstoff verbrauche, und dass alleine das Benzin für die Strecke bereits 100 US$ koste. Mich trifft der Schlag. Bis zur Finnischen Grenze sind es maximal 200 km, also hin und zurück 400 km. Bei einem (bereits hoch) geschätzten Verbrauch von 12 Litern/100 km kämen etwa 48 Liter Benzin zusammen, bei einem Literpreis von ca. 1,20 DEM also Fahrtkosten von 57,60 DEM. Er soll nicht umsonst fahren, Treibstoff, Zeitaufwand und Risiko müssen bezahlt werden, das ist keine Frage, aber 400 US$ ist eine Unverschämtheit. Wir lehnen ab.

Etwa 20 Minuten später ruft er wieder an – jetzt will er 200 Dollar. Ich schlage 150 Dollar vor, wir einigen uns schliesslich auf 170 US$. Das ist eine Menge Geld für die örtlichen Verhältnisse, und auch für uns, aber die besondere Situation rechtfertigt dies.

Kurz darauf meldet sich Artiom und sagt, einer seiner Freunde würde für 100 US$ fahren. Dies ist ein Preis, wie ich ihn mir auch vorgestellt hatte. Um weiteren Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, sage ich Gallina, sie soll sich bei Artiom für sein Engagement bedanken, aber es sei jetzt alles abgemacht, und es solle dabei bleiben. Wir haben in den vergangenen Tagen die russische Mentalität kennengelernt, in der von einer Minute zur anderen alles mehrfach über den Haufen geworfen wird. Aber bitte – nicht jetzt – nicht in dieser Situation – und nicht schon wieder!

Nun ist alles klar – Hanne ist beruhigt, ich auch, und auch Gallina scheint zufrieden. Entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, noch nach Hause zu fahren, bleibt Gallina diese Nacht bei uns, denn es ist bereits zu spät. Wir schlafen alle etwas unruhig.