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Gallina hat uns bereits früh am Morgen verlassen, denn sie muss nach Hause. Sie will noch Geschenke bringen, die wir ihren Freunden in Deutschland mitnehmen sollen. Sie will dann mit ihrem Nachbarn, der ja Hanne im Wagen mitnimmt, wieder hierherkommen.

Hanne und ich frühstücken spartanisch, jeder hat einen Kloss im Hals und ein flaues Gefühl in der Magengegend. Wir packen unsere Gepäckrollen, räumen das letzte Geschirr weg. Kurz vor 10 Uhr breche ich auf, das Motorrad zu holen. Hanne bleibt ängstlich allein in der Wohnung zurück und verbarrikadiert alles.

Nach kurzem Marsch erreiche ich den bewachten Parkplatz. Die BMW habe ich unmittelbar am Wohncontainer des Wächters abgestellt, direkt vor der chemischen Toilette. Das Klohäuschen kann ich schon von Weitem ausmachen, aber das Motorrad ist nicht zu sehen. Mir wird angst und bange. Ich versuche, mich zu beruhigen – auch beim letzten Mal, als wir abends hierher gelaufen waren, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, hatten wir die Maschine erst im letzten Augenblick ausfindig machen können hinter all den Autodächern.

Ich laufe weiter, fange an zu schwitzen. Was für eine Scheisse! Was, wenn das Motorrad tatsächlich nicht mehr da ist? Erst, als ich unmittelbar vor dem Eingang zum Parkplatz stehe, kann ich einen Spiegel zwischen den Autos erkennen, dann sehe ich den Scheinwerfer und rote Lackierung. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Erleichterung.

Der Parkplatzwächter steht am Eingang und liest Zeitung. Wir begrüssen uns freudestrahlend und ich mache ihm klar, dass ich das Motorrad abholen will. Kein Problem! Kurzer Check: Reifen sind voll Luft, Kette ist noch dran, Lenkschloss ok, keine Gläser eingeschlagen, selbst die Möwenfeder aus Estland ist noch an ihrem Platz am Lenker. In diesem Augenblick weiss ich, dass alles in Ordnung ist.

Kette auf, Lenkschloss entriegelt, Benzinhähne auf „On“, Schlüssel in Zündschloss. Ich gebe dem Platzwart 100 Rubel als zusätzlichen Bonus und bedanke mich herzlich. Wir verabschieden uns mit Händedruck. Helm auf, Choke rein, Anlasserknopf. Der Motor nimmt sofort Gas an und ich fahre los.

Hanne ist glücklich und erleichtert, als sie das Brummen der BMW vor dem Haus vernimmt. Ich bin kaum wieder in der Wohnung, als Gallina anruft. Igor habe es sich jetzt doch anders überlegt – er wolle für 100 US$ fahren. Uns ist das recht, denn Igor ist Gallinas Freund, und daher und nach den Verhandlungen von letzter Nacht wohl eher vertrauenswürdig als der Nachbar. Gallina sagt dem Nachbarn ab, der natürlich stinkesauer ist, und kreuzt kurze Zeit später mit Igor in seinem Volvo vor dem Haus auf. Igor ist ein Trumm von einem Mann. Ich belade die BMW, Hanne steigt in das Auto, dann geht es los.

Wir haben verabredet, dass Igor im Stadtgebiet von Petersburg vorausfährt, auf freier Strecke will ich dann vorausfahren und Igor soll dicht hinter mir bleiben, um ein direktes Einfädeln eines fremden Fahrzeuges hinter mir zu verhindern, und um evtl. Banditen am Strassenrand abzuhalten, die ein Motorrad überfallen könnten. Ein direkt hinter mir befindliches, russisches Fahrzeug, so denken wir, hätte abschreckenden Charakter.

Doch zunächst braucht die BMW eine Tankstelle. Nach dem Stadtplan und meinen Vorstellungen müssten wir einfach am Ufer der Newa in Richtung Norden fahren. Die Strecke führt uns automatisch aus Petersburg hinaus nach Vyborg und weiter nach Finnland. Doch bereits nach kurzer Zeit biegt Igor rechts ab. Wir bollern kreuz und quer durch St. Petersburg, ich muss häufig gefährliche Strassenbahnschienen im stumpfen Winkel anschneiden, um nicht in die tiefen Rillen und löchrigen Befestigungen zu geraten. Igor in seinem Volvo macht das natürlich wenig. Auf der linken Seite einer vierspurigen Schnellstrasse liegt eine Tankstelle. Igor bedeutet mir, dass ich dorthin fahren solle. Ist der Kerl eigentlich noch ganz dicht? Ich finde schliesslich eine Wendemöglichkeit, und nach dem Tanken muss ich erst einmal etwa 1 km in die falsche Richtung fahren, bis ich wieder umdrehen und zurückfahren kann. Am Newa Ufer, spätestens am Stadtausgang, hätte es mit Sicherheit viele Tankstellen gegeben.

Wir irren weiter durch die Stadt. Mehrmals muss Igor nach dem Weg fragen. Der Mann hat keine Ahnung, wo wir uns befinden – ich allerdings auch nicht, da ich von Anfang an einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Es ist scheinbar wirklich so, dass sich die Menschen in ihren 5 km² Heimat zurechtfinden, alles, was darüber hinausgeht, ist unbekannt. Mir war das schon bei Gallina und dem gestrigen Theaterbesuch aufgefallen. Vielleicht hätte ich mich aber einfach auch nur genauer ausdrücken sollen, eventuell war Igor der Meinung, dass ich auf dem letzten Tropfen Sprit fahre und eine Tankstelle oberste Priorität besitze.

Endlich erreichen wir die Randgebiete der Stadt. Igor fragt einen Mann, der am Strassenrand sein Auto repariert, ein letztes Mal nach dem Weg, dann sind wir „on the road“. Ich überhole und übernehme die Führung. Der Verkehr lässt nach, die Besiedlung wird dünner, dann nur noch Wald. Die Natur ist sehr ursprünglich mit grossen Wiesen, dichten Wäldern, hin und wieder ein Haus.

Wir befinden uns auf der Hauptstrecke von St. Petersburg über Vyborg (Russland) nach Helsinki in Finnland. Am Strassenrand wieder die Leute und Kinder, die Pilze, ein paar Beeren oder ein Eimerchen Kartoffeln verkaufen. Viele Trucks aus Finnland kommen uns entgegen. Die Fahrt verläuft eintönig und monoton. Einzig Vyborg bietet etwas Abwechslung. Der Ortseingang ist geprägt von kommunistischen Monumenten und Plattenbauten, im Ortskern wird es gemütlicher. Ein kleiner Hafen, ein Markt, buntes Treiben. Nach Vyborg geht es über eine 60 m hohe Brücke über einen Seitenarm des Finnischen Meerbusens, einfach genial so Richtung Himmel zu stürmen. Ich reisse vor Begeisterung den linken Arm in die Höhe und schaue auf die Ozeanschiffe tief unter mir, die die Meerenge kreuzen.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Kurz hinter Vyborg hält uns eine grosse Polizeistation mit Schlagbäumen auf. Touristen und ausländische Fahrzeuge können den Posten passieren, Russen benötigen ihren internationalen Reisepass, denn ab hier beginnt die etwa 50 km breite Pufferzone zu Finnland. Gallina und Igor haben nur ihren normalen Ausweis dabei und dürfen nicht weiterfahren. Somit müssen sich unsere Wege hier trennen. Gallina verabredet mit einem Pulk Hochzeitsfahrzeuge, die direkt hinter uns den Posten passieren, dass wir hinter ihnen herfahren dürfen. Die Hochzeitsgäste werden ca 18 km vor der Finnischen Grenze die Hauptstrasse verlassen.

Es erfolgt ein herzlicher Abschied von Gallina und Igor, wir drücken Gallina unsere „restlichen“ Rubel in die Hand, „für Natascha“. Hanne zieht ihre Motorradkluft an, der Boxer schüttelt sich vom russischen Sprit, ein letzter Wink, dann fahren wir los. Die Gruppe der Hochzeitsautos hat sich irgendwie aufgelöst. Einer steht am Strassenrand, ein anderer biegt in die völlig falsche Richtung ab, der dritte ist komplett verschwunden. Nach kurzer Wartezeit entschliesse ich: „Wir fahren jetzt“.

Mit weit überhöhter Geschwindigkeit durcheilen wir die letzten 50 Kilometer. Es fängt an, wie aus Eimern zu kübeln. Hanne wehrt es ab, ihre Regenkleidung überzuziehen: „Fahr zu!“. Wir haben beide denselben Gedanken: Bei diesem Wetter traut sich auch kein Gangster auf die Strasse.

Die Landschaft wird immer skandinavischer. Zwischen den Wäldern liegen eingebettete kleine Seen, Tümpel, Biotope mit faulenden Holzstämmen. Unberührte Natur.

Das Wetter klart wieder auf, stahlblauer Himmel, gleissende Sonne, feuchtdampfender Asphalt, kühler Wind. Die Räder nehmen Kilometer um Kilometer, der Mittelstreifen fliegt vorbei. Nach einer leichten Linkskurve geht es einen Hügel hinab. Freies Land breitet sich vor uns aus. In der Ferne grosse Gebäude, Lichtmasten, Beschilderungen, eine wartende Autokolonne. Aus unseren Helmen schallt ein jauchzendes, fröhliches und erleichtertes „Juchhuuuuuuuuu“ – wir haben die Grenze zu Finnland erreicht.

Endlich geschafft - an der Grenze zu Finnland - wieder in Sicherheit. Endlich geschafft - an der Grenze zu Finnland - wieder in Sicherheit.

Während der Wartezeit lernen wir einen Finnen kennen, der am Wochenende immer nach Russland fährt, um zu tanken oder CD’s einzukaufen, da in Russland im Verhältnis zu Finnland alles spottbillig ist. Hanne besorgt am Kiosk eine Cola.

Als sie zurückkommt, macht sie innerlich noch einmal 3 Kreuzzeichen, endlich wieder sicheren Boden unter den Füssen zu haben. Ein LKW-Fahrer hatte sie gefragt, was wir als Motorradfahrer hier an der Grenze machen. Als er hörte, dass wir gerade aus Russland kommen, hatte er gesagt: „Warum fahrt ihr so weit, um euch umzubringen? Da könnt ihr auch gleich zu Hause von der Brücke springen“. Ich glaube, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Die Grenzabfertigung zieht sich etwas hin. Als wir endlich eingewunken werden und ich bis an eine auf dem Boden aufgemalte „STOP“-Linie vorfahre, muss ich die Maschine 5 m zurückschieben, weil das dem russischen Grenzbeamten offensichtlich missfällt. Arschloch!

Für unseren Registrierungsstempel im Pass, auf den wir in St. Petersburg so lange gewartet haben, interessiert sich niemand. Der Finne von vorhin hilft uns beim Ausfüllen eines Zollformulars, das natürlich nur in russischer Sprache vorliegt. Als mich der Zöllner dumm anmacht, weil das Formular teilweise unvollständig (weil unverständlich) ausgefüllt ist,

Russische Zollerklärung. Russische Zollerklärung.

reagiere ich sauer und erkläre ihm barsch (mir reicht es nämlich jetzt), dass ich das Formular nicht verstehe und ich nichts unterschreibe, von dem ich nicht weiss, was da steht. Das hat offensichtlich gewirkt, endlich dürfen wir durch.

Es geht etwa 1 km durch Niemandsland, dann taucht der Finnische Grenzposten auf. Alles läuft reibungslos, nach 10 Minuten passieren wir das freundliche, blaue Staatsschild von Finnland mit den Sternen der EU.

Wir sind unbeschreiblich glücklich und erleichtert. Das Land, die Gebäude, die Strassen und Menschen sind gepflegt, sauber und freundlich, man tritt in einen anderen Kulturkreis ein wie von einem fremden Stern. Im gleich hinter der Grenze liegenden Einkaufszentrum wechseln wir Geld und nehmen ein „verfrühtes“ Abendessen ein aus leckeren Kartoffeln, Elchfleisch, frischen Salaten und von sauberen Tellern und mit blinkendem Besteck. Welch eine Wohltat fürs Auge, das Gemüt und den Magen.

Wir fahren am späten Nachmittag noch bis Kotka, das auf halber Strecke nach Helsinki am Meer liegt. Bereits 10 km vorher ist der Campingplatz „Santalahti“ ausgeschildert. Wir mieten eine Hütte und duschen das erste Mal seit einer Woche wieder, diesmal „natürlich“ mit heissem, frischem Wasser.

Welch eine Wohltat: eine heisse Dusche und eine saubere Hütte Welch eine Wohltat: eine heisse Dusche und eine saubere Hütte.

Da wir früher als geplant von St. Petersburg abgefahren waren, haben wir noch einen Tag Zeit zum Faulenzen. Wir treiben uns am Meer herum, trinken Bier vor einem alten Omnibus, der zum Kiosk umfunktioniert ist, und schreiben die letzten Ansichtskarten nach Hause. Auf dem direkt neben dem Campingplatz gelegenen Golfplatz essen wir zu Mittag und schauen dem bunten Treiben der Golfer zu. Was für ein herrliches Leben!