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1979: Frankreich

Freitag abend vor dem Pfingstwochenende. Ich habe als „Stift“ wieder mal länger arbeiten müssen (Werkstatt schrubben) und komme verspätet und abgehetzt nach Hause. Denn heute soll es losgehen: über Pfingsten mit den Kumpels und den Motorrädern nach Südfrankreich ans Mittelmeer!

Wir sind alle Frischlinge, jeder von uns hat gewissermassen noch die Eierschalen hinter den Ohren. Es ist für uns alle quasi die erste grössere Tour, und auch noch ins Ausland! Da ist Spannung angesagt. Kumpel Christof mit seiner Honda CB 250 steht schon bald im Hof. Jetzt nur noch schnell das Gepäck in Plastiktüten verpacken (was anderes kannten wir nicht und hatten wir nicht), aufpacken, und los geht’s. Trotzdem ist es schon fast finster, bis die Motoren endlich losstampfen.

Am Freitag abend nach der Arbeit geht's los - die Freunde sind schon da und helfen beim Aufpacken. Am Freitag abend nach der Arbeit geht's los - die Freunde sind schon da und helfen beim Aufpacken.

Am Ortsausgang stösst Kumpel Andreas „Locke“ mit seiner Freundin dazu, und Christof’s Beifahrerin Susi schwingt sich im olivgrünen Bundeswehr-Parka (Leder? – haben wir alle nicht!) auf die Honda. Locke hat von uns allen die modernste Maschine: eine fast nagelneue Yamaha XS 400. Damit kann doch nichts schiefgehen, oder? Christof’s Honda CB 250 hat ihre besten Zeiten schon hinter sich, dafür hat sie eine neue, drittklassige Lackierung in Alpina-weiss bekommen. Ich vertraue meiner Benelli 650 S Tornado blind und würde mit ihr bis ans Ende der Welt fahren.

Wir fahren lange an diesem Abend, bis spät in die Nacht, noch weit bis nach Frankreich hinein. Ich bin fast am Einschlafen. Es wird Zeit, Quartier zu machen. Wir verlassen die Autobahn. An der Honda ist die komplette Elektrik ausgefallen. Kein Licht, kein Blinker, kein gar nichts mehr – nur der Motor läuft noch – Gottseidank! Wir nehmen die Honda in die Mitte und stochern über kleine Landstrassen auf der Suche nach einem Schlafplatz.

Das mit dem Übernachten, und wie man das sinnvollerweise anstellt, war vor der Abfahrt in keinster Weise Gesprächsthema gewesen. Die Begriffe „Hotel“, „Pension“, „Zimmer“ und dergleichen waren für uns im Alter zwischen 19 und 20 Jahren sowieso Fremdwörter, von notwendiger Kohle mal ganz zu schweigen. Auch ein Zelt war nirgendwo an Bord. Wenigstens hatten wir Schlafsäcke, auch wenn so manches Modell, das man sich in letzter Minute noch von der Oma oder vom Onkel ausgeliehen hatte, eigentlich mehr den Charakter einer leichten Sommerbettdecke hatte.

Überhaupt: es hatte überhaupt keine Planung der Reise stattgefunden. Weder, wo und wie wir übernachten würden, noch wann wir wo sein wollten, auch nicht, wie wir uns ernähren würden, und schon gar nicht, ob das Geld reichen würde. Und Geld war echte Mangelware! Egal – die Motorräder waren unsere Freiheit, die es jetzt auszuleben galt. Hauptsache, es war Geld für Treibstoff vorhanden.

Christof hatte zwei Heimvorteile: erstens sprach er etwas Französisch (die Schule war doch zu etwas gut!), und zweitens wusste er im Gegensatz zu uns anderen, wie man zum Mittelmeer kommt. Denn er hatte eine Landkarte von Europa. Darüber hinaus verstand er auch halbwegs, damit umzugehen. Weil ich am Dienstag wieder am Arbeitsplatz antreten musste, die anderen aber länger bleiben konnten und wollten, weil sie alle noch Schüler oder Studenten waren, würde ich also alleine zurückfahren. Wie das ohne Orientierung, in einem fremden Land, und ohne Sprachkenntnisse funktionieren sollte, auch darüber hatte sich niemand Gedanken gemacht.

So stochern wir also durch die Nacht und laufen eine aufgelassene Tankstelle an. Die offenstehende Waschhalle sieht einladend nach Schlafmöglichkeit aus. Dummerweise werden wir mitten im Gepäck-Abladen unterbrochen, weil der Grundstückseigentümer wohl den Braten gerochen hat, und uns mit grimmigem Schäferhund und doppelläufiger Wumme dazu überredet, doch noch ein Stückchen zu fahren.

Endlich haben wir ein ruhiges und sicheres Plätzchen an einem Waldrand gefunden. Hier sind wir garantiert ungestört! Abladen – hinlegen – einschlafen. Keiner von uns braucht mehr etwas. Mein Bundeswehr-Imitat-Schlafsack steht scheinbar auf wärmere Länder oder Jahreszeiten. Die Nacht ist reichlich kühl und nebelfeucht.

In der kalten Morgendämmerung wird es noch unangenehmer. Im Halbschlaf nehme ich Vibrationen im Boden wahr, und laute Motorgeräusche. Das gibt’s doch alles nicht, was ist denn da bloss los? Entnervt spähe ich aus meiner Schlaftüte und bekomme meinen ersten Blutsturz des Tages: wenige Zentimeter von unseren Füssen entfernt donnert ein Linienbus den Weg entlang! Gleich darauf folgt mit klapprig nagelndem Getöse ein Traktor mit einem riesigen Anhänger voller Milchkannen. Wir quälen uns in eine sitzende Haltung. Und jetzt, im ersten Licht des Tages, können wir erkennen, wo wir uns befinden: wir liegen mitten auf einem winzigen, einspurigen Strässchen, das wohl zwei Ortschaften miteinander verbindet. Gottseidank befinden sich unsere Schlafsäcke zumindest überwiegend in einer Ausweichbucht, wo entgegenkommende Fahrzeuge einander vorbeilassen können. Am frühen Morgen rumpeln die Busse zwischen den Dörfern hin und her, und Bauern karren ihre Produkte zum Markt. Das ist doch nett!

Morgens nach der ersten Nacht in Frankreich - ei gugge da - wir haben in einer Ausweichbucht geschlafen! Morgens nach der ersten Nacht in Frankreich - ei gugge da - wir haben in einer Ausweichbucht geschlafen!

Auf Landstrassen führt uns der Weg weiter nach Süden. Kleinere Unterbrechnungen wie eine halbstündige Standpauke durch Motorrad-Flics, weil einer von uns ohne Helm gefahren ist (ja, damals gab es bei uns noch keine Helmpflicht, in Frankreich aber schon), oder der Fast-Verlust des Lichtmaschinenankers, der damit verbundene Totalausfall der Lichtmaschine an der Benelli und die anschliessende Reparatur in einer dunklen, faszinierenden, öldurchtränkten Ducati Hinterhof Werkstatt in einem namenlosen Städtchen, drücken zwar den Tagesschnitt, sind aber ansonsten nicht weiter als dramatisch einzustufen.

Irgendwo unterwegs. Kaffee ist immer wichtig. Irgendwo unterwegs. Kaffee ist immer wichtig.
In Südfrankreich. In Südfrankreich.

Die ultimative Weigerung von Lockes Freundin, noch einen Meter weiter mitzufahren, ist da schon ein weitaus grösseres Problem. Nach einer Übernachtung zwischen den Weinreben in einem Weinberg mit Blick aufs Mittelmeer kriegt sie einen noch nie erlebten moralischen Zickenanfall und will stande pede nach Indien auswandern. Locke kennt das schon und lässt sie einfach „leerlaufen“.

Weil ich ja übermorgen schon wieder zu Hause sein muss, bleibt nichts anderes übrig, als mich von den Freunden zu trennen. Ich studiere Christof’s Europakarte und lege mir eine Route für den Rückweg zurecht, indem ich in chronologischer Reihenfolge die wichtigsten Städte, durch die ich kommen muss, auf einen Zettel notiere. Der Zettel wird auf den Tank geklebt und enthält folgende Informationen: Nizza – Monte Carlo – Tende – Cuneo – Torino – Aosta – Martigny – Montreux – Bern – Basel – Karlsruhe – Darmstadt – Aschaffenburg. Heute nennt man sowas Neudeutsch „Roadbook“, oder noch moderner „Navi“. Mit diesem Plan geht’s los, und alles läuft wie am Schnürchen. Nach Monte Carlo schraubt sich die Strasse in die Alpen hoch, und schon bald bin ich in Italien. Hier ballert die Benelli nochmal so freudig wie sonst – offenbar merkt sie, dass sie in ihrem Heimatland ist.

Leider heisst es: Sprit sparen, denn nachdem ich 5 Tankstellen passiert habe, die ein grosses Schild „Chiuso“ aufgestellt haben, keimt in mir ein Verdacht auf: die Spaghettis machen alle Siesta! Und zwar nicht zu knapp – denn vor 3 Uhr nachmittags geht gar nichts. Nach Torino werde ich auf der ganzen Fahrt durch das Aosta Tal komplett zugemeiert. Zentimeterhoch peitscht mir das Wasser auf der Strasse entgegen. Gottseidank hört es nach und nach wieder auf, je weiter ich mich der Schweiz nähere. Den Grand Saint Bernard werde ich heute wohl nicht mehr schaffen. Auf dem beginnenden Passanstieg verkrieche ich mich in einem gemütlichen Wäldchen in meinen Schlafsack.

Offensichtlich empfinde nicht nur ich das Wäldchen als gemütlich oder zumindest als höchst attraktiv, denn nachdem am nächsten Morgen der vierte Jogger an mir vorbeigestolpert ist und mich in seiner Schweissfahne zurückgelassen hat, muss ich weiter. Es ist grau und kalt – und es ist wieder oder immer noch Siesta. Keine Tankstelle hat geöffnet, ich finde mit dem letzten Tropfen nur einen Tankautomaten, der zum Glück auch meine letzten Münzen ausländisches Geld schluckt. In lausigem Wetter geht es durch die Schweiz, und in strömendem Regen bis nach Hause.

Wieder zu Hause nach stundenlanger Regenfahrt. Wieder zu Hause nach stundenlanger Regenfahrt.