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2. Das Stadtleben und die Menschen

Der Reiseführer beschreibt den Nevskyi Prospekt als die „Lebensader“ von St. Petersburg, und das stimmt. Will man ins Stadtzentrum oder zu einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten, kommt man am Nevskyi Prospekt nicht vorbei. Alle Taxis, Busse, der gesamte Verkehr rollt durch diese Strasse. Es müssen hunderttausende von Menschen sein, die hier täglich hin- und herhasten, flanieren, einkaufen und ihren Geschäften nachgehen.

Wir haben bestimmt 30 km zu Fuss nur auf dieser Geschäftsader zurückgelegt, vielleicht noch einmal 20 km zu Fuss in anderen Strassen. Wir haben viele Menschen gesehen, mit einigen sind wir auch in Kontakt gekommen. Uns ist es so vorgekommen, dass insbesondere die russischen Männer einen ausgesprochen gefährlichen Eindruck machen. Dies liegt vielleicht an der Physiognomie (Hanne meint, die Pupillen der Augen seien besonders hoch angesetzt), am kurzen Haarschnitt, oder auch an der allgemeien Ungepflegtheit (nur reiche Männer in grossen Autos mit dunklen Scheiben sind rasiert). Schlechte und überaus dreckige Kleidung verstärken diesen Eindruck noch. Viele laufen bereits morgens um 8 Uhr mit der Bierflasche in der Hand herum, überhaupt ist das öffentliche Besaufen offensichtlicht ganz normal. Ich versuche immer, auf Hanne einzuwirken, dass nicht hinter jeder dunkel erscheinenden Gestalt gleich ein Verbrecher lauern muss, aber das hat wenig Erfolg.

Die Frauen hingegen sind durchweg schick und sexy angezogen. Schaut man jedoch näher hin, dann entpuppt sich die scheinbare Schönheit als zentimeterdick aufgetragene Schminke und Lippenstift. Tagealte Schweissränder unter den Achseln, durchgelaufene Strümpfe, schwarze Fingernägel.

Waschen und pflegen? Nicht möglich in einem Zimmer ohne Wasser – oder doch eine andere geistige Grundhaltung, eine andere Mentalität? Ich bin mir nicht ganz sicher, kann mir aber vorstellen, dass unter den Lebensumständen in diesem Land eine geistige Ohnmacht, Resignation und Frustration eingetreten ist, die sich nur unter Alkohol ertragen lässt, und die alles andere in den Hintergrund stellt.

Selbst uns fällt es schwer, nach einigen Tagen unseren gewohnten Lebensrhythmus beizubehalten, aber wir sind nach langen Fussmärschen und Besichtigungstouren durch die Stadt natürlich auch besonders müde. Aber sind das nicht andere auch nach einem 12 – 14 Stunden Arbeitstag? So kommt es, dass wir abends schon mal das Zähneputzen ausfallen lassen, schon allein wegen des widerlichen Geruchs im Bad, und des ekligen Wassers. Hanne prägt den Begriff vom „sozialistischen Schmuddel“, und wendet ihn auch gleich auf sich selbst an.

Wenn wir so durch die Stadt streifen, haben wir immer unseren Rucksack dabei.

Auf dem Nevskyi Prospekt. Auf dem Nevskyi Prospekt.
Die Heremitage. Die Heremitage.
Stadtteil Poljustrovo. Stadtteil Poljustrovo.
Strassenkünstler. Strassenkünstler.
Blick in einen Hinterhof. Blick in einen Hinterhof.
In der Metro. In der Metro.

Darin sind der Fotoapparat, Stadtplan, Reiseführer und evtl. noch ein Pullover. Da man ja im Ausland immer sofort als Tourist erkannt wird, halten wir den Rucksack immer gut fest. Wir fühlen uns beobachtet. Insbesondere immer dann, wenn mehrere Männer auf uns zukommen oder sich uns von hinten im Gedränge nähern, bleiben wir häufig am Hausrand für einige Zeit stehen. Manchmal läuft Hanne direkt hinter mir, um einen direkten Zugriff auf den Rucksack zu verhindern. Wir sind nicht frei im Kopf, sondern spähen permanent, wie Tiere auf der Flucht. Wachsamkeit ist oberstes Gebot, wir schauen uns häufig um, wer uns folgt. Alles Einbildung? Ein Beispiel: Während wir in einem Strassenlokal sitzen, halten sich 2 junge Männer hundert Meter weiter an einem Fussgängerabstieg auf. Als wir die parallel verlaufende Treppe hinuntergehen, setzen sich auch die Männer in Bewegung und erscheinen unmittelbar hinter uns in der Unterführung. Wir drehen uns um, und schauen sie an. Sie gehen zu einem Kiosk. Zufall?

Was uns auch zu schaffen macht, ist die insgesamt traurige Stimmung in der Stadt. Man sieht fast keine Familien oder Frauen mit Kindern. Es gibt eine durchschnittliche Kinderzahl von 1 Kind pro Familie in den Städten im europäischen Teil Russlands. Bei der Geburt eines Kindes gibt es vom Staat ein Begrüssungsgeld von umgerechnet 4 DEM! Der einzige Spielplatz, den wir gesehen haben, lag in unserem Wohnviertel, und bestand aus einem Klettergerüst und einem kreisähnlichen Betonteil, das früher vielleicht einmal eine Drehscheibe gewesen war. Es fehlt das Lachen und die Fröhlichkeit. So macht es uns immer weniger Freude, in die Stadt zu fahren. Später werden wir nur noch mit einer Plastiktüte unterwegs sein, und ohne Kamera. Aber nicht nur das Gefühl der latenten Bedrohung macht uns zu schaffen. Es gibt so viele kleine Beobachtungen am Rande, die die goldenen Fassaden der Stadt in uns massiv bröckeln lassen.

In einer Metro Station sitzt vor einem Polizeiposten ein heruntergekommener Mann. Sein Kopf ist blutüberströmt, er hat am Kopf eine riesige Platzwunde. Ein Polizist steht daneben und schwenkt stolz seinen Schlagstock hin und her. Die Menschen eilen vorbei. Warum hat der Mann einen Schlag bekommen? Hanne und ich rätseln lange, denn das Bild hat sich tief bei uns eingebrannt.

Passte der Mann nicht in das Strassenbild? Wohl kaum, wir haben weitaus schlimmere Gestalten gesehen. Hat er einen Polizisten angemacht oder der Polizist ihn und er darauf nicht „korrekt“ genug reagiert?

Wir sind erschüttert. Was, wenn der Mann einen Touristen angegangen hätte – wären wir dann nicht froh, wenn der Polizist eingegriffen hätte, wenn wir die Touristen gewesen wären? Wir wissen nicht, was vorgefallen ist, aber eine Frage bleibt ungeklärt in uns haften: Warum diese öffentliche „Zur-Schau-Stellung“ in der Metro Station? Wir haben im Polizeiposten im Hintergrund Ausnüchterungszellen gesehen. Hätte man den Mann nicht dorthin sperren und mit einem Verband versehen können, anstatt ihn direkt vor der Ticketkasse auszustellen?

Zurück in den Strassen läuft eine alte Frau vorbei. Ihre Nase ist mit einem alten, grauen Verband abgedeckt. Man erkennt, dass es unter dem Verband keine Nase mehr gibt. Ihre Schuhe sind viel zu gross, beim Laufen kommen die Socken zum Vorschein, die keine Ferse mehr besitzen.

In der Ecke sitzt eine andere Frau und hält die Hand auf. Sie blickt zu Boden, hebt nicht den Kopf. Sie schämt sich offensichtlich so sehr, dass die die Augen nicht zu heben vermag. Das einzige, was sie zum Verkauf anbietet, ist eine etwa 10 cm grosse Ikone, vielleicht das Letzte aus ihrer Wohnung, von dem sie hofft, dass es sich zu Geld machen lässt.

Leben am "unteren" Limit. Leben am "unteren" Limit.
Die Auferstehungskathedrale (Erlöserkirche). Die Auferstehungskathedrale (Erlöserkirche).
Souvenir Kinder. Souvenir Kinder.

An einem Treppenabgang stehen oder knien zerlumpte Frauen und Männer. Sie haben kleine Tiere auf dem Arm oder in Käfigen und hoffen, sie zu verkaufen. Ein Mädchen hält einen grossen Schal ausgebreitet: „Sieh her – der ist doch gut für den Winter!“

Bei einem abendlichen Einkauf in einem Supermarkt bezahlen wir mit einem 500 Rubel Schein (= ca.42 DEM). Es ist nicht möglich, den Schein zu wechseln. Beim Hinausgehen durchwühlt eine alte Frau den Abfallcontainer vor dem Haus und sucht nach Lebensmitteln.

Eines Morgens kaufe ich am Kiosk an der Bushaltestelle ein Päckchen Zigaretten. Am selben Abend will ich an diesem Kiosk wieder Zigaretten kaufen. Die Verkäuferin ist nicht mehr in der Lage, zu stehen, und in das Regal zu greifen, so betrunken ist sie.

Es gibt im Prinzip keine „Mittelklasse“. Die Menschen sind entweder sehr arm oder sehr reich. Weil wir uns mit den Linienbussen manchmal nicht zurechtfinden, benutzen wir hin und wieder ein Taxi. Wie wir feststellen mussten, gibt es bei den Taxen, ihrer Ausstattung und den Fahrern enorme Unterschiede. Da sind zum einen die staatlichen Taxen, die man sofort an der auffälligen gelben Lackierung erkennt. Daneben gibt es normale PKW’s mit einem Taxi-Schild auf dem Dach. Dies sind „private“ Taxen. Die staatlichen Taxen befördern einen am billigsten zum Ziel, ein Taxameter berechnet den Fahrpreis. Dafür sind die Wagen in einem äusserst desolaten Zustand und je weiter der Tag fortschreitet, desto betrunkener die Fahrer. Fenster lassen sich nicht öffnen oder nicht schliessen, die Heizung läuft auf Hochtouren, Gurtschlösser fehlen oder klemmen. Man braust mit 80 – 100 km/h durch die Stadt und schickt ein Stossgebet zum Himmel, dass nichts passieren möge, während der Fahrer (und wir haben es mehr als einmal erlebt!) mit hochroter Alkoholbirne kaum noch über das Lenkrad blicken kann.

Die Privattaxis sind aufgeräumte und saubere Ladas oder Wolgas, die Fahrer verhältnismässig ordentlich gekleidet. Wir haben keinen Betrunkenen erlebt, dafür sind die Fahrkünste recht unterschiedlich. Einmal beförderte uns ein dicker Mann quer durch die Stadt, der grundsätzlich mit schleifender Kupplung fuhr (Bleifuss einmal anders). Wir haben ihn denn auch standesgemäss den „Kupplungsschleifer“ getauft. Zwei Tage später sind wir wieder in sein Taxi geraten und haben uns sofort wie zu Hause gefühlt, eben beim Kupplungsschleifer.

Vor der Fahrt mit einem Privattaxi muss man den Preis aushandeln. Es geht meist um Dollar, und die Vorstellungen und Forderungen der Fahrer sind hoffnungslos überzogen. Aber alle sind handlungswillig, und man wird sich schnell einig. Ein echter Lichtblick und eine positive Ausnahme bildete ein Fahrer eines Wolga, der sauber und gepflegt war (ebenso sein Wagen). Sein Preisvorschlag für eine ca. 10 km lange Strecke durch die Stadt lag bei 100 Rubel (= ca. 8 DEM). Er unterschied sich darin sofort von all seinen Kollegen, da dies eine reelle Preisvorstellung ist, und darüber hinaus auch in Rubel bezahlt werden konnte. Wir haben uns richtig gefreut, mit diesem Menschen zu fahren, und haben uns bei ihm gut aufgehoben gefühlt.

Eine andere freundliche Erscheinung war eine Busschaffnerin, die in klassischer Manier eines Bauchladens einen altertümlichen und schweren Billet-Abreissautomaten vor sich hertrug. Wir waren nicht sicher, ob wir mit der richtigen Linie fahren, und ob es eine Haltestelle an unserer Zielvorstellung gibt. Alles war überhaupt kein Problem. Die Verständigung mit Händen und Füssen reichte aus. Der Bus fuhr zwar nicht genau in unsere Richtung, aber in der Nähe unseres Ziels hielt die Schaffnerin den Bus an und bedeutete uns, auszusteigen. Sie zeigte uns auch noch die Richtung, in die wir anschliessend gehen mussten.

Begegnungen dieser Art machen deutlich, dass es doch auch, entgegen allen anderen Empfindungen, den „normalen“, arbeitenden und freundlichen Menschen gibt.