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Der Schiffsdiesel brabbelt gemütlich vor sich hin. Wir sind auf hoher See irgendwo vor der Küste Polens. Es ist halb sieben Uhr morgens und äusserst ungastlich draussen. Hanne schläft noch. Ich habe gerade einen Rundgang auf dem Schiff gemacht und mich jetzt wieder in den Raum mit den Pullmann-Sitzen zurückgezogen. Hier ist es angenehm warm.

Kein Licht brennt, diffuse Morgendämmerung dringt durch die offene Kajütentür und zwei Lukenfenster herein. Vor mir auf dem Boden kuschelt ein russisches Pärchen, Rücken an Rücken. Neben der Tür sitzt eine Frau mit einem Buch, sie liest und macht einen sehr ausgeglichenen und zufriedenen Eindruck. Ihre beiden Kinder mummeln noch vor sich hin.

Jetzt wird es plötzlich heller draussen – der Morgennebel reisst ein wenig auf und lässt einen Sonnenstrahl herein. Ich geniesse diesen Augenblick der Ruhe am frühen Morgen.

Es ist der richtige Moment, die Gedanken aufzuschreiben. Ich will dies von Zeit zu Zeit tun, denn Hanne und ich befinden uns auf Urlaubsreise in Richtung St. Petersburg in Russland.

Morgenstimmung an Deck. Morgenstimmung an Deck.
Die "Kaunas" vor der Abfahrt. Die "Kaunas" vor der Abfahrt.

Wir begeben uns damit beide in Länder und Gebiete, in denen wir zuvor noch nie gewesen sind. Es ranken sich die unterschiedlichsten Reisebeschreibungen und Erzählungen um das Baltikum und Russland. Von Mafia ist da die Rede, von Überfällen und Raubmorden.

Ich bin der Meinung, dass einem diese Dinge überall auf der Welt passieren können, wenn man unvorbereitet ist, sich unachtsam verhält, oder gar mit seinem westeuropäischen „Reichtum“ an der falschen Stelle protzt. Die Menschen, die hier an Bord der „Kaunas“ sind, bestätigen dies.

Da gibt es ein älteres Ehepaar, die mit dem Fahrrad Litauen bereisen möchten, Familien mit Kindern, zwei junge Tramper. Nichtsdestotrotz hält sich die Anzahl der „normalen“ Passagiere in Grenzen. Die Mehrheit besteht aus LKW-Fahrern und einigen jungen Russen, die Unfallautos aus Deutschland ausführen.

Die „Kaunaus“ bringt uns von Kiel nach Klaipeda in Litauen. Wir wollen uns Litauen anschauen, dann nach Lettland und weiter über Estland nach Russland fahren. In St. Petersburg treffen wir uns mit Gallina, einer russischen Lehrerin, die wir letztes Jahr beim Schüleraustausch kennengelernt hatten. Sie hat uns auch offizielle Einladungen besorgt, ohne die wir kein Einreisevisum bekommen hätten.

Da sitze ich nun, schaue durch die offene Tür auf das vorbeiziehende Meer und wünsche mir einen Kaffee. Die Frau mit dem Buch hat angefangen, auf einem Keks herumzunagen.

Detlef ist wachgeworden und putzt sich die Nase. Wir hatten ihn gestern nachmittag am Kai kennengelernt. Er ist mit seinem Motorrad, einer Yamaha FJ 1200, unterwegs zu seiner Frau nach Estland. Er ist ein liebenswürdiger und agiler Mensch und will sich gleich wieder mit mir unterhalten, so dass ich erstmal Schluss machen muss.

Während ich diese Zeilen schreibe, knistert ein wohliges Kaminfeuer vor sich hin. Ich lümmele auf einer riesigen und ebenso weichen Couch. Es ist etwa 2 Uhr nachmittags, ich habe gerade frisch geduscht und lege einen Holzscheit nach.

Wir haben die mitgebrachte Flasche Rotwein geöffnet und geniessen die Gastfreundschaft einer litauischen Familie und die Bequemlichkeit eines eigenen Zimmers, das nagelneu hergerichtet wurde.

Nach der Ankunft in Klaipeda gestern abend und einer reibungslosen, dafür aber endlos lange dauernden Polizei- und Zollabfertigung (insgesamt mussten wir 4 Stationen passieren) waren Hanne, Detlef und ich noch bis Palanga gefahren. Im Reiseführer ist Palanga als ehemaliges russisches Kurstädtchen beschrieben, in dem es endlos viele Übernachtungsmöglichkeiten gibt. In Palanga war der Teufel los – es herrschte richtige Volksfeststimmung. Alles, was sich auch nur irgendwie fortbewegen konnte, war offensichtlich unterwegs. Überall Musik, Stände, Pferdekutschen zur Stadtrundfahrt, bummelnde Pärchen.

Wir mussten schnellstmöglich einen Platz zum Übernachten finden, denn es wurde bereits dunkel, und ausserdem fing es an, sich so richtig gleichmässig einzuregnen. Die Hotelsuche gestaltete sich schwierig, da entweder alles ausgebucht war, wir auf unüberwindliche Sprachschwierigkeiten stiessen (bei der Anfrage in einem Hotel durch Hanne verstand die Dame an der Rezeption weder Deutsch noch Englisch, ja schien selbst nicht einmal zu wissen, dass sie in einem Hotel arbeitete), oder wir für eine Übernachtung 400 Litas (= 200 DEM) bezahlen sollten.

Da es immer dunkler wurde und mehr und mehr Regen einsetzte, blieb als letzte Möglichkeit ein Campingplatz, der an der Strasse in Richtung Klaipeda liegen sollte. Detlef, der sich an unsere Fersen geheftet hatte, überlegte, ob er nicht jetzt und hier auf der Stelle nach Estland durchstarten sollte. Wir rieten ihm davon auf jeden Fall ab, und so machten wir uns zu dritt auf in Richtung Campingplatz.

Quelle: motoplaner.de

Was uns hier geboten wurde, wäre selbst nach osttürkischen Masstäben nicht mehr ganz akzeptabel gewesen. Eine freie Wiese, kein Baum, vier halbwegs verfallene Klohäuschen nach der Trapperkackmethode und einige Waschbecken unter freiem Himmel, die aussahen, als wären sie frisch von einem seit 20 Jahren versunkenen Schiff abmontiert worden.

"Minimal"-Camping in Palanga. "Minimal"-Camping in Palanga.

Doch Glück im Unglück – wir konnten einen (den einzigen) Wohnwagen ergattern, der zur Vermietung stand. Ein weitgereister deutscher Wagen, wie die Aufkleber auf der Karosserie bewiesen. Von Spanien über Italien bis ans Nordkap hatt der alte Dethlefs die Welt bereist, um uns an seinem jetzigen Friedhof in Litauen für diese Nacht aufzunehmen. Die Innenausstattung war einigermassen sauber, so dass wir nicht lange zögerten. Noch zwei, drei Bierchen vom Platzwart verhalfen jedem von uns zur nötigen Bettschwere.

"Boss"-Detlef. "Boss"-Detlef.

Heute morgen dann hatte sich Detlef von uns verabschiedet. Der Versuch, einen Kaffee mit Wasser aus den Hähnen am Spülbecken zuzubereiten, war wegen Ekel gescheitert, und so verliess uns Detlef mit nüchternem Magen (auch einen Trapperkack hatte er nicht zustande gebracht) in Richtung Estland. Es war ein herzlicher Abschied, denn wir hatten uns in den wenigen Stunden seit unserem ersten Kennenlernen doch sehr lieb gewonnen. Detlef drohte uns mit seinen letzten Worten ein Revival-Treffen an, dann entschwand er in einer Fahne von Hugo Boss Parfüm.

Nun sind Hanne und ich wieder allein. Nachdem wir unser Gepäck aufgeladen hatten, jeder ein äusserst leckeres „Mars“ aus der Notration vertilgt hatte, und wir an einer Tankstelle einen Automatenkaffee erstanden hatten, fuhren wir von Palanga aus östlich die A11 über Kretinga und Kartena.

Bei Plungé bogen wir links ab auf die 164, und 6 km weiter links in den Zemaitijos Nationalpark. Eine äusserst zuvorkommende junge Frau in der Tourist-Information von Plateliai hat uns ein Zimmer vermittelt, in dem ich nun am offenen Kamin diese Zeilen schreibe.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Wir befinden uns bei Familie Marijah und Jurgita Striaukai in Berzoras, ca. 1 km von Plateliai entfernt (Adresse ist bekannt und kann auf Wunsch gerne mitgeteilt werden). Wir haben hier in einem Nebengebäude, das gerade für Touristen umgebaut wird, unser holzgetäfeltes Zimmer. Rund um uns herum ein mehrere tausend Quadratmeter grosser Garten, in dem die schönsten Blumen gedeihen. Das Grundstück liegt direkt an einem kleinen Teilsee des Plateiliu Sees. Wir haben einen eigenen Bootssteg und ein Tretboot, das wir jederzeit benutzen dürfen.

Das Motorrad, unsere alte BMW R 100 GS, parkt direkt vor unserem Fenster. Der weitere Blick streift über farbenprächtige Blumen, den

Ohne Worte. Ohne Worte.
Nochmal ohne Worte. Nochmal ohne Worte.

See und den dahinterliegenden Wald. Innere Ruhe kehrt ein nach dem Ärger über den Campingplatz. Der Montepulciano d’Abruzzo wärmt von innen, das Kaminfeuer die Gedanken.

So facettenreich und gleichzeitig schön kann es sein, innerhalb weniger Stunden auf unterschiedliche Menschen zu treffen. Gestern noch nuttenhafte Abwehrhaltung bei der Frage nach dem Hotelzimmer, heute nach wenigen Telefonaten durch die junge Frau bei der Tourist-Information eine Unterkunft, bei der uns die Dame des Hauses mit einer Blume in der Hand empfangen hat, auf der Strasse schon von weitem als Wegweiser sichtbar.

Gerade in diesem Augenblick reisst der Himmel auf, die Sonne kommt durch, und lädt zu einem Spaziergang in die naheliegende Kneipe ein.