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Heute ist Abschied von unserem schönen Haus in Litauen. Nach dem Frühstück wollen wir nach Riga fahren, der Hauptstadt Lettlands.

Der Abschied fällt nicht leicht, denn wir haben uns hier sehr wohl gefühlt, und uns alle gegenseitig sehr lieb gewonnen. Jurgita bringt ein Gästebuch, das erst 3 oder 4 Einträge enthält, und bittet uns, auch etwas hineinzuschreiben. Hanne und ich dichten:

Wir sind Fremde in einem fernen Land.

Eine Frau mit Blume am Wegesrand stand.

Es war Marijah, und mit freundlichem Lächeln lud sie uns ein

Bei ihr im Haus ihre Gäste zu sein.

Wir verlebten schöne Tage mit freundlichen Menschen

Doch leider tut unser Urlaub heute hier enden.

Das Land, die Menschen, es war wunderschön –

Doch leider müssen wir sagen „Auf Wiedersehn“.

Direkt vor der Abfahrt gibt der Zipper meines Jackenreissverschlusses den Geist auf (reisst ab). Eine grosse Heftklammer leistet für immer Ersatz.

Anstatt direkt den Weg nach Norden einzuschlagen, düsen wir zunächst 100 km nach Osten, nach Siauliai. Der Reiseführer berichtet hier vom „Berg der Kreuze“. Die Strecke ist gut befahrbar, zieht sich aber endlos lange geradeaus. Unterwegs bemerke ich einmal zu Hanne, dass es doch schön wäre, wenn wenigstens alle 5 km einmal EINE Kurve käme.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

5 km nördlich von Siauliai in Richtung Riga (A 12) geht es rechts ab. Schon von weitem kann man erkennen, dass es da etwas ganz Besonderes gibt. Wie ein mit Stacheldrahtzaun oder surrealistischen Gräsern überwucherter Hügel taucht der Berg der Kreuze vor uns auf.

Der Berg der Kreuze. Der Berg der Kreuze.

Es ist ein gigantischer Hügel, bedeckt von einem unüberschaubaren Meer aus Kreuzen, Rosenkränzen und Heiligenabbildungen aus den verschiedensten Materialien. Der Berg ist eine Pilgerstätte der gläubigen Litauer und gleichzeitig ein Symbol für den jahrelangen passiven politischen Widerstand. Der Berg wurde mehrfach von den Sowjets plattgewalzt, aber bereits am nächsten Tag standen schon wieder die ersten Kreuze. Die Kruzifixe werden aufgrund der verschiedensten Ereignisse von den Menschen aufgestellt: Tod eines Verwandten, Erfüllung eines Wunsches oder auch Geburt eines Kindes.

Die Flut der Kreuze ist schier unendlich. Die Flut der Kreuze ist schier unendlich.

Auch hier müssen wir keinen Eintritt bezahlen, der Zugang ist frei. Dafür spenden wir einer alten Frau und einem blinden Bettler einige Litas.

Ein unheimliches Klirren und Klimpern durchzieht die Luft, wenn sich die vielen kleinen Kreuze und Rosenkränze, die um die grösseren Kreuze geschlungen sind, im leichten Wind bewegen. Ich glaube, niemand kann auch nur annähernd abschätzen, wieviele Artefakte hier zusammengetragen wurden.

Nach unserem Besuch fahren wir auf der A 12 weiter in Richtung Norden. Die Landschaft ist eintönig, die Strasse führt gerade wie ein Lineal durch Felder und Wälder. Über Joniskis streben wir der lettischen Grenze zu. Etwa 2 km davor springt plötzlich ein Polizist aus dem Wald und hält uns mit roter Kelle an. Mist!

Das Handradargerät zeigt 106 km/h, 90 sind für Motorräder erlaubt. Die Polizisten sind aber recht freundlich und korrekt. Aus einer Tabelle der Strafgebühren geht hervor, dass bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung zwischen 10 und 20 km/h eine Strafe von mindestens 50, maximal 100 Litas zu zahlen sind. Ich einige mich mit dem Polizisten auf das Minimum und werde so umgerechnet 25 DEM los. Der Polizist muss lachen, als Hanne mit ihrem Handschuh auf mich einschlägt: „Ich hab’s dir ja gleich gesagt – fahr langsam!“.

Direkt an der Grenze zu Estland treffen wir auf zwei Motorradfahrer, die uns entgegenkommen. Es sind Engländer, Mann und Frau, jeweils auf einer eigenen Maschine, die gerade von Tallin von einem Motorradtreffen kommen und unterwegs nach Hause sind. Nach einem kurzen Plausch und unserem Hinweis auf die Radarfalle trennen sich unsere Wege wieder.

Nach einem problemlosen Grenzübertritt nach Lettland ändert sich die Landschaft. Die Strasse führt jetzt durch dichten Wald, aber immer noch schnurgeradeaus. Es gibt insgesamt wenig Verkehr, die Sonne lacht vom Himmel, wir haben etwa 22 Grad Temperatur. Es gibt kaum ein angenehmeres Fahren, wenn es doch nur hin und wieder eine Kurve gäbe!

Wir wollen uns in Riga einen oder zwei Tage aufhalten. Um uns eine aufreibende Hotelsuche in der Grosstadt zu ersparen, wollen wir in Jurmala übernachten, einem westlich von Riga direkt an der Rigaer Bucht gelegenen Ferienzentrum. Nach einigen Orientierungsschwierigkeiten in Jelgava finden wir schliesslich das kleine Strässchen P-91, auf dem wir bis nach Jurmala reisen, nur unterbrochen durch einen heftigen Gewitterregen, den wir in einem Waldstück abwarten.

Wieder unterwegs... Wieder unterwegs...
...und immer wieder auch Schotter. ...und immer wieder auch Schotter.
"Ortseingang" von Riga. "Ortseingang" von Riga.
Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Jurmala ist ein riesiges Ferienzentrum mit unzähligen Hotels, aber leider keinen Campingplätzen. Die freundliche Dame an der Tourist-Information kann uns gottlob ein Hotel vermitteln, das ganz in der Nähe liegt. Wir ziehen im „Darta-A“ ein, ein altes Holzhaus in herrschaftlichem Stil, von denen es hier eine ganze Menge gibt. Leider verfallen viele der Häuser, da sie unbewohnt sind und einfach vor sich hingammeln.

An unser Hotelzimmer müssen wir uns erst gewöhnen. Alles macht einen düsteren und tristen Eindruck, billige Plastikutensilien im Bad zeugen von kommunistischem und sowjetischem Ursprung. Alles in allem kommt hier richtiges Ostblock-Feeling auf. Auch die Mafia scheint hier aktiv zu sein, denn bei unserer Ankunft erscheint ein 500er Benz mit russischem Kennzeichen und dunkel getönten Scheiben vor dem Hotel. Einer der vier Männer erledigt einige Dinge an der Rezeption, dann verschwindet der Wagen lautlos.

In einem kleinen Zimmerchen mit Fensterblick auf den Parkplatz verbringt ein „Security-Man“ die ganze Nacht. Nichtsdestotrotz lege ich dem Motorrad die schwere Kette an.

Die Nacht ist etwas unruhig. Zunächst dringt lautstarke Unterhaltung aus einem anderen Zimmer durch die Holzwände, später heftiges Frauengestöhne von weiter oben. Trotzdem schlafen wir nach einer heissen Dusche im danach überschwemmten Bad recht gut.

Auf nach Riga! Ganz in der Nähe des Hotels befindet sich eine Eisenbahnstation. Von hier fahren auch Kleinbusse in die Stadt. Für 1 Lats (= 3 DEM) bringt uns der gelbe Ford Transit mit anderen Passagieren zum Zentralbahnhof von Riga. Von hier sind es nur wenige Minuten in die Altstadt.

Das Leben pulsiert wie in jeder anderen europäischen Grosstadt. Hektische Geschäftsleute mit Handy am Ohr durcheilen die Strassen und Geschäfte. Die Frauen tragen durchweg die hochhackigsten Schuhe und kürzesten Röcke, die ich je gesehen habe. Für Männer eine Augenweide, denn die Frauen sind durchweg auch ausserordentlich hübsch. Dies ist jedoch keine Besonderheit von Riga, alle Frauen und Mädchen laufen in Lettland und Litauen so herum.

In einer Fussgängerunterführung und an vielen Strassenecken begegnen wir dann dem anderen Extrem: abgemagerten und heruntergekommenen Bettlern. Furchterregende Männer und Frauen, teilweise mit Geschwüren im Gesicht und an den Händen, viele mit grauem Star in den Augen. Reste einer sich wandelnden Gesellschaft, Überbleibsel eines viel geschundenen Volkes, wie wir später im Okkupationsmuseum hautnah spüren werden.

Hanne und ich durchstreifen die Altstadt, besuchen einige Kirchen, fahren auf die höchste erreichbare Aussichtsplattform des Turmes der St. Peter Kirche und geniessen den Ausblick auf ganz Riga. Die Plattform befindet sich in 75 m Höhe, der Turm ist insgesamt 132 m hoch!

Der Weg führt uns weiter über den Domplatz hinunter zur Daugava, den grossen Fluss, an dem Riga auf beiden Ufern liegt.

Den Abschluss unserer Exkursion bildet ein Besuch im Okkupationsmuseum, in dem das ganze Leiden der lettischen Bevölkerung dargestellt und aufgearbeitet wird. Durch Kreuzritter, Russen, Deutsche während des 2. Weltkrieges, danach wieder von Russen bis 1991 besetzt, war das Land einer dauerhaften Depression, die Menschen fortwährender Verfolgung und Deportation ausgesetzt.

Neben einer ausgezeichneten Dokumentation der politischen Hintergründe haben mich vor allen Dingen die kleinen, persönlichen Gegenstände von Menschen gefesselt, die hier ausgestellt werden.

Da gibt es zum Beispiel eine aus Handtüchern gefertigte Gesichtsmaske, die nur Augen und Mund freilässt. Mit solchen Masken haben sich die Menschen im tiefen Sibirien bei – 40 Grad gegen die Kälte geschützt bei ihrer täglichen Zwangsarbeit.

Auf dem Markt (alte Zeppelinhallen). Auf dem Markt (alte Zeppelinhallen).
Blick vom Turm der St. Peter Kirche. Blick vom Turm der St. Peter Kirche.

Ein handgefertigtes Klavier aus Holz in der Grösse eines Schifferklaviers diente seinem Hersteller und Besitzer dazu, seine Fingerfertigkeit während des Aufenthaltes im KZ nicht zu verlieren. Das Absurde daran: das Instrument war nie in der Lage, einen Ton von sich zu geben, weil keine Saiten vorhanden sind – entweder, um die heimlichen Übungen vor den Wachmannschaften zu verbergen, oder um die Mithäftlinge in der Baracke nicht zu stören.

In einen Holzfetzen, der aus einem Eisenbahnwaggon herausgerissen wurde, hat einer mit einem rostigen Nagel eine Nachricht an seine Familie eingeritzt, und den Holzfetzen während seiner Deportation aus dem fahrenden Zug geworfen. Ein Bauer fand das Holz und leitete es über viele Umwege tatsächlich an die richtigen Empfänger weiter.

Diese Gegenstände, unter widrigsten Bedingungen aus Nichts hergestellt, waren für mich ein eindrucksvolles Erlebnis. Sie erzählen von Qual und Unterdrückung und von der nie versiegenden Hoffnung und dem Mut der Menschen, die all die Foltern ertragen mussten. Vielleicht sind einige der Bettler da draussen Überbleibsel des Besatzungswahns, denen alles genommen wurde, die nach ihrer Freilassung vor dem Nichts standen, Haus und Hof verloren, die keine Chance mehr bekommen haben, und die heute, im kapitalistischen Umbruch, auch nie wieder Fuss fassen können.

Hanne und ich beschliessen den Tag nach unserer Rückkehr mit dem Bus, indem wir dem Sonnenuntergang am Meer zuschauen, und später in unserem Hotelzimmer noch lange über die Eindrücke des heutigen Tages sprechen.

In Riga/Jurmala - abends am Strand. In Riga/Jurmala - abends am Strand.