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Dienstag 16.08.2016

Es ist ein herrlicher Morgen und es verspricht ein richtig guter Tag zu werden! Nach einem perfekten Frühstück, das ich in dieser Form nicht erwartet hatte, empfängt mich draussen kalte und frische Luft mit glasklarem Sonnenschein. Die wenigen dunklen Wolkenfetzen wissen schon jetzt, dass sie keine Chance haben, und machen sich innerhalb der nächsten halben Stunde aus dem Staub.

Während meiner weiteren Fahrt nach Norden gibt es praktisch keinen Verkehr. Ich habe den Eindruck, dass mehr Bauern auf ihren Traktoren unterwegs sind, als mir Autos begegnen. Einzig immer wieder Radfahrer, aber auch deren Anzahl hält sich in Grenzen.

Die Maschine folgt kleinen, verträumten Strassen durch dichten Wald. In und um das Gelände des ehemaligen sowjetischen Militärflugplatzes Mahlwinkel kann man heute mit schwerem russischem Gerät wie ausgemusterten Panzern und Lastwagen seinen Spieltrieb ausleben und die Fahrzeuge durch die Wälder jagen.

Was’n da los? Panzer fahren? Ich habe doch schon einen Panzer!

Kurz vor Mittag erreiche ich Tangermünde. Tangermünde ist ein verschlafenes Städtchen an der Elbe, in der Altmark südöstlich von Stendal. Auf dem hiesigen Wohnmobilstellplatz, den ich mir als Startplatz für meine weitere Elbe-Erkundung ausgesucht hatte, gibt’s für mich erstmal einen Schokoriegel und eine Ration Wasser. Die Wohnmobilisten, die hier Station machen, schlappen kurzhosig entspannt zwischen ihren fahrbaren Behausungen hin und her und halten Schwätzchen.

Verschlafenes Tangermünde.

Einige Hunde dürfen unter den schattigen Bäumen auf dem Elbe-Deich um die Wette laufen.

Auf der Bank am Hafen politisiert ein kleiner Trupp einheimischer Rentner. Ein Angler kommt vorbei und gesellt sich dazu. Wenn ich jetzt einen Campingstuhl hätte, würde ich nicht mehr weiterfahren, sondern einfach jetzt, in genau diesem Moment, in genau dieser entspannten Stimmung, an diesem schönen Fleckchen, genau um die Mittagszeit, mit einem kühlen Bier „den Tag beschliessen“.

Leider habe ich kein Stühlchen dabei, und so präge ich mir beim Blick auf die Landkarte nochmal einige wesentliche Punkte meiner weiteren Strecke ein. Natürlich wird mich das Navi meinen vorprogrammierten Wünschen entlang führen. Aber ich brauche im Kopf eine Vorstellung, noch besser ein konkretes Bild von der Gegend, in der ich mich bewege. Ansonsten komme ich mir vor wie ein „Ferngesteuerter“, der zwar sein (Tages-)Ziel erreichen wird, letztlich aber gar nicht weiss, wo er sich befindet, was es um ihn herum gibt, und der darüber hinaus dabei auch noch an vielen lohnenswerten Haltepunkten vorbeigedonnert ist.

Der knurrige Zweizylinder der Yamaha darf jetzt also wieder ran, und der Verlauf der Elbe stromabwärts bestimmt ab sofort seinen und auch meinen weiteren Tagesmarsch. Kurz hinter Arneburg führt die Strecke durch ein erdrückendes Industriegebiet mit technischen Anlagen in Aussmassen, wie ich sie noch selten erlebt habe. Der überdimensionale Gebäudewürfel auf der rechten Strassenseite „versteckt“ wohl die Bauruine des Kernkraftwerks Stendal, das einmal das grösste Kernkraftwerk der DDR werden sollte. Zum Glück wurde es nach der Wende nie fertiggestellt, denn die geplante russische Technik war schon damals veraltet.

Auf der Fähre „Sandau“ gleite ich geräuschlos hinüber nach Sandau zum rechten Elbe-Ufer. Aber geräuschlos ist nicht gleichzusetzen mit antriebslos. Den Antrieb übernimmt hier, gleichsam wie bei einigen anderen Fähren, der Fluss selbst durch seine Strömung. Der Fährmann muss nur das Schiff in den richtigen Winkel zum fliessenden Wasser stellen, dann drückt die Elbe das Boot vor sich her, und weil die Fähre an einem Seil in der Flussmitte „angekettet“ ist, „schwingt“ sie einfach von einem Ufer zum anderen und später mit neuer Ladung wieder zurück. Genial einfach und einfach genial! Manchmal ist weniger einfach mehr.

Auf kleinsten Strässchen wieder zur Elbe.

Aus Berlin kommend schmiegt sich die Havel an die Elbe an, und kurz vor ihrer Mündung hat sich heute das Städtchen Havelberg ganz besonders herausgeputzt. Kurze Stadtrundfahrt und im Hafen ein Eis am Stiel, dann tuckert die Yamaha kopfsteingepflastert auf kleinsten Strässchen durch schattige Alleen, damit wir uns mit der nächsten Fähre wieder hinüberschwingen können zum linksseitigen Ufer, von Brandenburg nach Sachsen-Anhalt.

Heisse Felder erstrecken sich durch die Altmark bis zum Horizont, immer wieder jedoch aufgelockert durch kühle, kleine Wäldchen zum Pause machen. Für die Menschen der ehemaligen DDR sicherlich unbefriedigend, für uns alle heute ein wahrhaftiges Glück, dass durch den sozialistisch bedingten Stillstand in der infrastrukturellen Entwicklung sich die Natur in ihrer kaum zu erfassenden Vielfalt bewahren konnte. Weisskopfseeadler gibt es hier. Und immer wieder queren Störche höchstpersönlich meinen Weg oder beäugen mich kritisch von ihren hohen Nestern auf Kaminen oder Strommasten.

Nur kurze Zeit später geleitet mich die perfekt asphaltierte B 189 über die neue Brücke wieder zurück ins brandenburgische Wittenberge. Weiter hinter den Elbdeichen nach Lutkenwisch und auf einem perfekt getarnten Weg, den man fast nur für einen Radweg halten könnte, wieder runter zur Elbe. Drüben am anderen Ufer krallt sich Westdeutschland an Sachsen-Anhalt fest. Schnackenburg ist die östlichste Gemeinde Niedersachsens und gleichzeitig auch die kleinste Stadt Niedersachsens mit ca. 600 Einwohnern. Vor der Wiedervereinigung erlangte das verschlafene Städtchen eine gewisse Bedeutung als Grenzstatdt und Zollstation für die Schifffahrt in die DDR. Einen öffentlichen und geregelten Fährverkehr gab es jahrzehntelang nicht. Der real existierende Sozialismus, die sozialistische Eiszeit, hatte auch hier alles eingefroren.

Ich sitze alleine am Ufer und schaue hinüber auf das verträumte Backsteinrot von Schnackenburg, dieses Mal geht der Blick in den „kapitalistischen Westen“. Drüben löst sich gerade die Fähre, um herüber zu kommen, und mich aufzunehmen. Ich bin froh, dass ich als freier Mensch jederzeit und ohne Einschränkung zwischen den deutschen Staaten hin- und her pendeln kann. Einer ganzen Generation war dies nicht möglich, ja, die Trennung verlief manchmal nicht nur zwischen Ländergrenzen, sondern die Perversion hatte ihre chirurgischen Schnitte sogar mitten durch Ortschaften gezogen! Wir krank sind wir manchmal?

Schnackenburg voraus!

Und so lande ich als einziger Fahrgast „im Westen“ an. Ich fühle mich ein bisschen seltsam, wie ein Wanderer zwischen Zeiten, zwischen Generationen, zwischen Kulturen. Wie einer, der als Fremder Neuland betritt und nicht so recht weiss, was er als nächstes tun soll. In mir hat sich eine geradezu mystische Stimmung ausgebreitet. Die Maschine stolpert zwischen kleinen, geduckten Häuschen durch winzige Strassen. Kaum ein Mensch lässt sich blicken. Verschlossene Türen aus dunklem, schwerem Holz. Gehäkelte Vorhänge. Einsamkeit und Leere wie in einer Geisterstadt. Gibt es hier überhaupt eine Menschenseele? Einzig das Grenzlandmuseum scheint nochmal einzuladen zu einem Intensivtauchgang in das deutsch-deutsche Grauen.

Einerseits ist es gut, dass Vieles von den Schrecken der Vergangenheit in Vergessenheit geraten ist, andererseits stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest, dass bei einem Grossteil unserer heutigen Jugend die deutsche Teilung überhaupt kein Thema mehr ist. Die interessieren sich immer weniger dafür, ja viele wissen noch nicht einmal darum, und selbst „Ost-Kinder“ können mit dem Wort „Trabi“ schon gar nichts mehr anfangen.

Da kommt mir eine alte Geschichte in den Sinn: es muss so um 1980 herum gewesen sein, ich war Anfang zwanzig und wollte auf einen Besuch nach Berlin. Freitag abend nach der Arbeit ging es mit meinem alten Ford Taunus los auf die etwa 600 km lange Strecke. Weit nach Mitternacht passierte ich den Grenzübergang Helmstedt. Auf der rumpeligen Transitstrecke mitten in der DDR um etwa 2 Uhr nachts war ich so müde geworden, dass ich einfach nicht mehr fahren konnte. Kurzerhand entschloss ich mich dazu, den nächstbesten Parkplatz (keinen offiziellen Rastplatz!) anzulaufen und eine Stunde Pause zu machen und die Augen zu schliessen. Bei der Einreise nach Berlin (wie sich das heute anhört: „Einreise nach Berlin“!) winkten mich die Grenzer zur Seite. „Wo woren Sie denn undorwögs?“. Dann wurde ich gefilzt bis auf die Unterhose und das Auto teilweise zerlegt. Meine wahrheitsgemässe Geschichte mit meinem Schläferstündchen auf der Autobahn muss dann wohl doch so unglaublich geklungen haben, dass sich sowas keiner ausdenken konnte und es wohl wahr gewesen sein musste, denn sonst wäre ich wohl erstmal in einem Untersuchungsknast gelandet. In meiner Unwissenheit und Naivität gegenüber dem Regime hatte ich höchst dreist gegen die allererste Regel für Wessies verstossen: nämlich die Transitstrecke innerhalb kürzester Zeit zu passieren, und die Transitstrecke NIEMALS zu verlassen! Nur, woher wussten die das? Erst später und mit genauem Blick in den Pass habe ich mir zusammengereimt, dass dies garantiert anhand des Uhrzeitstempels der DDR Einreise ersichtlich gewesen sein musste: die Beamten in Berlin überschlugen im Kopf die Differenz zwischen dem Einreisezeitpunkt und meiner Ankunft im Morgengrauen in Berlin. Da hatte ich viel zu lange gebraucht. Also – was war passiert? Der war verdächtig!

So unangenehm die Geschichte damals war, so schmunzelig finde ich sie heute. Überhaupt hat sich in den 40 Jahren DDR Sozialismus einiges an Skurillitäten herausgebildet, das weltweit seinesgleichen sucht. Mit diesen Gedanken stampft die XT jetzt durch „Wessi-Land“, weiter an der Elbe entlang. Eine kurze Kaffeepause an der Schwedenschanze weckt wieder neue Lebensgeister, und der Blick von hoch oben vom dortigen Aussichtsturm reicht weit über die Elbe und in das Wendland hinein. Schwer atmen die weiten Wälder um Gorleben herüber und man sieht die Türme des Salzbergwerks und die Gebäude des Atommülllagers von Gorleben.

Dort halte ich kurze Zeit später an. Die Maschine ist noch nicht komplett zum Stillstand gekommen, da baut sich sofort ein Uniformierter hinter dem riesigen Eisentor auf. Ich glaube, ich lasse die Kamera mal lieber im Tankrucksack, um hier jeglicher Irritation vorzubeugen. Auf das Lagergelände komme ich ohne VIP-Super-Duper-Spezial-Sonder-Ausnahme-Genehmigung sowieso nicht und kann mir die hier gelagerten Castoren anschauen. Stattdessen biege ich 200 m weiter links ab auf eine riesige Waldlichtung, über die man in das sogenannte „Erkundungsbergwerk“ gelangt, wo sich mir gleich der nächste Wachmann in den Weg stellt. Auch hier kann ich also nichts „erkunden“. Wer hat sich eigentlich diesen schwachsinnigen Namen ausgedacht, um darüber hinwegzutäuschen, dass man auf der Suche nach einem Atommüll Endlager ist?

Die "Beluga" als Symbol der Anti-Atomkraft Bewegung.

Mitten auf der Waldlichtung „parkt“ die „Beluga“, das Aktionsschiff von Greenpeace, das seit den 80er Jahren im ständigen Einsatz war für eine Zukunft ohne Atomenergie. Vor einigen Jahren wurde sie aus Altersgründen ausgemustert und in teilzerlegtem Zustand hierher in den Wald nach Gorleben gebracht, um an dieser Stelle wieder zusammengesetzt zu werden und für immer ein Symbol des Widerstandes zu sein.

Gleich anschliessend im Wald mahnen einige Gegenstände der Anti-Atomkraft Bewegung vor dem hier stattfindenden Wahnsinn der Atommüll Zwischen- und Endlagerung. Die im März 2010 errichtete Schutzhütte erinnert in ihrer Art und mit den darin befindlichen Plakaten und Gegenständen an die heftigen Protestveranstaltungen und höchst erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und der Polizei, die ab den 1980er Jahren in den Wäldern um Gorleben stattgefunden hatten.

Mit Gorleben kommen sie nicht durch!

Eine eigenartige Stimmung geht von diesem Ort aus, erweckt ein wenig Beklemmung. Es kommt mir vor, als ob der Ausruf der „Republik Freies Wendland“ gerade erst letzte Woche stattgefunden hätte, und als ob man nur noch einige Schritte tiefer in den Wald laufen müsste, um dann mitten im damaligen Protestdorf zu stehen, umgeben von Einheimischen, Bauern, Hippies, Anwälten, Politikern, Querdenkern, aber auch von Geheimdienst und Polizei. Dieser Ort ist ein Symbol und ein Mahnmal für Demokratie, freies Denken und freie Meinungsäusserung, aber auch dringend notwendigen politischen Widerstand und gesunden Patriotismus!

Die XT bollert wieder los. Gedankenverloren drückt mich der Motor aus den Wäldern heraus und durch die angrenzenden Felder, wieder in die Nähe des Flusses, der mich so magisch anzieht.

Kaum 20 Kilometer weiter weist ein unscheinbares Schild nach rechts: „Kulturdenkmal Dömitzer Eisenbahnelbbrücke“. Und nur wenige hundert Meter, nachdem die Bremsen der Yamaha zugebissen haben, und ich rechts abgebogen bin, stehe ich oben auf dem Deich und bin überwältigt!

Die Eisenbahnbrücke bei Dömitz.

Wie die Überreste der letzten Zeugen einer gigantischen Katastrophe schiebt sich eine monumentale, rostrote Raupe über die Elbniederungen hinweg, weit hinaus, über die Auen, bis zum Flussufer selbst, und hört dort einfach auf: die Dömitzer Eisenbahnbrücke. Ein riesiges Bauwerk, von dem auf westdeutscher Seite noch sechzehn Brückenpfeiler stehen, mit den darauf befindlichen Stahlbögen der eigentlichen Brückenkonstruktion. Ein Mahnmal des Krieges und der deutschen Teilung, denn die Brücke wurde nach ihrer Zerstörung im zweiten Weltkrieg und der anschliessenden Zersplittung Deutschlands nicht wieder aufgebaut. Im Gegensatz zur Strassenbrücke einige hundert Meter weiter flussabwärts, über die der endlose Verkehr hin- und hertaktet, vollklimatisiert und chromblitzend und servogelenkt auf der B 191 zwischen West und Ost.

Mit diesen Eindrücken laufe ich gegen Abend in Dannenberg ein, um Quartier zu suchen. Ich komme für 50,-- EUR unter im Hotel „Birkenhof“, einem leicht reparaturbedürftigen Haus, das aber eine gewisse ursprüngliche Schlichtheit ausstrahlt. Der Senior-Chef turnt gerade im Hinterhof auf einem Gerüst herum und erneuert Fenster. Dazu werden einfach bei den alten Fensterrahmen die maroden und fauligen Holzpartien herausgeklopft und per Akku-Schrauber ein neues Brett drübergeschraubt. Mir fällt nur eines ein: „Spax-Man“.

Heute gefahren: 302 km