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  • Kroatien | Irgendwo an der Küste.

  • Kroatien | Hafeneinfahrt von Dubrovnik.

  • Montenegro | In einem Dorf im Nirgendwo.

  • Montenegro | Bei Kotor | Restaurant "Alte Mühle" (Stari Mlinij).

  • Montenegro | Durmitor Gebirge.

  • Montenegro | Küste bei Petrovac.

  • Montenegro | Virpazar am Skutari See.

  • Montenegro | Skutari See | bei Rijeka Crnojevica.

  • Montenegro | Unterwegs zum Mount Lovcen.

Kapitel 1 - Es geht los

Auslöser für unsere Reisen nach Montenegro war eine TV-Reportage im Oktober letzten Jahres, in die ich zufällig „reinzappte“. In diesem Fernsehbericht über Montenegro war viel von der ehrwürdigen Kultur des Landes der „schwarzen Berge“ die Rede, von Bischöfen und alten Kathedralen. Einige Szenen zeigten ein Lokal „Alte Mühle“, in dem es sich sehr gut speisen lassen sollte. Die Tische im Freien sahen so einladend und die Speisen so lecker aus, dass ich zu Hanne sagte: „Da fahren wir hin.“

So war die Idee geboren und nach und nach begannen wir mit der Informationsbeschaffung, die sich teilweise als sehr schwierig herausstellte. Mal ehrlich: Wo genau liegt eigentlich Montenegro? Aktuelle Reiseführer für die Situation nach dem Balkankrieg ab 1992 gibt es so gut wie keine (wie konnten nur ein kleines, deutschsprachiges Büchlein besorgen (1), und einen etwas ausführlicheren, englischen Reiseführer (2)). Auch das Internet gab nicht allzuviel her. Erst kurz vor unserer zweiten Reise kam ein deutschsprachiges Buch auf den Markt (3), das ich sehr empfehlen kann.

Trotzdem, oder gerade deswegen, wurde unser Interesse nur noch grösser. Da wir nur zwei Wochen Zeit hatten (Pfingstferien) und wir befürchteten, auf dem Weg dorthin entweder im schönen Slowenien oder in Kroatien zu versumpfen, buchten wir keine Fähre für die Rückfahrt. Es war also offen, ob wir Montenegro überhaupt erreichen würden, ob es uns dort gefallen würde, und auf welche Weise wir wieder zurück nach Hause kämen.

Unser Mopped auf'm Zug. Unser Mopped auf'm Zug.

Der Autoreisezug von Neu-Isenburg nach Villach in Österreich nimmt uns die ersten 700 km ab.

Durch Slowenien geht es auf direkter Route nach Kroation. Auf der Landkarte ist der Weg von Mrkopalj über Tuk nach Jezerane als rote Landstrasse eingezeichnet – wir landen plötzlich auf einem Schotterweg, der sich in die Berge schraubt. Sicherheitshalber fahren wir nochmal nach Tuk zurück und fragen nach. Aber man erklärt uns, dass das schon richtig sei – nach 6 km Schotter sei die Strasse wieder geteert. Also nehmen wir die Sache in Angriff. Wenn das schon die Hauptstrecke ist, kann’s mit dem Schotter ja nicht so schlimm werden. Normalerweise macht uns das ja gar nichts aus, aber mit Hanne und mir als Passagieren und dem vollen Gepäck bringt unsere BMW R 1150 GS Adventure deutlich über 400 kg aufs Pflaster, und die wollen auf losem Untergrund dirigiert werden!

Ahhhhhhh! Da ist das Meer. Ahhhhhhh! Da ist das Meer.

Anfangs läuft auch alles völlig problemlos, aber irgendwann haben wir uns im zu durchquerenden Naturschutzgebiet um Samarske Stijene offensichtlich hoffnungslos verfahren. Es gibt zwischendurch zwar immer irgendwelche Abzweigungschilder in andere Feldwege für Radfahrer und Wanderer, aber wir können auf unserer RV Karte 1:300.000 nicht ausmachen, wo diese Wege hinführen. Ich richte mich nur noch nach dem Sonnenstand (Richtung Südosten).

Der Weg wird immer enger, der anfangs noch gut festgefahrene Schotter ist mittlerweile nur noch loses Geröll und grobes Gestein. Der Weg führt unnachgiebig weiter bergauf. Es ist heiss und wir schwitzen fürchterlich. Irgendwann scheinen wir auf dem Gipfel eines Berges zu sein, denn von nun an geht’s stetig talwärts. Bergauf ist die Fuhre einfacher zu handhaben, denn mit ordentlich Druck am Hinterrad wühlt sich die BMW durch alle Hindernisse, jetzt aber schiebt und stolpert die Fuhre und schiebt die losen Steine vor sich her. Hoffentlich kommt uns in den unübersichtlichen und manchmal halb zugewachsenen Spitzkehren nicht auch noch einer entgegen! Nach zwei Stunden taucht urplötzlich direkt vor uns wieder eine asphaltierte Strasse und sogar ein Wegweiser in die richtige Richtung auf – umpff, ich bin ganz schön geschlaucht, gleichzeitig aber auch stolz auf mich und die Maschine, dass wir diese Passage mit all dem Gewicht doch ganz gut gemeistert haben.

Nachdem der Begriff „Enduro fahren“ also neu definiert wurde, ist Asphalt fahren ab jetzt pille palle, und so fliegen wir regelrecht weiter an Kroatiens Küste. Nur in Zadar macht uns ausgerechnet der Papst einen Strich durch die Rechnung. Er bereist gerade Kroatien, und alles ist weitläufig abgesperrt. In einem Cafe lernen wir einen jungen Kroaten kennen, der uns kurzerhand wieder aus der Stadt herauslotst. Da wir durch die „Papst-Sperre“ nicht an der Küste weiterfahren können, steuere ich die BMW durch das Landesinnere nach Benkovac und anschliessend nach Sibenik. Wir kommen durch viele Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben ist, und noch immer zerschossene und zerbombte Häuser vom letzten Krieg erzählen.

Während der nächsten beiden Tage fahren wir die komplette Küstenstrasse immer weiter nach Süden. Übernachtungen sind kein Problem, überall gibt es „Zimmer – Sobe – Rooms – Appartmenti“. Wir sitzen abends am Meer, essen fangfrischen Tintenfisch und trinken Rotwein. Eines Abends bietet uns sogar eine Gruppe Delphine draussen ein erfrischendes Schauspiel, indem sie aus dem Wasser springen, Pirouetten drehen, und elegant wieder eintauchen.

Hmmmmhhhh – lecker Tintenfisch. Hmmmmhhhh – lecker Tintenfisch.
Übernachtung in Pisak... Übernachtung in Pisak...
...in Appartmenti mit riesiger Terasse. ...in Appartmenti mit riesiger Terasse.

Es lässt sich angenehm reisen. Es ist Vorsaison und wir sind praktisch alleine (fast keine Touristen unterwegs). Lediglich das Wetter macht uns zu schaffen. Es ist brutal heiss (bis 40 Grad), so dass wir alle Stunde Pause machen müssen und literweise Wasser zu uns nehmen.

Aber es gibt überall Bars, Cafes und Restaurants, in denen wir immer freundlich bedient werden. Wenn in vier Wochen im Juli allerdings die Hauptsaison beginnt und sich auf der kurvenreichen Küstenstrasse Wohnmobil an Wohnmobil reiht, und Wohnwagen and Wohnwagen, möchte ich die Strecke nicht mehr fahren. Jetzt aber macht es richtig Laune, sich mit dem mächtigen Drehmoment des Boxers satt aus den Kurven drücken zu lassen.

Zwangsläufig kommen wir auch an Dubrovnik vorbei. Eine Privat-Unterkunft ist schnell gefunden (40 €), und dann fahren wir mit dem Bus in die Altstadt. Sowas hat man selten erlebt! Eingerahmt von der alten Stadtmauer pulst mächtiges und junges Leben durch alle Winkel dieses „Paradieses auf Erden“, wie George Bernard Shaw Dubrovnik verschwenderisch nannte. Abgehend von grossen Fussgängerstrassen pressen sich links und rechts winzige Gassen zwischen die hohen Hausmauern.

Die Altstadt von Dubrovnik. Die Altstadt von Dubrovnik.

Jeder Quadratmeter wird genutzt von kleinen Lokalen, Bars und Cafes. Überall duftet es nach Pizza, frischem Fisch, und dem Parfüm der noblen Boutiqen. Viele Touristen durchschwärmen die Stadt, verliebte Jugendliche schlendern entlang, Arm in Arm und mit dem Handy am Ohr.

Ironie des Schicksals, dass gerade hier, in dieser zum Weltkulturerbe erhobenen, einmaligen Museumsstadt, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien seine Spuren hinterlassen hat. Doch die Wiederaufbau- und Renovierungsarbeiten sind gut vorangekommen, und heute kann man kaum noch irgendwelche Zerstörungen ausmachen – alles ist in einem tadellosen Zustand. Und gerade jetzt, am Abend, wenn die Schwalben in den engen Gassen ihre Flugkünste vorführen und aus jedem Winkel die Lichter der Restaurants schimmern – spätestens dann ist Dubrovnik so einzigartig, dass man über diese Eindrücke die jüngste Geschichte der Stadt zumindest für kurze Zeit vergisst.

Fährt man von Dubrovnik weiter in Richtung Montenegro, liegt etwa 10 km vor der Grenze zu Montenegro direkt an der Hauptstrasse ein einsames Haus, das man erst auf den zweiten Blick auch als Gaststätte ausmachen kann. Die Besitzerin ist eine kleine Frau in den Fünfzigern, die immer dasselbe T-Shirt trägt und immer dieselbe Schürze, und die mit ihrem zurückhaltenden Lächeln und ihrer freundlichen Art von jedem ins Herz geschlossen werden muss.

Gostilna "Bei Ömchen". Gostilna "Bei Ömchen".

Hanne und ich haben an dieser Stelle auf unserer ersten Tour Rast gemacht und sie danach wegen ihrer knuddeligen Art kurzerhand „Ömchen“ getauft. Weil wir dann auf der Rückfahrt und auch auf unserer zweiten Tour jedesmal wieder bei ihr eingekehrt sind und wie alte Freunde begrüsst wurden, muss „Ömchen“ an dieser Stelle einfach mal erwähnt werden.

Man kann bei „Ömchen“ einfach und lecker essen und selbst wenn auf der Magistrale, die unmittelbar am Haus vorbeiführt, die Autos mit weit über 100 km/h lautstark vorbeischiessen, so hat uns das auf der schattigen, mit uralten Weinreben überwachsenen Terasse nie etwas ausgemacht – teilweise war es sogar belustigend: „Ja da kommt wieder einer, der alles gibt...“. Auf Wunsch kann man bei „Ömchen“ sogar übernachten. Man benutzt dann das Bad (alt, aber sauber) gemeinsam mit der Familie. Absolut sehenswert sind im Bad die Zahnbürsten – ausgefranst wie ein Kanonenrohr nach einem Rohrkrepierer!