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Kapitel 3 - Der Norden

Nur einige Kilometer zurück am nördlichsten Zipfelpunkt der Bucht von Risan liegt das Städtchen Risan. Von hier schlängelt sich unsere BMW auf dem kleinen Strässchen hoch hinauf in die Berge nach Ledenice und Grahovo. Ziel: Zabljak im Norden des Landes, direkt am Durmitor Nationalpark gelegen. Das Strässchen streift durch karge, aber durchaus grüne und gesunde Vegetation. Zwischendrin immer wieder dicke Felsblöcke, auf denen sich ärmliche Sträucher verzweifelt festkrallen. Einsame Landschaft, nur hin und wieder vereinzelt einige verlorene Bauernhäuser. Bei Podbozur stossen wir auf die Magistrale nach Niksic, die nächste grössere Stadt im weitesten Umkreis.

Der Himmel zieht sich immer weiter zu, die Sonne ist restlos verschwunden, nur noch eine rabenschwarze Wand über uns. Bis Niksic schaffen wir es nicht mehr, bis das Unwetter über uns losbricht. Weit und breit kein Haus zu sehen, auch kein Baum, der Schutz bieten könnte. In letzter Sekunde und mit den ersten dicken Regentropfen können wir gerade noch so die Jacken überstülpen und uns wieder auf die Maschine schwingen. Jetzt aber Vollgas, bevor es richtig zur Sache geht! Und hoffen, dass doch noch irgendein Unterschlupf auftaucht. Ha! Schon nach der nächsten Kurve beissen die Bremsen zu. Ich lasse die BMW unter dem Holzdach eines einsamen Cafes am Strassenrand ausrollen und denke „Das Glück ist ist uns wieder mal hold...“.

Während es an der Küste überhaupt keine Verständigungsschwierigkeiten gibt (jeder spricht irgendwie Englisch oder ein paar Brocken deutsch), ist spätestens ab hier vollkommen Schluss damit. Die aufgedonnerte Dame im Cafe versteht nur noch „türkisch Kafe“, und ansonsten nichts mehr. Während des Unwetters fällt mehrfach der Strom aus, was ein Segen ist, da damit das plärrende Radio endlich schweigt. Der türkisch Kafe wird sowieso auf einem Gasbrenner zubereitet. Ein alter und verbeulter Lastwagen mit zwei Waldarbeitern kommt vorbei, die ein paar Bierchen zischen. Nachdem ich das Motorrad nicht gegen ihren Lastwagen tauschen will, schieben sie enttäuscht, aber gekonnt die alte Fuhre wieder an und rumpeln davon.

Unterwegs nach Niksic. Unterwegs nach Niksic.

Schliesslich hört der Regen auf, und auch die heftigen Blitze haben sich Richtung Süden verzogen. Niksic ist mit 90.000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Montenegros. Momentan liegt sie ein bisschen durchnässt, trist und traurig in der Hochebene. Wir übernachten im „modernen“ Hotel Onogost direkt im Stadtzentrum (ich witzele „Hotel OhneGast“, da wir scheinbar die einzigen Gäste sind). Das Hotel ist ein typischer „Ostgotenbunker“, aber recht gut in Schuss. Sehr freundliches Personal, ich kann die Maschine im Hinterhof abstellen – jetzt erstmal ein Bier. Das Wetter wird auch wieder freundlicher, so dass wir abends einen Stadtrundgang machen. Niksic blüht richtig auf. Je später der Abend, desto mehr Menschen schlendern durch die Strassen und über den grossen Marktplatz. Sehr schön! Ein Plätzchen zum Wohlfühlen.

Hannes Fön ist kaputt. Es muss also ein neuer her. Bevor wir am nächsten Tag aufbrechen, halten wir am Marktplatz an einem Elektrogeschäft. Während Hanne im Geschäft verschwindet, werde ich innerhalb kürzester Zeit von mehreren älteren Herren umringt, die alles über die BMW wissen wollen: „Wieviel kostet? Wie alt? Wie schwer? Wieviel Kubik?“, und: „Ich früher auch BMW...“, und sie erzählen von ihren Zeiten, als sie als Gastarbeiter in Deutschland tätig waren. Endlich kommt Hanne wieder – sie schwingt triumphierend einen Fön in der Hand. Die Verkäuferin hatte ihr die professionellsten, grössten und dicksten Luftbläser angeboten, die sie führte. Endlich konnte man sich doch darauf einigen, dass ein möglichst kleines Modell ausreichend war. Ab heute fährt also der gute montenegrinische Fön für 8 € mit. Einer der Männer lässt es sich nicht nehmen, uns aus der Stadt herauszulotsen („Frau schläft noch...“). Bevor es losgeht, springt noch einer der anderen in das Auto, der auch mitfahren will (wahrscheinlich der Schwager oder so). Liebe Menschen, die sich mit ihrem zahnlosen Lachen erst nach 20 km von uns trennen können, weil man die Abzweigung „schlecht finden“ kann (ein riesiges, auf 200 m Entfernung sichtbares Schild).

Zabljak ist nur 100 km entfernt, aber man braucht schon einige Stunden auf der einzigen Verbindungsstrasse über Krnovo und Savnik. Es geht fast unmerklich, aber doch stetig immer weiter bergauf durch dichte Wälder, bis sich kurz vor Zabljak eine riesige Hochebene mit schier endlosen Wiesen auftut. Vereinzelt springen freilaufende Pferde über die weiten Flächen, hin und wieder eine Schafherde. Ein frischer, aber keineswegs unangenehmer Wind bläst konstant von den noch weiter im Norden herüberblickenden Bergen des Durmitor Gerbirges. Wir bewegen uns jetzt auf etwa 1500 m Höhe, und die ersten Häuser von Zabljak kommen in Sicht.

Der Nationalpark Durmitor umfasst nur einen Teil des gesamten Durmitor Gebietes, und verteilt sich auf einer Fläche von insgesamt 39.000 Hektar. Zu ihm gehören das Durmitor Gebirge und die Taraschlucht. Vor allem weil die Bergwelt schwer zugänglich ist, entstand erst spät eine akzeptable Infrastruktur. Die Verkehrsanbindung nach Zabljak wurde erst 1934 fertiggestellt, mit dem Bau der Strasse nach Pluzine wurde erst 1964 begonnen.

Zabljak ist das Zentrum des Wintersports im Durmitor Gebirge, eine der grössten Städte mit etwa 2000 Einwohnern. Es ist die höchst gelegene Siedlung in Montenegro und im gesamten ehemaligen Jugoslawien. Die Häuser sind ein- oder zweistöckig, oft haben sie ein steinernes Fundament, während die Wände aus massivem Holz sind, die daher auch in grimmigen Wintern die Kälte nicht ins Innere lassen. Typisch sind die die spitz zulaufenden und fast bis zum Boden reichenden Hausdächer. Im Winter bieten sie optimalen Schutz vor den Schneemassen.

Im Ort ist nicht viel los. Es gibt einige Hotels, die ihre besten Zeiten auch schon längst hinter sich haben, und müde vor sich hingammeln. Wir können ein Lokal ausfindig machen, in dem es etwas zu essen gibt (je weiter man nach Norden kommt, desto weniger Gaststätten gibt es, die ein Essen anbieten, meistens sind dann im Gegensatz zur Küste nur noch Cafes und Bars vorhanden). Die Pizzeria hat etwa die Grösse eines Baucontainers, aber es ist alles drin: 4 Tische mit Stühlen, eine Bar, und eine maximal 3 qm grosse Küche. Die Getränke kommen aus dem überdimensionalen Coca Cola Kühlschrank in der Ecke. Die Besitzerin vermittelt uns eine Privatunterkunft bei ihren Eltern für 5 € pro Person und Nacht.

Um in unser Schlafzimmer zu kommen, müssen wir durch die Küche und die Wohnstube von Dragan und Stojka. Da bekommen wir von der kärglichen Lebensweise einiges mit.

Hochflächen vor Zabljak. Hochflächen vor Zabljak.
Durmitor Nationalpark. Durmitor Nationalpark.
Häuser in Zabljak. Häuser in Zabljak.
"Container"-Pizzeria. "Container"-Pizzeria.
Dragan, Hanne, Stojka und Joe. Dragan, Hanne, Stojka und Joe.

Morgens zum Beispiel besteht ihr Frühstück aus einem hartgekochen Ei, das im Stehen eingenommen wird. Das war’s. Schade, dass wir uns mit Dragan und Stojka nur sehr eingeschränkt unterhalten können, denn wir können kein montenegrinisch, und sie kein Deutsch oder Englisch. Dafür ist die Herzlichkeit umso grösser, und es gibt es immer, wenn wir morgens das Haus verlassen oder abends heimkommen, einen frischen türkisch Kafe.

Stojka klagt über heftige Rückenschmerzen, und Hanne kann ihr mit ein paar Pillen aus der Bordapotheke helfen. Dragan hegt und pflegt seine Hasen, von denen er etwa 12 Stück in einem komfortablen Stall hält. Die Hasen sind der Wintervorrat für die Familie. Im Herbst werden sie geschlachtet und eingefroren. Überhaupt sieht man überall in Zabljak, wie die Wintervorbereitungen auf Hochtouren laufen. An jeder Ecke wird kubikmeterweise Holz gehackt (ja, so richtig per Hand und mit der Axt), Heu wird eingefahren, Dächer werden repariert. In vier Wochen, Ende September, wird hier wohl der erste Schnee fallen. Die Vorboten sind bereits spürbar: pünktlich nachmittags um 15:00 Uhr wird es merklich kälter, der Himmel verdunkelt sich, und dann meiert es wie aus Kübeln. Der Abend bleibt dann kalt und feucht, am nächsten Morgen kämpft sich die Sonne wieder durch.

Auf einem Tagesausflug wollen wir quer durch den Durmitor Nationalpark nach Pluzine fahren. Pluzine und das Kloster Piva wurden Stein für Stein abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgebaut, um Platz für den neuen Stausee zu schaffen. Bereits wenige hundert Meter nach Zabljak ist der Asphalt zu Ende und ein grobschottriger Weg tastet sich die Berge hinauf. Mit beherztem Dreh am Gasgriff wühlt sich die BMW durch. Wo es noch ein wenig Pflanzenbewuchs gibt, hausen Ziegen- und Schafbauern in ärmlichen Hütten. Teilweise tragen sie die wunderschönen montenegrinischen Trachten. Nach einigen Kilometern müssen wir leider umdrehen, da der Regen weiter zunimmt, der Wind immer heftiger wird, und sich auch ein Gewitter über den Gipfeln ankündigt.

Auf Schotterpass über das Durmitor Gebirge nach Pluzine. Auf Schotterpass über das Durmitor Gebirge nach Pluzine.

Daher besuchen wir den Crno-jezero, den „Schwarzen See“ in unmittelbarer Nähe von Zabljak Der See macht seinem Namen alle Ehre. Tiefschwarz glänzt sein Wasser selbst in der Sonne. Umgeben von dunklem Wald, liegt er ruhig und bewacht von den Gipfeln des Durmitor Gebirges. Es herrscht tiefste Ruhe – kein Automotor zu hören, kein Flugzeug. Nur das einsame Plätschern eines Fisches weit draussen, oder der Ruf eines Vogels aus dem Wald. Wir geniessen diese Ruhe bei einem Rundgang um den See.

Der Schwarze See (Crno jezero). Der Schwarze See (Crno jezero).

Nach zwei Tagen verabschieden wir uns von Dragan und Stojka. Wir wollen weiter nach Südosten fahren. Ein Abschiedsfoto wird gemacht, und wir müssen versprechen, es ihnen zuzuschicken, was wir natürlich gerne tun werden.