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Kapitel 1 - Formalitäten

Durchfahrt durch Niemandsland. Flaute im Bauch, was kommt jetzt? Das kann es doch nicht gewesen sein! Endlich eine Brücke über einen Fluss, Wachtposten in einer farbenfrohen, weiss-roten Tracht. Ich passiere langsam, nicke ihnen zu, sie lächeln aufmunternd zurück. Auf der anderen Seite Soldaten, grüne Unformen, Gewehre, aber freundliche Gesichter. Ich werde auf das Kontrollgelände eingewunken, halte vor einem Gebäude mit der Aufschrift ‘Polis-Kontrol’. Um mich herum plötzlich lauter Duty-Free Shops mit Zigaretten und Alkohol im Überfluss. Einige verwaiste Lastwagen stehen herum, zwei oder drei Männer lümmeln verloren auf Wartebänken. Es herrscht tiefe Stille. Hoffentlich geht jetzt alles gut! Alle Papiere vorhanden? Ich betrete das Polizeigebäude, auch hier bin ich der einzige, der an diesem Morgen die Lethargie aus ihrer Gleichgültigkeit reisst. Ein freundlicher Polizist an der ‘Passport-Kontrol’ prüft meinen neuen Reisepass, der noch keine Eintragungen enthält, durch und durch. Endlich ok. Wwummms - Stempel rein, dann verweist er mich weiter zum Zoll, vier Meter weiter, gleiche Schalteranlage. Aber kein Beamter weit und breit.

Etwas Ruhe breitet sich in mir aus, die Anspannung lässt etwas nach. Ich denke an orientalische Gelassenheit und beschliesse, zu warten (was bleibt mir auch anderes übrig?). Die Abfertigungshalle ist gross, für hiesige Verhältnisse wahrscheinlich sehr ordentlich und sauber. Sie erinnert mich mit ihrer kühlen Atmosphäre an Kontrollstellen in den Ostblock, DDR. Aber es gibt einen Unterschied: auf Mauervorsprüngen in der Halle nisten Schwalben, und an den Wänden hängen Bilder von landschaftlich reizvollen Stellen der Türkei. Die Schwalben pfeifen zielgenau zum Nest und durch die offenen Türen wieder hinaus. Ein total verschmuddelter Computer lehnt in der Ecke, ausser Betrieb. In einer durch einen Holzverschlag abgetrennten Baracke sitzen einige Männer zusammen, rauchen und unterhalten sich angeregt, es dringen allerdings nur sehr gedämpfte Laute bis zu mir. Ein alter Mann schlappt herbei, geht in das Büro hinter dem Tresen, vor dem ich warte, kommt einige Minuten später wieder heraus und verschwindet draussen.

Da stehe ich nun am Grenzübergang zwischen Griechenland und der Türkei. Heute ist Donnerstag, der 03. Juni 1993. Angefangen hatte alles in den Wintermonaten, in denen man so manchen Gedanken darüber verliert, wohin denn die diesjährige Urlaubsreise gehen könnte. Für die Traumziele Afrika und Südamerika braucht man mehr Zeit als nur die drei oder vier Wochen eines Jahresurlaubs. Freunde, die in der Türkei gewesen waren, schwärmten von diesem Land und seinen Bewohnern. Altes Schulwissen wurde hervorgekramt: Türkei - Land zwischen Orient und Okzident, Kultur zwischen Abend- und Morgenland, zwischen uralten, fremden Traditionen und europäischem Fortschritt. Eine Idee war geboren.

Aber die Türkei ist weit und gross und neben der Faszination, die sich in mir ausbreitete, schlich sich auch der Zweifel ein, ob es sich denn lohne, mit nur 4 Wochen Zeit im Gepäck die Reise überhaupt anzutreten.

Natürlich stellt sich eine solche Frage für einen Pauschaltouristen nicht, der in Deutschland in den Flieger steigt und in einem der Badeorte in der Südtürkei ein Hotelzimmer gemietet hat. Ich will aber, wie auf allen meinen Reisen, vom Land und seinen Menschen so viel wie möglich sehen und an Eindrücken mit nach Hause nehmen. Ausserdem habe ich seit Kinderjahren mein Herz an Motorräder verloren, und deswegen ist für mich die schönste Art des Reisens die mit dem Zweirad. Zum Glück waren für den vorgesehenen Urlaub im Juli schon die meisten Vorbereitungen getroffen, als ich kurzfristig arbeitslos wurde. Welches Glück im Unglück! Nun war alles offen! Es besteht im Prinzip keinerlei Zeitlimit mehr, und ausserdem konnte ich früher wegfahren. So ging es dann in der vorletzten Maiwoche los über Österreich nach Italien (Ancona). Die Route über das ehemalige Jugoslawien war nicht befahrbar wegen des Krieges zwischen Serben und Kroaten. Also mit dem Schiff rüber nach Griechenland, durch ganz Griechenland hindurch Richtung Türkei.

Was ich bis jetzt von der Türkei weiss, sind die Informationen aus aus den Reiseführern und Reisebeschreibungen, die ich gelesen habe. Daneben gab es Erzählungen und Dias von Freunden, die bereits dort waren. Je mehr ich über das Land erfuhr, desto interessanter, vielschichtiger, faszinierender und reizvoller wurde es für mich, lockte mich geradezu magisch an, aber genauso widersprüchlich, deprimierend und unverständlich erschien es mir mehr und mehr, jagte mir manchmal direkte Schauer über den Rücken.

Zu aufmunternder Aufklärung trug das Verhalten der Griechen natürlich auch nicht gerade positiv bei. Dass sich Griechen und Türken nicht ganz grün sind, weiss ich ja, aber dass alle, denen ich begegnet bin, so sauer auf alles ‘türkische’ reagieren, hat mich ganz schön verblüfft. Auf Campingplätzen ergab sich des öfteren die Gelegenheit zum Gespräch, und wann immer ich erwähnte, dass ich auf dem Weg in die Türkei sei, wurden gewissermassen „die Rolläden heruntergelassen“. Erst vor einigen Tagen war ich mit einem Rentner an einer Tankstelle ins Geplaudere gekommen.

In Griechenland...

„Ich 20 Jahre Ford - Köln“. Seit 8 Jahren ist er jetzt wieder zu Hause. Er warnte mich: die Türken seien alle Gangster und überhaupt, mit einem Volk, das eine Stadt, die früher mal Konstantinopel hiess, jetzt Istanbul nennt, könne doch irgendetwas nicht stimmen!

Irgendwie bekam ich das beklemmende Gefühl, dass sich viele Griechen auf dieser Ost-West Trasse plötzlich als Verköstiger einer durchreisenden Gesellschaft empfinden, und daher schnellstmöglich auf Distanz gehen.

Vielleicht sind sie aber auch einfach nur gute Patrioten, und dann sei ihnen verziehen, keiner war unhöflich zu mir, im Gegenteil: jeder kramte sofort seine Deutschkenntnisse hervor, wenn er mein Nummernschild erblickte.

All das hat meine Neugier auf dieses Land nur noch weiter entfacht. Natürlich, es soll in einigen Landstrichen nicht gerade ungefährlich sein. Viel lieber wäre ich wenigstens mit noch einem Partner unterwegs als allein, aber das liess sich jetzt nicht anders machen, und ich will jetzt endlich in die Türkei!

Da stehe ich nun am Tresen der Grenzpolizei und meine Gedanken kehren in die Wirklichkeit zurück. Die Männer in der Holzbaracke rauchen immer noch. Eine Schwalbe segelt lautlos direkt vor meiner Nasenspitze vorbei, dreht dann ab und schiesst wie ein Torpedo zur Tür hinaus. Wieviel Zeit ist vergangen?

Endlich kommt die zuständige Person, verlangt Reisepass und Fahrzeugschein und fängt an, eine Zollerklärung auszufüllen. Aha, das ist das Papier für die Maschine, die hiermit in die Türkei (zunächst zollfrei) eingeführt wird. Dieses Dokument darf ich auf gar keinen Fall verlieren! Es ist der Nachweis, dass ich mit dem Motorrad eingereist bin und dieses Papier muss ich dann bei der Ausreise wieder vorlegen. Ich überprüfe die Eintragungen von Fahrzeugtyp und Fahrgestellnummer, dann unterschreibe ich. Weiterverweis an den nächsten Schalter. Hier bekomme ich einen weiteren Stempel in den Reisepass. Dann stellt sich heraus, dass die Zollerklärung offenbar falsch ist, denn dieser Beamte sieht an meinen Klamotten, dass ich Motorradfahrer bin, auf dem Papier aber ein Auto eingetragen ist. Also zurück zum Vorgänger, der ändert das entsprechend, endlich scheint alles ok zu sein.

Ich packe meinen Papierkram zusammen. An der Tourist-Information besorge ich mir noch eine Strassenkarte (die nur bezüglich ihrer Eintragungen der Campingplätze etwas taugt, ansonsten viel zu grob ist). Ich setze den Helm auf, starte den Motor und rolle vom Hof. Nochmal eine Passkontrolle, dann ein Wassergraben, zwei letzte Soldaten, endlich freie Strecke! Türkei, ich komme!