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Kapitel 10 - Unterdrückung

Heute ist Samstag, der 19.06.1993.

Mit einem lauten „Tschüss Nemrut“ verabschiede ich mich von meinem Freund Nemrut Dagi, der seinerseits majestätisch den Kopf in die Höhe streckt. Habe bei Mehmet in der Pansiyon noch gut gefrühstückt und will heute bis Batman kommen. Die Fähre über den Atatürk-Stausee sei kaputt, hat er mir glaubhaft versichert, und so muss ich den ganzen Stausee umfahren. Also erst zurück nach Adiyaman, dann auf der 875 nach Bosova. So weit das Auge reicht, fruchtbare Felder, die durch den Stausee bewässert werden. Eigentlich wollte ich mir kurz vorher noch die Staumauer anschauen, aber das Gelände ist weiträumig mit Militär gesichert, und so will ich keine Experimente eingehen.

Kurz vor Sanli-Urfa biege ich auf die E99 Richtung Diyarbarkir ein. Wüstenstimmung kommt auf: es ist heiss, gnadenlos überladene LKW’s und Männer mit um den Kopf gewickelten Tüchern prägen das Bild: Syrien ist keine 100 Kilometer mehr entfernt. Ich bewege einige LKW-Fahrer dazu, eine Aufnahme von sich und ihren Wagen zu gestatten. „Mahsallah“ lauten die Aufschriften und „Allah Korusun“ - Gott soll schützen, der hiesige Wahlspruch, und der ist mehr als gerechtfertigt, denn meines Wissens nach ist die Türkei eines der Länder mit den grössten Verkehrsopferzahlen in ganz Europa.

Syrien ist nicht mehr weit. Syrien ist nicht mehr weit.

Die Strecke nach Diyarbarkir ist eintönig und dröge, es gibt nicht viel zu sehen ausser ein paar wilden Kamelen. Es ist heiss. Urplötzlich bemerke ich im Rückspiegel ein anderes Motorrad, das mit hoher Geschwindigkeit herannaht. Ich weiche nach rechts aus und die andere Maschine schliesst auf gleiche Höhe mit mir auf. Es ist eine BMW R100GS P/D, und der Fahrer winkt mir kräftig zu. Ich grüsse begeistert zurück, und im nächsten Ort halte ich an, um ein Schwätzchen zu wagen. Die Maschine hat ein kleines, blaues Kennzeichen, aber der Fahrer ist Deutscher. Manfred lebt seit drei Jahren in der Türkei und arbeitet am Atatürk-Stausee. Das Kennzeichen bekommen nur Ausländer über die Botschaft zugewiesen. Als er hört, dass ich durch Kurdistan über Batman, Cizre, Sirnak, Uludere und Hakkari nach Van will, hält er mich für total verrückt. „Da ist Krieg!“ versucht er, mir mein Vorhaben auszureden. Er tut dies so überzeugend, dass ich auf der weiteren Fahrt nach Diyarbarkir wieder unsicher werde.

Wir legen die restlichen 70 Kilometer gemeinsam zurück, denn Manfred will nach Diyarbarkir, um dort an einem Fest teilzunehmen. Wir fragen an einer Tankstelle nach dem Weg, und dann verabschieden wir uns. „Die knallen dich ab. Das Motorrad können sie gut in den Irak verkaufen oder gegen Waffen eintauschen. Mach was du willst.“  Mit diesen Worten braust er los, und ich tuckere etwas langsamer und mit Grummeln im Bauch weiter nach Osten. Mein heutiges Tagesziel sollte eigentlich Batman sein, das sind noch 120 Kilometer. Es ist jetzt halb zwei Uhr nachmittags. „Ab 5 Uhr abends ist Ausgangssperre. Da knallen sie auf alles, was sich bewegt“ hatte Manfred noch gewarnt. Um 5 Uhr? frage ich mich, und das kann ich  nun wirklich nicht glauben! Da ist hellichter Tag und die Arbeit voll im Gange! Verdammt nochmal, was ist hier eigentlich los? Dichtet sich hier eigentlich jeder seinen eigenen Schrott zusammen? Ich beschliesse, mein Etappenziel beizubehalten, und in Batman die Lage neu zu überdenken. Falls ich dort Gefahr spüren sollte, will ich auf die TIR-Strecken zurückweichen.

Dann werde ich von einer Polizeistreife angehalten. Aber der Polizist will sich nur wichtigtun. Er besteht darauf, Deutsch zu sprechen und kann überhaupt nicht verstehen, was ich in dieser  Ecke des Landes will. Antalya sei doch so schön. Und überhaupt, ob ich denn keine Sonnenbrille hätte und wo meine Freundin wäre. Wie kann man Urlaub machen, ohne zu „ficken“, und dabei macht er eindeutige Handbewegungen. Ich bin froh, als ich endlich weiterfahren kann. Die Militärpräsenz nimmt zu. Als ich hinter Silvan auf die 955 nach Batman abbiege und durch endlose Felder fahre, auf denen sich immens viele Bauern und Frauen und Kinder bemühen, scheint es völlig absurd und irrational, dass das Geschehen von einem erhöhten Terrain aus von Soldaten beobachtet wird. Plötzlich mitten in den Feldern ein Militärlager mit halbkuppeligen Flugzeughallen.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Endlich Batman. Staubige und holperige Hauptstrasse. Mir ist klar, dass es hier keinerlei Campingplätze mehr gibt und zum draussen schlafen scheint mir die Gegend doch etwas zu unsicher zu sein. Deswegen suche ich eine Pansiyon, finde zunächst mal nichts und durchquere zweimal die Stadt. Hotels gibt es, aber die sind mir vom Outfit her etwas zu teuer. Überall Polizisten und Jandarmafahrzeuge. Ich halte an einem Teehaus, vor dem richtig Trubel ist, um nach einer Pansiyon zu fragen, und stehe damit genau vor einem Hotel, erkenntlich nur an einer Aufschrift auf der Glastür.

Drinnen läuft ein Karatefilm aus Taiwan, und etwa 8 Männer glotzen in die Röhre (sehr interessant, so eine taiwanesische Karatefilm-Produktion in türkischer Synchronisation!). Das Zimmer soll 60000 TL kosten. Ok, denke ich, aber das Moped muss gut untergebracht werden. Was Diebstahl betrifft, so ist die Türkei wohl eines der sichersten Länder überhaupt, denn es drohen drakonische Strafen, und die Polizei  ist da nicht zimperlich.

Es ist mir aber doch lieber, die Maschine unter Verschluss zu wissen, zumal sonst alles von tausend Kinderhänden begrapscht würde. Eine Garage gibt es nicht, dafür 2 Türen weiter eine ‘Hofeinfahrt’, die ich benutzen kann. Ich sage ok. Das Zimmer liegt im 5. Stock, dafür hat es eine eigene Dusche, WC ist auf dem Gang.

Hotelzimmer in Batman. Hotelzimmer in Batman.

Unterdessen scheint es, als habe sich ganz Batman vor dem Hotel versammelt. Die Maschine ist die Attraktion des Tages. Auf dem Gehsteig werden die Backgammonspiele unterbrochen, die Jungs, die als Schuhputzer ihr Geld verdienen, tragen die Schuchcreme doppelt so dick auf. Ein Auto muss weggefahren werden, damit ich den kleinen Absatz benutzen kann, um das Motorrad auf den Gehsteig zu schaffen (sehr hoch in der Türkei). Als ich  mit dem Lenker endlich durch die Tür bin, stellt sich heraus, dass das Hinterteil der Maschine nicht durchpasst. Ich muss erst einen Koffer demontieren. Völlig erschöpft und durchtränkt von Schweiss komme ich anschliessend mit dem Gepäck im Hotelzimmer (5. Stock, und natürlich kein Aufzug!) an.

Eine warme und dann kalte Dusche erfrischt und macht mich zugleich richtig fertig. Ich habe seit heute früh nichts mehr zu mir genommen und ich sehne mich nach einem Lokantasi oder vorab wenigstens nach etwas zu  trinken. Aber das Motorrad und die Tanktaschen sind 5 Stockwerke, einen fremdsprachigen Portier und einen Gang durch teetrinkende Männerrunden auf dem Gehsteig entfernt.

Mann, bin ich erledigt! Das Bett ist einigermassen sauber, ich lege mich splitternackt drauf und entspanne erstmal. Eine halbe Stunde später treibt mich der Hunger auf. Gleich nebenan im Lokanta bestelle ich Reis, Salat, und ein Schälchen voll Fleischstücke.

Was dann serviert wird, ist das Beste, was mir bisher in der Türkei untergekommen ist. Der Salat ist angemacht mit Öl, Kräutern und Gewürzen, und die Fleischstückchen werden in einer Tonschale gereicht, die direkt aus dem Backofen kommen muss: alles brutzelt und zischt noch. Dazu frisches Fladenbrot und eiskalte Cola. Ich bin versöhnt. Das Essen ist scharf, dafür schmeckt es umso besser.

Während ich so vor mich hinkaue, versuchen einige, mit mir ins Gespräch zu kommen. Mit Händen und Füssen erkläre ich, woher und wohin, und wieviel das Motorrad kostet. Ich werde die Plagegeister einfach nicht los, bis endlich ein älterer Mann (offenbar der Chef hier) eingreift und alle verjagt. Ich will mich nun endlich in aller Ruhe über mein köstliches Mahl hermachen, als sich kaum eine Minute später der Alte höchstpersönlich unaufgefordert neben mich setzt und partout etwas über ‘Hasankeyf’ wissen will. Als ich endlich begreife, dass dies offenbar eine Ortschaft ist, zeige ich ihm die Landkarte. Er erklärt mir, wo das ist (ganz in der Nähe!), dass es da unheimlich schön sein muss, und dass ich unbedingt da hin fahren soll! Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, markiert er die Stelle dick und fett auf der Karte mit einem Kreuz. Na toll! Als ich ihm endlich das Versprechen gegeben habe, in Hasankeyf vorbeizuschauen, scheucht er die Meute weg, die sich zwischenzeitlich erneut um uns versammelt hatte, damit ich in Ruhe essen kann. Eine Minute später redet er wieder auf mich ein, aber das ist mir jetzt egal. Das Essen war so gut, mir kann heute nichts mehr passieren.

Anschliessend mache ich einen Rundgang durch die Stadt. Es ist fast 7 Uhr abends, kunterbuntes Treiben überall! Von wegen ab 5 Uhr wird geschossen! Als ich später ins Hotel zurückkomme, falle ich nur noch in mein Bett. Durch das in 2 Metern Höhe angebrachte, etwa 40 x 40cm grosse Fenster, dringen gedämpfte Geräusche der Stadt herauf. Ich schliesse die Augen und überlege, worin die Ursachen für die Unstimmigkeiten zwischen Türken und Kurden liegen mögen. Bisher sind mir die unterschiedlichsten Aussagen und Meinungen zu Ohren gekommen. Auch bin ich mir nicht sicher, ob es Aufgabe eines Reiseberichtes sein soll, auf politische Dinge einzugehen. Dennoch werde ich ja tagtäglich mit dem Kurdenproblem oder Konflikt konfrontiert, und so muss ich mich zwangsläufig mit diesem Thema auseinandersetzen. Würde ich mich in einem Club am Mittelmeer befinden, würde ich von den Spannungen im Lande nichts mitbekommen. So aber kann auch ich vor den innerpolitischen Schwierigkeiten die Augen nicht verschliessen und so tun, als ob mich das nichts anginge – denn die Unterschiede zur Westtürkei sind sicht- und spürbar. Es gibt hier weitaus mehr Milizpräsenz, und auch mehr Militär.

Die PKK, die kurdische Freiheitskämpferpartei, möchte eine Unabhängigkeit der Kurden erreichen, ja, kämpft für einen eigenen, autonomen Staat. Das kurdische Volk ist seit jeher verfolgt und unterdrückt, und die 20 – 25 Millionen Kurden, die im Iran und Irak leben, in Syrien und in der Türkei, besitzen keine Rechte. Ihre Sprache ist offiziell verboten, sie dürfen ihre kulturellen Bedürfnisse nicht ausleben und keine Parteien gründen. Abschiebungen in andere Länder beseitigen die Ursachen des Problems nicht, daher führt die PKK seit vielen Jahren den Unabhängigkeitskampf. Die Mittel, mit denen dieser Konflikt ausgetragen wird, sind häufig auch terroristischer Natur, und damit stösst die PKK natürlich auch bei Menschen auf Kritik, die den Kurden eigentlich sehr wohlgesonnen sind. Offizielle Stellen in der Türkei und auch bei uns in Deutschland sprechen von einer Gegenwehr gegen die PKK mit politischen und diplomatischen Mitteln, aber im Grunde genommen ist es keine Bekämpfung der Terrororganisation, sondern eine Bekämpfung des gesamten kurdischen Volkes, eine ethnische Säuberung, die auch von der BRD durch Waffenlieferungen gefördert wird. Solange es keine demokratische Mitbestimmung für die Kurden gibt, so lange, denke ich, wird es auch keine Ruhe in diesem Teil der Welt geben. Wenn es schon keine Möglichkeit einer kurdischen Autonomie gibt – bestünde nicht die Chance eines gemeinsamen Föderalismus?

Am nächsten Morgen ist es noch halb dunkel, als ich durch ein lautes Krachen aufwache. Das gesamte Hotel erzittert in den Grundmauern. Eine Minute später erneut ein Donnerschlag ganz in der Nähe. Die Wände beben, dann herrscht wieder Stille. Ich bin zu Tode erschrocken und rätsele, was das wohl gewesen sein mag. Ich bin mir sicher, dass irgendwo eine Granate eingeschlagen hat. Du meine Güte! Der Schreck sitzt tief, ich kann nicht mehr einschlafen, und beschliesse daher, aufzustehen. Nachdem ich das ganze Gepäck zusammengerafft habe, komme ich um 7 Uhr in die kleine Hotelhalle. Viele Polizisten sitzen herum und trinken Tee. Da ich nach dem Krachen von vorhin wieder völlig verunsichert bin, wie meine Reiseroute weitergehen soll, frage ich die Polizisten, ob es denn gefährlich sei, weiter nach Südosten, nach Sirnak, zu fahren, und was das Beben verursacht hat.

Alle beteiligen sich sofort lebhaft an der Unterhaltung und der Wortführer meint, dass irgendwo ein Autoreifen geplatzt sei. So einen Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört! Was die Weiterfahrt betrifft, so sei es völlig ungefährlich, denn wo die türkische Polizei und das türkische Militär sei, da traue sich die PKK nicht hin. Mit Gesten wird das unterstrichen, was dann passiert: der Polizist zieht seine Pistole. „Ratatatatata!“.

Ich frühstücke im Restaurant neben dem Hotel, in dem ich gestern schon zu abend gegessen hatte. Um dreiviertel Acht bin ich auf Achse in Richtung Süden. In Hasankeyf (dickes Kreuz auf Landkarte vom Lokalchef!) überquere ich den Tigris.

Hasankeyf. Hasankeyf.

Hasankeyf ist wirklich ein schönes Örtchen mit den Ruinen einer Zitadelle und den Resten einer Flussbrücke aus dem 12. Jahrhundert. Ich biege im Ort auf ein Nebensträsschen ab. Nach wenigen hundert Metern befinde ich mich in einer tiefen Schlucht. In mehreren Stockwerken sind Löcher in den Fels gegraben, die den Menschen als Wohnung dienten, und teilweise immer noch dienen. Einige der Löcher sind mit Vorhängen verkleidet, oder mit einfachen Bretterpaletten gegen die kalten Winter geschützt. Mich schaudert bei dem Gedanken, auf diese Weise sein Leben verbringen zu müssen.

Das „wilde“ Kurdistan beginnt. Die Berge werden immer höher und zerklüfteter. Nach einigen Kilometern auf der Strecke nach Cizre falle ich einer Militärpatrouille in die Hände. Die Männer halten mich an, wollen aber nur Zigaretten. Diese Truppe ist (noch) sehr locker, sie erlauben mir sogar, ein Photo von ihnen zu machen.

Sie versichern mir, dass es überhaupt kein Problem sei, weiterzufahren, die Gegend sei fest in der Hand des türkischen Militärs, und von der PKK lasse sich hier garantiert niemand blicken.

Militärkontrolle - noch locker... Militärkontrolle - noch locker...

Es geht weiter. Überall Militär. Panzer und Spähwagen an der Strecke. Kriegsgefühl. Bei der vierten Kontrolle werde ich total gefilzt. „Alles auspacken!“ Zum Glück wird das kurdische Wörterbuch nicht entdeckt, das ich mitführe. Dafür Klappmesser und das kleine Beil – das sieht nach gefährlichen Waffen aus. Einer fragt mich, ob ich damit jemanden abstechen wolle, und ob ich ein Nazi sei. Ich stehe gewissermassen in der Unterhose da, alles Gepäck liegt verstreut um das Motorrad herum, und der fragt mich, ob ich ein Nazi bin! Allein die Frage zeugt nicht von sonderlicher Intelligenz, denn sonst wäre ich wohl kaum in der Türkei.

Ich muss warten, darf mein Gepäck noch nicht zusammenlesen. Einer der Männer nimmt Funkkontakt mit einer anderen Stelle auf. Gottseidank spricht er auch etwas Englisch, und so erfahre ich, dass die Geheimpolizei angefordert wird.

Mittlerweile habe ich die Übersicht verloren, ob mir einer etwas in das Gepäck schmuggelt oder etwas stiehlt. Von den 6 Männern durchwühlt einer den Zeltsack, während ich dem nächsten meine T-Shirts zeigen muss. Gleichzeitig wird der Tankrucksack von 2 anderen Männern komplett zerlegt und alles, was sich darin befindet, genauestens untersucht. Sie schauen sich jedes Buch an und fingern an der Kamera herum. Wieder andere wundern sich über die Nudelpackung und die Büchse mit Tomatensosse in der Tanktasche.

Endlich kommt die Geheimpolizei in einem Jeep angerauscht, der Verantwortliche spricht gebrochen Englisch. Er meint, dass es jetzt genug sei. Schweissdurchtränkt räume ich alles wieder zusammen. Gottlob halten mir die Militärs die herumstehenden Kinder vom Hals, bis ich meine ganze Ausrüstung aufgeladen habe. Ich frage zum Abschluss noch nach der Strecke Uludere – Hakkari, und alle sagen, dass ich gefahrlos durch kann.

Ich gerate in weitere Kontrollen in Cizre und auf der Strasse nach Sirnak. Als Sirnak vor mir auftaucht, befällt mich tiefe Beklemmung. Der Ort liegt trist und düster an einem leichten Hang. Der Weg, der zwischen die Häuser verläuft, ist nur noch grob geschottert. Einige der Häuser haben kein Dach mehr, nur noch verkohlte Dachsparren sind zu sehen, die jeden Augenblick einstürzen können. Viele Mauern sind von Geschosseinschlägen zersiebt. Leichter, grauer Dunst hängt über der Stadt. Einige verwahrloste Kinder trotten herum. Ich rolle langsam an den ersten Häusern vorbei, spähe geradeaus und in den Rückspiegel, habe plötzlich Angst. Krieg!

Ein gellender Pfiff lässt mich regelrecht zusammenzucken. Ich halte an und schaue mich um. Etwa 50 Meter hinter mir steht plötzlich ein schwerbewaffneter Soldat auf der Strasse und winkt mich aufgebracht heran. Umdrehen! Ich halte vor ihm an. Direkt an der Ortseinfahrt befindet sich auf der linken Strassenseite ein Bunker, aus dem durch schmale Schlitze die Soldaten die wenigen Fahrzeuge beobachten, die hier hin und wieder entlangkommen. Ich hatte den Bunker und die Kontrollstelle nicht gesehen! Motor aus! Wer ich bin, was ich hier wolle? Kontrolle des Passes, Helm ab, genaue Musterung. Zerfetzte Kinder bleiben neugierig stehen. Ich versuche zu erklären, dass ich nach Hakkari fahren will. Kommt überhaupt nicht in Frage! Endlose Palaver mit vorgesetzten Stellen über Funkgerät und Telefon. Als mir eine erneute Gepäckdurchsuchung droht, ringe ich die Hände zum Himmel, stosse ein „Siebte Kontrol!“ aus und schlage dann die Hände vors Gesicht. Daraufhin wird von einer Filzung abgesehen, dafür wieder per Funk die Geheimpolizei angefordert, die auch kurze Zeit später in einem Jeep eintrifft. Für mich ist hier endgültig Endstation. Ich darf nicht mehr weiter.

Auch der Weg nach Siirt und Baykan weiter nördlich wird mir nicht freigegeben. Es fällt oft das Wort „Terror“ und die Hand wird an der Kehle entlangezogen. Mist! Jetzt stehe ich so kurz vor meiner Zielstrecke Uludere – Hakkari, und nun das!

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als umzudrehen. Ich deute auf den Tank und erkläre, dass ich Benzin brauche – ohne Benzin schaffe ich es nicht zurück bis Cizre, und unterwegs gibt es keine Tankstelle. Anstatt mir zu erklären, wo es hier im Ort vielleicht eine Tankstelle geben könne, wird der Jeep mit einigen Soldaten besetzt, und ich muss hinterherfahren. Der Jeep rumpelt durch einige Seitenstrassen. Fast alle Häuser sind völlig zerschossen, Sirnak ist eine ausgebombte Stadt, die Türken haben ganze Arbeit geleistet. An einer verwahrlosten Tankstelle mit einer einzigen Zapfsäule halten wir an. Der Tankwart ist ein Mann, dem die Bekleidung zerfetzt am Körper hängt. Er hat nur noch wenige Zähne im Mund und blickt mich aus dunklen, bittenden Kurdenaugen an. Ich habe das Gefühl, dass er von mir etwas Geld haben möchte – vielleicht einfach nur, um sich etwas zu Essen kaufen zu können. Er spricht keinen Ton, hat nur die gebückte, traurige Haltung und den verängstigten Blick eines geschundenen Tieres. Unter den wachsamen Augen der Soldaten auf dem Jeep läuft der Tank voll, und ich reiche dem Tankwart einige Lirascheine mehr, als die Zapfsäule ausweist. Mir läuft der Angstschweiss den Rücken hinunter, aber ich hoffe, dass meine Zugabe nicht bemerkt wird, da selbst bei kleinen Beträgen immens viele türkische Lirascheine den Besitzer wechseln.

Den Jeep voraus, rollen wir wieder zurück zum Ortseingang. Dort entlassen mich die Soldaten, und ich gebe traurig Gas. Nicht, weil ich meine gewünschte Strecke nicht fahren darf, sondern viel mehr aufgrund der tristlosen Endzeitstimmung in Sirnak. Sind die Kurden wirklich so gefährlich, dass man ganze Ortschaften ausradiert, oder haben die türkischen Soldaten, die meist selbst noch halbe Kinder sind, die Hosen so voll, dass sie hier ordentlich auf den Putz hauen, um sich selbst zu beruhigen? Bin ich vielleicht selbst in den beiden letzten Tagen nur knapp einer Katastrophe entgangen? Ich weiss es nicht, aber ich stelle eines fest: viele Türken übertreiben masslos. Auch jetzt wieder. Ich gerate unterwegs in erneute Militärkontrollen, und immer, wenn ich nach dem Weg frage, beginnt eine konfuse Herumdeuterei auf der Landkarte. Es werden Ortschaften an Stellen gesucht, wo sie nicht einmal ich suchen würde. Offensichtlich haben die Soldaten nicht den geringsten Plan von dem Gebiet, in dem sie operieren, und schlagen deswegen sicherheitshalber erst einmal alles kurz und klein. Das beruhigt sie offensichtlich.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de
Entlang der syrischen Grenze. Entlang der syrischen Grenze.

Zurück in Cizre zweige ich links ab auf die E90, um dann etwa 100 Kilometer direkt an der syrischen Grenze entlang nach Westen zurückzuweichen. In Nusaybin geht es rechts auf einem kleinen Strässchen nach Norden, bis Midyat.

Hier übernachte ich im Otel „Ceylan“. Mein Bett gleicht eher einer Hängematte auf einem alten Segelschiff, so schweissdurchtränkt riecht die Wolldecke, und so durchgelegen ist die Matratze. Hier hat wohl schon so mancher schwere Muselmann abgründige Nächte durchlebt.

Nach Mitternacht fällt schwerer Regen. Das Wasser dringt durch die Fensterspalten herein und läuft direkt neben mir in kleinen Rinnsalen die Wand hinunter.