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Kapitel 11 - Faust am Van See

Der Morgen ist nach dem nächtlichen Regen frisch, die Luft sauber und klar. Ich will heute bis nach Van kommen. Der Junge vom Hotel hilft mir, alles nach unten zu tragen. Ich entlohne ihn dafür mit einem fürstlichen Trinkgeld. Die Strecke über Hasankeyf und Batman kenne ich ja schon, daher erwarte ich keine aussergewöhnlichen Situationen. Was mich an der Strecke stört, und das hatte mich gestern schon genervt, sind diese elenden Löcher in der Strasse, wenn man vorankommen will. Oftmals musste ich aus hoher Geschwindigkeit brutal herunterbremsen bis fast zum Stillstand, um nicht mit lautem Getöse in eines der bis zu einem halben Meter tiefen Löcher zu krachen. Gestern hatte es mir bei einer solchen Gelegenheit, bei der ich das Loch nicht rechtzeitig erkannt hatte, die Gabel voll durchgeschlagen, und es hatte mir fast den Lenker aus der Hand gerissen. Das Motorrad hat seitdem für immer ein Souvenir aus der Türkei: die vordere Felge hat einen leichten Schlag.

Restaurant, Lokanta, Lokantasi – egal - immer gut. Restaurant, Lokanta, Lokantasi – egal - immer gut.

Trotzdem ich aufmerksam fahre, muss ich an Hünnian denken, einen kurdischen Lehrer, den ich heute morgen beim Frühstück in einem Lokantasi kennengelernt hatte. Er sprach ein ausgezeichnetes Deutsch, das er sich selbst aus Büchern beigebracht hat – ein wahrer Autodidakt. „Selbst wir Kurden haben Angst vor den Terroristen“, sagte er. „Offenbar machen die Terroristen vor nichts mehr Halt. Sie haben 15 Leute aus dem Gefängnis geholt, um sie zu Terroristen zu machen.“

Wir sassen gemeinsam am Tisch und frühstückten, bevor ich aufbrach und Hünnian in seine Schule musste. Jetzt, im Nachhinein werde ich das Gefühl nicht los, dass Hünnian weitaus mehr von mir wollte, als sich nur mit mir zu unterhalten. Er sucht Kontakte ins Ausland.

Mein türkisches Wörterbuch lag auf dem Tisch, als ein Mann vom Nachbartisch aufsprang, sofort danach griff und interessiert darin herumblätterte. Ganz offensichtlich Geheimpolizei, denn der Mann war auffällig gut rasiert und überhaupt sehr gepflegt, wie die wenigsten hier. Dieses extreme Interesse für mein Wörterbuch ist mir seit Konya nun des Öfteren aufgefallen. Ich bin froh, dass der kurdische Wortschatz, den ich auch dabei habe, in einem anderen kleinen Büchlein versteckt ist, das ich nie so offen mir herumtrage, denn die kurdische Sprache ist ja offiziell verboten.

Hünnian ist Grundschullehrer und hatte Zeit. Was er beklagte, war, dass ich keine Zeit hatte. Ich wollte ja schon unbedingt früh los, nachdem ich froh war, mein Otel verlassen zu können, in dem es kein fliessendes Wasser gab (ausser an den Wänden im Zimmer), und in dem ich nur unter übermenschlicher Überwindung aller Ekelgefühle die „Toilette“ benutzen konnte. Ich schenkte Hünnian noch eine halbe Stunde bis 9 Uhr. Damit war er einverstanden, und mir machte es nicht viel aus, ganz im Gegenteil: wir hatten ein sehr angeregtes Gespräch bei Cay, Honig, Oliven und Ziegenkäse. Wir diskutierten über Goethe’s Faust und seine Motivation, den Pakt mit dem Teufel zu schliessen. Hünnian hat den Faust in deutscher Sprache gelesen und naturgemäss an einigen Stellen Verständnisschwierigkeiten bekommen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich mich mit Faust beschäftigt habe, und so kann ich einige Dinge klarstellen oder korrigieren. Ich finde Hünnian immer faszinierender. Man bedenke: Da sitzt einer gewissermassen am Ende der Welt und liest in einer ihm fremden Sprache das Buch eines deutschen Dichters, und das in Versform! Ich konnte Hünnian nicht davon abhalten, mein Frühstück zu bezahlen – dann brach ich auf.

Himmel! Schon wieder so ein Loch! Ich schwenke die Maschine herum. 20 Kilometer östlich von Silvan stosse ich auf die E99, der ich ab jetzt in östlicher Richtung folge. Es ist eine herrliche Schlaglochstrecke, und ich muss wieder viel Staub schlucken. Trotzdem gehört diese Strasse bis Bitlis zum Aufregendsten, was mir bis jetzt unter die Räder gekommen ist: das wilde Kurdistan ist hier am wildesten, nur in der Gegend um Hakkari muss es noch bizarrer sein. Messerscharfe Bergfinger recken sich in den Himmel, reissende Flussläufe durchspülen den kalten Stein. Es gibt praktisch keinen Strassenverkehr mehr, seit einer dreiviertel Stunde bin ich keinem PKW mehr begegnet, ich bin allein mit den wenigen Lastwagen, die noch weiter nach Osten fahren. Nur hin und wieder einmal ein getarntes Panzerfahrzeug hinter einem Busch.

An einer Stelle hat ein reissender Bach die Strasse komplett weggespült, aber ein aufgeschüttetes Ausweichstück ist von einer Raupe schon angelegt worden, allerdings mehr als provisorisch. Ich muss warten. Zwei Fahrzeuge passen nicht zur gleichen Zeit durch. Aus der Gegenrichtung quält sich ein hoch und schwer beladener LKW durch knietiefe, mit Wasser und Schlamm gefüllte Löcher, droht umzukippen. Mit meiner BMW komme ich anschliessend ganz gut hindurch, führe aber trotzdem einen regelrechten Eiertanz auf. Das Motorrad ist über und über mit Schlamm bedeckt, ich sehe auch nicht viel besser aus.

Die Strecke windet sich nach Bitlis. Knorrige Bäume, wirbelnde Wasser. Bitlis ist kein sonderlich einladender Ort, gleicht eher einem Dreckloch. Vielleicht kommt dies auch daher, weil ein Lastwagen mit einem riesigen Fass auf dem Rücken die ganze Haupt“strasse“, die natürlich keine Teerdecke besitzt, und die auch nicht geschottert ist, mit Wasser besprengt, um den Staub zu binden. Nichtsdestotrotz ist

Klare Luft in wilder Natur. Klare Luft in wilder Natur.

der Teufel los. Überall laufen die Menschen herum, kaufen ein oder gehen ihren Geschäften nach. Melonen werden aufgeschichtet, und Kohlköpfe. Grosse Gasflaschen werden herumgereicht, Getränkestände bestückt. In den Teehäusern diskutieren die Männer über das Tagesgeschehen.

Ich pflüge durch die aufgeweichte Piste. Ab Bitlis spielt sich alles auf etwa 1.500 Metern Höhe ab. Weites Land tut sich auf, die Temperatur fällt auf 14 Grad. Grüne Weideflächen, so weit das Auge reicht, nur begrenzt in der Ferne durch schneebedeckte Berggipfel. Ich hatte es schon nicht mehr für möglich gehalten, aber hier ist die Luft das erstemal richtig staubfrei! Welch ein Genuss!

Auf freier Strecke halte ich an einem gurgelnden Quellwasser, um das Visier zu reinigen, denn ich sehe fast nichts mehr, da kommen von den Bergen zwei Hirtenjungen. Ich war mir sicher, dass ich an dieser Stelle absolut alleine bin – aus welchem Versteck sind die plötzlich gekrochen?

Wie aus dem Nichts - Hirtenjungen. Wie aus dem Nichts - Hirtenjungen.

Der kleinere der beiden will fotografiert werden und bittet mich auch um Zigaretten. Beide Wünsche werden ihm erfüllt. Der Ältere bringt nur unverständliche Laute hervor und schaut mich misstrauisch an. Ich habe den Eindruck, dass es sich nicht um einen Sprachfehler handelt – vielleicht hat er nie richtig Sprechen gelernt? Er hat ein „Kleid“ aus Ziegenhaaren an, das ihn gegen die Kälte und auch gegen die Sonne schützt, und das in den Schultern spitz zuläuft. Vielleicht war er schon immer, schon als Kleinkind, nur draussen bei den Ziegen, und hat sein Leben auf den Rhythmus der Natur eingestellt.

Obwohl mich etwas fröstelt, geniesse ich die klare Bergluft und die weite, staubfreie Sicht. Alle winken mir aus den Dörfern oder von den Feldern oder vom Strassenrand aus zu. Hier wohnen offenbar die freundlichsten und lebenslustigsten Menschen der Türkei.

Auf einmal liegt er vor mir: der, von dem ich seit Beginn der Reise an träume. Hier ist er endlich, dunkel-türkisblau, von unsagbarer Klarheit, ja, Reinheit: der Van See!

Der Van See! Der Van See!

Ich bin verzaubert vom Anblick, der sich mir bietet, und muss erst einmal anhalten, um die Farben, die auf mich eindringen, und die Weiten der Landschaft aufzunehmen.

Es herrscht eine friedliche Stille hier – kein Auto, kein Flugzeug, kein Motor weit und breit. Ich bin einfach überwältigt.

Der Van See ist ein Hochgebirgssee und eingebettet in die kahle, ehemals bewaldete Berglandschaft Ostanatoliens. Adir, Akdamar, Kuc und Carpanak sind die grössten Inseln, die der See beherbergt. Er umfasst fast 4.800 km² Fläche, damit er etwa siebenmal so gross wie der Bodensee. Der Abfluss des Sees wurde durch einen Vulkanausbruch zugeschüttet, so dass ein Versalzungsprozess einsetzte.

Auf dem Kuskun Kiran Pass. Auf dem Kuskun Kiran Pass.

Dieses Wasser übt eine nie gekannte Faszination auf mich aus. Halb betäubt rolle ich weiter. Hier will ich einige Tage bleiben! Auf dem Kuskun Kiran Pass (2.234 Meter) begegne ich wieder einer Militärpatrouille. Die Männer sind aber fröhlich und locker und sind gerne bereit, ein Foto von mir und der BMW zu machen. Mit einem freundlichen „Güle güle“ werde ich verabschiedet.

Auf Höhe der Insel Akdamar, etwa 60 Kilometer vor der Stadt Van, gibt es rechts einen kleinen Campingplatz. Es sind einige winzige Terassen in den Hang getrieben, wo man Zelte aufschlagen kann. Warmes Wasser zum Duschen gibt es zwar nicht, aber immerhin ist überhaupt eine winzige Holzbaracke mit einem Duschkopf vorhanden. Sogar sauberes Wasser kommt heraus! Ein kleines Lokal verspricht leckere Gerichte vom Freiluft-Grill. Campen ist kostenlos, verspricht mir der Besitzer, dafür wäre es schön, wenn man hin und wieder mal im Lokal vorbeischaue. Was will ich mehr? Ich bleibe.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de