Menü
  • Türkei | Beysehir See.

  • Türkei | Zwischen Konya und Aksaray.

  • Türkei | Taurus Gebirge | Zwischen Develi und Tufanbeyli.

  • Türkei | Kahta | Nemrut Dagi.

  • Türkei | Van See.

  • Türkei | Dogubayazit | Ishak Pasha Palast.

  • Türkei | Grenzgebiet zu Iran | Berg Ararat.

  • Türkei | Östlichster Osten.

Kapitel 12 - Wendepunkt

Während der nächsten beiden Tage faulenze ich nach Herzenslust, aktualisiere mein Tagebuch und unternehme einige Ausflüge in die Umgebung. Die BMW hat mich bis jetzt knapp 7.000 Kilometer hierher getragen. Auch Zeit also, sich einmal um meine treue Gefährtin zu kümmern. Der Luftfilter muss unbedingt gereinigt werden, ich fülle einen halben Liter Öl nach und ziehe den rechten Spiegel fest. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse, der knurrige Boxer ist über und über verschlammt und bekommt deswegen eine Wäsche mit dem Gartenschlauch. Er freut sich aber auch so über jede Ausfahrt mit mir.

Über Gürpinar strebe ich der Iranischen Grenze zu. Bei Güzelsu rankt sich die Burg Hosap steil in den Himmel – der Reiseführer meint, dass sie auf jeden Fall einen Besuch wert sei. Die Burg ist nicht zu übersehen, aber leider ist das riesige, hölzerne Eingangstor fest verschlossen. Hm. Was nun? Ich tuckere wieder hinunter in den Ort. Dort begegne ich einem Mann, der wild gestikulierend zur Burg hinaufzeigt und einen riesigen Schlüssel schwenkt. Leider sind meine Sprachkenntnisse in diesem Fall am Ende, und auch der Mann spricht nur kurdisch. Mit Händen und Füssen verständigen wir uns. Der Fall ist klar: er ist der Burgwächter, und ich darf die Burg besichtigen, wenn ich ihn auf dem Motorrad mit nach oben nehme. Das lasse ich mir doch nicht zweimal sagen!

Ein begeistert strahlendes Kurdengesicht rasselt nach steiler Bergfahrt („Oooohhhuuuuuuuu!“) mit schwerem Schlüssel die Pforte zur Burg für mich auf. Ich solle mir Zeit

Tagebuch und Cay. Tagebuch und Cay.
Hier lang! Hier lang!
Auf Burg Hosap - im Hintergrund der Iran. Auf Burg Hosap - im Hintergrund der Iran.

lassen, ich sei sowieso der einzige Tourist hier, und er habe nichts zu tun. Der Burgwächter lässt sich gemütlich im Schatten des Eingangstores auf einem Stein nieder, während ich durch die alten Gemäuer streife.

Man hat eine phantastische Aussicht von hier oben. Minutenlang lasse ich den Blick schweifen, um alle Eindrücke tief in mich aufzunehmen. Was mir auffällt ist, dass es kaum Vegetation gibt, aber das ist wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, denn man befindet sich hier ja durchgängig auf einer Höhe von etwa 2.000 Metern. An einem Bergrücken gegenüber der Burg ducken sich einige Häuschen in den Fels. Wie mag es hier im Winter sein? Es ist jetzt Mitte Juni, die Temperaturen sind zwar sehr angenehm, immer knapp über 20 Grad, doch nachts wird es schon recht frisch, und mein Zelt, zum Beispiel, ist morgens über und über mit Tau bedeckt. Wie leben die Menschen hier im November, im Dezember? Dann ist mit Sicherheit alles metertief verschneit und die Temperaturen liegen weit unter dem Gefrierpunkt. Erst diesen Winter hatte es Meldungen im Radio gegeben, nach denen in Ostanatolien viele Menschen gestorben waren – entweder erfroren oder so weit und so lange von allen Versorgungswegen abgeschnitten, dass sie einfach verhungert waren. Ich frage mich zum wiederholten Male, von was die Menschen hier eigentlich leben. Alles, was ich von hier oben sehen kann, sind einige Hunde, die sich vor den Hütten herumtreiben. Es gibt keine Kühe, Schafe, noch nicht einmal Ziegen! Wie auch – wenn nirgendwo frisches Gras zur Verfügung steht? Es wird mir ein Rätsel bleiben.

Zwischen den Ausflügen finde ich mich immer wieder am Campingplatz ein, um zu essen. Es ist schon komisch! Ich bin der einzige Gast am Platz, aber es gibt 3 oder 4 Ober, die auch alle mit weissem Hemd und schwarzer Hose gekleidet sind, um einen vornehmen Eindruck zu erwecken. Sie laufen den ganzen Tag kreuz und quer durch das Gelände (und das ist nun wirklich nicht gross), halten Ausschau nach Touristen (aber es kommen keine), kochen und trinken Cay. Immer, wenn ich eintreffe, wird sofort der Grill angeschürt, und ich werde mit den herrlichsten Hackfleischröllchen, gegarten Kartoffeln und frischem Salat verwöhnt. Aus der fahrbaren Kühltruhe, die irgendwo leicht schief auf der Wiese steht, werden immer neue Köstlichkeiten hervorgezaubert – Efes Bier, Raki und dergleichen mehr.

Auch, wenn ich nur vor dem Zelt sitze, und Eintragungen in mein Tagebuch vornehme, kommt immer wieder einer vorbei und stellt mir ein Gläschen Cay hin, für das ich nichts zu bezahlen brauche. Einer der Ober ist Sabahattin, ein Student, der gut Englisch spricht. Er verbringt seine Semesterferien hier, um Geld zu verdienen. Er wohnt in Gevas, gleich um die Ecke, bei seiner Familie. Mit Sabahattin verbringe ich viele Stunden. Wie plaudern über Politik, Kultur und die Lebensweise der Türken und Kurden. Leider will sich Sabahattin auch immer dann mit mir unterhalten, wenn ich einfach mal meine Ruhe haben will.

Er kommt dann wie zufällig mit einem Cay vorbei und verwickelt mich wieder in ein Gespräch. Aber es sei ihm verziehen – er ist ein lieber Kerl. Ich muss ihm versprechen, dass ich bei meiner Abfahrt ihn und seine Familie besuche.

Armenische Kirche auf der Insel Agdamar. Armenische Kirche auf der Insel Agdamar.

In der zweiten Nacht am Campingplatz wache ich nachts auf, weil ich laute Geräusche vernehme. Zunächst kann ich mich nicht richtig orientieren und die Geräusche auch nicht orten. Aber dann bin ich hellwach. Was ist los? Knarrendes Ächzen aus dem Lokalgebäude unten an der Strasse. Eine Eisenstange poltert zu Boden, dann wieder Knarren. Blechgescheppere. Mich durchfährt ein Adrenalinstoss, ich sitze senkrecht im Schlafsack, lausche in die Nacht. Es ist ganz eindeutig: keine 20 Meter von mir weg macht sich irgendjemand an irgendetwas zu schaffen. Einbrecher im Lokanta? Terroristen? Wieder Geschepper. Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund. Mich beschleicht tödliche Angst. Was ist hier los? Das Lokal ist nichts weiter als eine Bretterbude – was soll es da zu holen geben? Aber die Geräusche deuten darauf hin, dass jemand die Küche ausräumt. Schweres Eisengeklapper. Sind kurdische Terroristen am Werk? Haben sie mich bereits entdeckt? Was tun? Mein Zelt steht im Schatten eines Busches, und ich bin wieder einmal froh, dass es eine dunkelolivgrüne Farbe hat, so dass es in der Nacht nicht ausgemacht werden kann. Weiss jemand von mir, oder sitze ich geschützt im Schatten der Nacht? Werden die Einbrecher auch das Gelände absuchen? Haben sie das Motorrad entdeckt?

Ich wage nicht zu atmen, mein Herz schlägt im Hals. Jetzt splitterndes Holz. Minutenlang verharre ich regungslos, dann weiss ich: ich muss etwas tun. Im Zelt kann ich nichts sehen und bin einem Angriff wehrlos ausgesetzt – ich muss hier raus! Ich verstecke meine Papiere unter der Luftmatratze, lasse das Geld griffbereit, falls es sich wirklich um Terroristen handelt, die auf Geld aus sind – na bitte. Lange Zeit bellen einige Hunde ganz in der Nähe. Wie schaffe ich es nur, den Reissverschluss vom Zelt so leise zu öffnen, dass ich nicht entdeckt werde? Wenn ich doch nur mein Taschenmesser hätte – aber das befindet sich im Tankrucksack – und der liegt draussen unter der Apside. Zentimeter um Zentimeter lasse ich den Reissverschluss des Innenzeltes aufgleiten, halte zwischendurch immer wieder einige Augenblicke inne, um zu lauschen, ob sich draussen jemand dem Zelt nähern könnte, dann wieder einige Zentimeter. Endlich habe ich es geschafft, nehme das Messer. Jetzt noch das Aussenzelt – wieder Zentimeter um Zentimeter. Als ich meinen Kopf hinausstrecken kann, ist es unten am Lokal verdächtig ruhig geworden. Dafür trifft mich fast der Schlag, denn unmittelbar vor meinem Zelt steht eine dunkle Gestalt, die mich anblickt!

Der Mann spricht mit dunkler Stimme und leisen, ruhigen Worten zu mir. Oh mein Gott! Jetzt erkenne ich ihn – er ist der Nachtwächter, der gestern abend auch schon mal eine Runde über den Platz gemacht hat. Nun kommt auch sein Schäferhund-Husky-Mischling um das Zelt gebogen und lümmelt sich auf mein Zelt. Ich mache „Pssssst!“ und deute nach unten. „Was ist da los?“ flüstere ich, und „Hörst du das nicht?“. Da wir uns gegenseitig nicht verstehen können, beginnt ein etwas längeres Palaver. Es stellt sich schliesslich heraus, dass unten an der Strasse eine türkische Militärkolonne einen Defekt hat und einen Panzer repariert. Himmel nochmal, ich wäre fast gestorben! Der Nachtwächter reicht mir einen Raki, dann krieche ich zurück ins Zelt.

Abschied vom Van See. Im Hintergrund der Süphan Dagi. Abschied vom Van See. Im Hintergrund der Süphan Dagi.

Sabahattin hatte darauf bestanden, dass ich ihn und seine Familie besuchen komme, bevor ich abfahre. Das tue ich heute, und so frage ich mich nach Gevas durch. Dort werde ich von einem Mann böse angemacht: ich sei Deutscher und solle verschwinden von hier. Später erst werde ich erfahren, dass in Deutschland wieder aktuell viel Terror gegen Türken ausgeübt wurde.

Nachdem ich Sabahattin endlich gefunden habe, Fotos gemacht worden sind, und wir Tee getrunken haben, breche ich auf nach Van. Die Strecke ist gut zu befahren, ist vor Van sogar autobahnähnlich ausgebaut. In Van erwerbe ich einen Diafilm (12.500 Türkische Lira, das sind umgerechnet etwa 25 DEM), und düse weiter auf der E99 nach Muradiye. In diesem ärmlichen Dorf tanke ich auf und reinige das Visier, dann geht es weiter nach Dogubayazit.

Bei Sabahattin. Bei Sabahattin.

Nachdem die Strecke teilweise nur Schotterpiste war, ist sie vor Beginn des Aufstiegs zum Tendürek Pass wieder gut ausgebaut. Links reckt sich der 3.533 Meter hohe Tendürek Dagi in die klare Luft. Moosbewachsenes Vulkangestein, soweit das Auge reicht, erinnert unwilkürlich an eine bizarre Mondlandschaft. Kurz vor Erreichen der Passhöhe gerate ich wieder in eine Militärkontrolle. Der Hauptmann spricht ausgezeichnetes Englisch und rät mir sehr höflich, doch keine Fotos von den hiesigen militärischen Einrichtungen, Soldaten oder Fahrzeugen zu machen. Erst vor 10 Minuten hätten sie vier Touristen abführen müssen. Überhaupt muss ich feststellen, dass mir alle Soldaten bisher mit grösster Zuvorkommenheit begegnet sind.

Als ich an einigen Hütten vorbeifahre, fällt mich wieder einmal einer dieser riesigen Hirtenhunde an. Wie ich das hasse! Die Hunde liegen am Strassenrand und dösen scheinbar vor sich hin. Erst, wenn man nur noch 5 Meter von ihnen entfernt ist, springen sie wie eine Feder vom Boden auf und hecheln auf mich zu. Dazu bellen sie mich in einer derart aggressiven Weise mit gefletschten Zähnen an, dass ich bei den ersten Malen so erschrocken war, dass ich fast die Kontrolle über das Motorrad verloren hätte – und sie haben eine Stimme wie ein Fass. Es hilft nur eins: Gas, Gas, und nochmals Gas!

Der Schotterweg macht eine leichte Biegung nach rechts, und ich kann auf dem losen Untergrund in Schräglage nicht voll beschleunigen. Das Biest ist hinterhältiger und gemeiner als alle, die mir bis jetzt begegnet sind – denn es kürzt ab! Eine breite Driftspur bleibt auf dem Weg zurück, als ich einen Gang zurückschalte, um den Köter endgültig loszuwerden. Dafür werde ich keine hundert Meter weiter von Kindern mit dicken Steinen beworfen, und ich habe Glück, dass mich ein besonders schweres Exemplar nicht am Kopf trifft. Von steinewerfenden Kindern hatte ich schon im Reiseführer gelesen. Die Kinder machen sich offenbar einen Spass daraus, Touristen zu erschrecken. Oder gibt es Neid- oder Hassgefühle? Ist es gar ein Raubüberfall in Kleinkultur? Die Kinder wissen offensichtlich nicht, was sie anrichten können. Diese hier waren besonders hinterhältig, denn sie standen am Strassenrand und haben mir zugewunken, und erst, als ich unmittelbar bei ihnen war und sogar eine Hand vom Lenker gehoben hatte, um zurückzuwinken, kamen hinter dem Rücken die Steine hervor. Gemeine Luder.

Wenn ich mir die „Höhlen“ der Einheimischen so betrachte, dann wundert es mich eigentlich nicht, dass sie bei uns in Deutschland mit den primitivsten Wohnungen ganz zufrieden sind, ja, dass ihnen diese vielleicht sogar als absolute Luxusappartements vorkommen müssen. Man muss die Armut der Menschen hautnah gespürt haben, um zu verstehen.

Ich bin trotz der kleinen Überfälle in freudiger Erregung auf den Ararat, den heiligen Berg, an dem Noah mit seiner Arche gestrandet sein soll. Die durchschnittliche Höhe, auf der ich mich bewege, ist 2.000 Meter, der Tendürek Pass führt über 2.644 Meter. Direkt nach Überschreiten der Passhöhe ragt er plötzlich steil und majestätisch vor mir auf: der Ararat!

Der Schnee zieht sich vom Gipfel bis tief hinunter, die Bergspitze ist frei von Nebel, nur auf etwa halber Höhe umringt ein leichtes Gewölke den Riesen. Ich bin überwältigt. Dies ist der erste 5000er, den ich sehe. Faszination und Begeisterung zwingen mich, anzuhalten und zu schauen, zu spüren. Ein grossartiges Schauspiel!

Der Ararat wird mich so lange begleiten, wie ich mich in diesem Gebiet zwischen Iran, Armenien und Russland aufhalte, denn er überragt auf königliche Weise das Geschehen. Ich kann ihn sehen, bis ich in Dogubayazit eintreffe, einem kleinen, lebendigen, schmuddeligen Städtchen, dessen Tourismus gerade erst erwacht. Es ist erst 2 Uhr nachmittags, und so beschliesse ich, mir heute noch den Ishak Pasha Palast anzuschauen. Der Palast ist ein eigenwilliger Komplex aus dem 18. Jahrhundert, und er wurde von verschiedenen Stilrichtungen inspiriert. Von dieser Festung konnte hervorragend der Karawanenverkehr auf der unterhalb verlaufenden Seidenstrasse kontrolliert und damit Wegegelder eingezogen werden.

Auf dem Weg zum Palast komme ich an riesigen Militärlagern vorbei. Es gibt viele Hubschrauber und hunderte von Panzern. Der Iran ist keine 30 Kilometer, Russland nur 80 Kilometer entfernt, und ich lasse die Kamera vorsichtshalber im Tankrucksack.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Oben auf 2.200 Metern Höhe dann der Palast – zu schön, um wahr zu sein, ein Traum, ein Märchenschloss! Ich bin der einzige Tourist, der eine Besichtigung machen will, zahle 20.000 Lire, und ein Junge versucht, mir zu erklären, was hier Sache ist. Nachdem der Palast restauriert wurde, befindet er sich in einem ausserordentlich guten Zustand. In den Kerkern hätte ich allerdings nicht schmachten mögen.

Märchenschloss Ishak Pasha Palast. Märchenschloss Ishak Pasha Palast.

Später sitze ich oberhalb des Palastes auf der Terrasse eines kleinen Restaurants, trinke Cay und lasse mir die Sonne auf Gesicht und Arme scheinen. Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit überkommt mich. Nicht nur, dass ich es bis hierher geschafft habe, sondern der Palast in seiner orientalischen Verspieltheit muss etwas damit zu tun haben und damit, wie er so majestätisch über die Berge blickt.

Während die Sonne untergeht, ziehe ich Zwischenbilanz meiner bisherigen Erlebnisse. Ich bin nun am östlichsten Punkt meiner Reise angelangt, von nun an geht es wieder Richtung Westen, gewissermassen Richtung Heimat. Das Motorrad und ich haben bis jetzt 7.298 Kilometer zurückgelegt, und es ist uns nichts zugestossen. Ich habe hier im Kurdengebiet noch immer ein flaues Gefühl im Bauch, zumal ich auf jedem Berggipfel Soldaten sitzen sehe – das Militär ist überall. Nun möchte ich diesen Landstrich verlassen – das Glück kann nicht ewig andauern. Für umgerechnet 2 Mark kann ich in einem mit schweren Teppichen ausgelegten Nebenraum des Lokals übernachten. Mit mir schlafen hier auch zwei taubenartige Vögel, die in winzige Käfige eingepfercht sind. Hin und wieder geben sie einen gurgelnden Laut von sich.