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Kapitel 2 - In der Türkei

Die Maschine nimmt langsam Fahrt auf, der Motor läuft sehr ruhig. Auf einer Art Damm gleite ich durch stark bewässerte Felder links und rechts der Strasse. Es ist fast kein Unterschied mehr auszumachen, wo bearbeitetes Land endet und in Sumpfgebiet übergeht. Störche waten nach Fröschen. Sie laufen hier mit einer Selbstverständlichkeit herum oder brüten in ihren grossen Nestern auf Telegrafenmasten, wie bei uns zu Hause vielleicht nur noch das Amselvolk.

Der Weg führt mich zunächst auf der E84 an Ipsala vorbei Richtung Tekirdag, denn mein erstes grosses Ziel soll Istanbul sein. Die Strecke ist eintönig und einschläfernd, es gibt nichts zu sehen. Daher beschliesse ich, hinter Malkara nach Balli abzubiegen, mich auf Seitenstrassen bis Tekirdag am Marmarameer entlangzuschlängeln. Die etwa 40 Kilometer nach Sarköy werden zur ersten richtigen Belastungsprobe für Federn und Dämpfer. Während das hintere Federbein seiner Aufgabe voll gerecht wird, ist die Vorderradgabel schon fast am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt.

Schlagloch reiht sich an Schlagloch, ausgebesserte Teerhügel wechseln sich mit Frostbeulen ab. Ich werde mächtig durchgeschüttelt. Das hatte ich nicht erwartet, denn auf der Karte ist diese Route eigentlich noch als eine Hauptverbindungsstrecke eingetragen.

Ab Sarköy hört die Teerstrecke dann ganz auf, übelste Schotterpiste folgt, die aber einen ganz eigenartigen Reiz auf mich ausübt, denn sie geht direkt am Meer entlang. Das Thermometer zeigt 30 Grad C an. Es gibt hier zwar nicht mehr viele Fahrzeuge, aber wenn mir mal ein Auto entgegenkommt, muss ich viel Staub schlucken. Ab und zu führt der Weg in ein Dörfchen. Eines davon versetzt mir einen regelrechten Schock. Von Häusern kann eigentlich keine Rede mehr sein: die Menschen wohnen in Bretterverschlägen oder Erdlöchern mit Wellblechdächern.

Am Marmarameer.

Es stinkt. Sandwolken in der Luft. Eine kleine Karawane aus Eseln, schwer bepackt mit Holz und Plastikkanistern voll Wasser, kommt mir zwischen zwei Baracken entgegen, und ich muss sie erst durchlassen, um dann selbst mit dem Motorrad hindurchzukommen. Abgesehen davon kann ich nur vermuten, dass der Weg hier weitergeht, denn Schilder gibt es keine, und eine Art "Durchfahrtsstrasse" ist auch nicht zu erkennen. Der Weg mündete einfach auf den Dorfplatz.

Ich muss erstmal tief durchatmen und einen Kloss den Hals hinunterwürgen. Dass die Türkei ein relativ armes Land ist, wusste ich ja. Ich dachte auch, dass Armut und Primitivität zunehmen, je weiter man nach Osten kommt. Auf diese Weise tritt während der Reise ein gewisser Gewöhnungseffekt ein, und man empfindet das einfache Leben der Menschen nicht mehr als so schlimm. Dass ich aber hier, noch im europäischen Teil der Türkei, gerade mal 30 Kilometer weg von der Hauptstrasse Richtung Istanbul, mit einer solchen Wucht in tiefstes Mittelalter zurückversetzt werden würde, hatte ich nicht erwartet. Der Schock sitzt tief.

In Uçmakdere zeigt mir ein Türkenjunge, wo es nach Yeniköy weitergeht. Ich bin froh, als ich nach Barbaros wieder auf die E84 stosse, kurz vor Tekirdag. Wenn in diesem Teil des Landes die Armut schon so gross ist, wie soll das erst im Osten Anatoliens werden? Betäubt rolle ich weiter Richtung Istanbul. Aber der nächste Schock folgt sogleich: die nächsten 100 Kilometer gestalten sich als eine Rundfahrt durch den Ausverkauf der Marmarameerküste. Ein Feriendorf reiht sich an das andere, die Häuser sind zu vermieten oder zu verkaufen an die reichen Türken aus Istanbul oder Ankara. Die Strecke wird immer breiter und besser ausgebaut, allmählich wird sie zum Schlauch, denn die linken und rechten Fahrspuren sind per Leitplanke voneinander abgetrennt, auch an der rechten Strassenseite pflanzt sich Zaun auf. Der Verkehr nimmt immer mehr zu - noch 50 Kilometer bis Istanbul.

Aber dahin will ich heute auf keinen Fall mehr, morgen, wenn ich ausgeruht bin. Ich will jetzt nur noch einen Platz für die Nacht und ausruhen. Dass ich hier keinen Campingplatz finden werde, ist mir ziemlich klar, ich werde wohl ‘im Freien’ übernachten müssen. Was sich dann aber abspielt, hatte ich nicht mal zu befürchten gewagt: nicht ein einziger Baum, soweit das Auge reicht, nur landwirtschaftlich genutzte Fläche, pralle Sonne. Als letzte Rettung erscheint mir eine der offenbar letzten Abfahrten von dieser Schlauchstrasse. Ich irre lange Zeit auf kleinen Nebensträsschen umher, um wenigstens ein einigermassen geschütztes Plätzchen mit etwas Buschwerk zu ergattern. Schliesslich finde ich einen Feldweg, der sich in Macchia-ähnlichem Gestrüpp verliert. Ich entschliesse mich, die Fahrerei endlich aufzugeben, denn etwas besseres werde ich wohl nicht mehr finden. Etwa 100 Meter abseits der Strasse schlafe ich unter freiem Himmel.