Menü
  • Türkei | Beysehir See.

  • Türkei | Zwischen Konya und Aksaray.

  • Türkei | Taurus Gebirge | Zwischen Develi und Tufanbeyli.

  • Türkei | Kahta | Nemrut Dagi.

  • Türkei | Van See.

  • Türkei | Dogubayazit | Ishak Pasha Palast.

  • Türkei | Grenzgebiet zu Iran | Berg Ararat.

  • Türkei | Östlichster Osten.

Kapitel 3 - Guten Morgen, Orient!

Gegen Morgen - es ist noch dunkel und saukalt - höre ich im Halbschlaf den Muezzin vom Minarett zum Gebet rufen. Auch wenn es sich dabei wohl mehr um eine Lautsprecheranlage des nächsten Dorfes handelt - das Lied, das ertönt, ist von einer derart eleganten Schlichtheit und Schönheit, dass es mir richtig warm ums Herz wird und ich beginne, mich auf den heutigen Tag zu freuen. Mein grösstes Problem ist zunächst, den Schlafsack trocken zu bekommen. Er ist klitschenass vom Tau, trocknet aber durch den mit dem Sonnenaufgang aufkommenden scharfen Wind ganz gut.

Auf nach Istanbul! Die Kilometer jagen nur so unter den grobstolligen Reifen dahin, und über eine Nebenstrasse fahre ich durch die ersten Vororte. Der Verkehr nimmt zu. Kleinbus jagt Kleinbus. Verstaubte Häuser, Menschen, die teilweise auf dem Müll leben. Vieh wird durch die Strassen getrieben, Dieselqualm. Erstickte Sonne. Händler am Strassenrand verkaufen Holzkohlegrills in allen Grössen, Formen und Farben. Wie eine Krake sitzt Istanbul hinter den Hügeln und zieht alles wie ein Sog in sich hinein. Niemand kann sich entziehen. Menschen, Pferde, Eselkarren, Automobile und Busse streben dem Katarakt zu, unfähig, einen anderen Weg einzuschlagen. Auch mir geht es so. Fasziniert nehme ich die Eindrücke auf, die sich mir bieten. Es ist gut, dass ich über eine dörfliche Gegend Istanbul zustrebe und nicht auf den grossen Durchgangsstrecken anreise, die schon weit ausserhalb zur Autobahn mutieren. Auf diese Weise kann ich mich sehr gut dem Zentrum des Strudels nähern, ohne dem ‘Vorbeifahreffekt’ zu unterliegen. Ich habe keinen genauen Stadtplan, und so lasse ich mich einfach mit dem Pulsschlag dieser Stadt immer weiter in sie hineinpumpen.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Irgendwie bin ich plötzlich mittendrin, gelange auf eine Autobahn, die über eine der beiden Brücken über den Bosporus führt. Ja, das ist es! Über diese Brücke will ich fahren! Der Mautpreis beträgt 1000 TL, das sind etwa 20 Pfennig. In einer Höhe von 64 Metern über der Wasserscheide zwischen Europa und Asien halte ich an, um zu fotografieren. Ein erhabenes Gefühl! Kleinbusse donnern vorbei, um wenig später mit kreischenden Bremsen auf freier Strecke anzuhalten, weil ein paar Fussgänger mitgenommen werden möchten.

Bosporus voraus!

Überall auf der Autobahn laufen Leute herum. Auf der anderen Seite der Brücke fahre ich ab und studiere den groben Stadtplan, den ich dabeihabe. Dann stürze ich mich ins Kampfgetümmel. Erstmal Übersicht verschaffen: über die zweite der beiden Brücken wieder zurück nach Europa (komisch, in diese Richtung muss man keine Maut bezahlen, aber wer will schon die Eigentümlichkeiten des Orients begreifen?), dann Vorstoss ins Zentrum von Istanbul. An jeder freien Stelle in der Stadt, egal, ob es sich dabei um eine Bushaltestelle oder um einen Platz handelt, vor dem noch vor kurzem ein Haus gestanden hat, werden Tiere zum Verkauf angeboten. Schafe und Ziegen kauen gelangweilt vor sich hin oder blöken gönnerhaft. Urin läuft die Randsteine entlang, Heu wirbelt durch die Luft. Später sollte ich erfahren, dass gerade ein Opferfest war.

Die Florya Sahil Yolu, die Strasse ums Goldene Horn, gleicht einer First-Class Uferpromenade. Grünanalgen und Mini-Golf, Imbissstände und Tennisplätze, Blumen in Hülle und Fülle, schlendernde Pärchen Hand in Hand oder engumschlungen. Draussen stauen sich unzählige Ozeandampfer vor der Durchfahrt durch den Bosporus. Wie vor dem Einlass eines gigantischen Trichters drängelt, schiebt, quetscht und rempelt sich alles seinen Weg. Dass es in Wirklichkeit wohl nach einem mir völlig schleierhaften System zugehen mag, liegt wohl allein an der Grösse und Behäbigkeit der Schiffe.

Am Goldenen Horn.

Dazwischen schiessen immer wieder die Personenfähren hin und her. Überhaupt herrscht hier an den Anlegestellen der Fähren ein so buntes Treiben, wie ich es selten erlebt habe. Touristen laufen als fotografisches Auge durch die Gegend, Geschäftsleute hetzen, schöne Frauen in hochhackigen Schuhen und mit knallroten Lippen stolzieren vom Kai in die Stadt. Teeverkäufer eilen hin und her, dabei schwenken sie das an Ketten aufgehängte Blech, auf dem sich die kleinen Teegläser befinden, so ungeniert hin und her, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass nicht dauernd eines herunterfällt. Männer bieten Wasser aus Glaskannen an. Verschleierte Frauen im Schatten einer Mauerwand.

Istanbul gliedert sich in drei Teile: Stambul, das ‘alte Istanbul’, wird vom Goldenen Horn und vom Marmarameer begrenzt; Beyoglu, der neue Stadtteil, befindet sich zwischen Goldenem Horn und Bosporus; Üsküdar, das auf der asiatischen Seite des Bosporus liegt, ist mittlerweile mit Haydarpasa und Kadiköy zusammengewachsen. Nachdem 1922 das Sultanat abgeschafft worden war, entstand im Jahre 1923 die Türkische Republik auf den Trümmern des Osmanischen Reiches. Staatspräsident Mustafa Kemal Pasa, besser bekannt unter dem Namen Kemal Atatürk („Vater der Türken“), erklärte zwar Ankara zur Hauptstadt der neuen Republik, trotzdem ist Istanbul heute noch das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes. Fast 46% der türkischen Industriebetriebe sind in oder rund um die Stadt angesiedelt. Dabei handelt es sich um Schwerindustrie, Fahrzeug- und Schiffbau sowie Nahrungsmittel- , Chemie- und Keramikindustrie. Fast die Hälfte aller Türken, die im Fahrzeug- und Maschinenbau beschäftigt sind, arbeiten in den Betrieben um Istanbul. Ausserdem gilt die Stadt als besondere Handelsmetropole, da die meisten türkischen Grosshändler hier ihren Sitz haben oder wenigstens eine Filiale betreiben.

Wie jede andere Grossstadt, so hat auch Istanbul mit vielen Problemen zu kämpfen, vor allem durch die starke Umweltverschmutzung der Industriebetriebe. In der Türkei hat der Umweltschutz noch nicht den hohen Stellenwert wie bei uns. Daneben treten massiv die Bevölkerungsprobleme aus den Stadträndern auf den Plan, die im Zuge der Industrialisierung entstanden sind. Die Ver- und Entsorgung der Geçekondu-Siedlungen (‘Über-Nacht-gebaute’ Slumbehausungen) ist meist katastrophal, weil eine ungenügende Infrastruktur sich stark bemerkbar macht, deren Entwicklung nicht mit der Automobilisierung der Bevölkerung Schritt hielt.

Alt-Stambul besitzt eine einmalige Silhouette von Moscheen, aber auch eine einmalige Wohnkultur: Wie Sardinen in der Büchse schmiegen sich die Wohnhäuser aneinander, wer hier mal durchgeschlendert ist, ahnt etwas von den beengten Wohnverhältnissen der Stadt. Vielfach sind die Flachdächer der verbrauchten Mietshäuser längst um wenigstens eine weitere hölzerne Etage aufgestockt worden. Falls sich das jemand aufgrund bau- oder feuerpolizeilicher Verordnungen nicht traute oder kein Geld hatte, wurde zumindest eine Art Baracke auf das Dach gebaut. Zwischen der Wäsche spielen Kinder auf den Dächern. Es herrscht hoffnungslose Raumnot, nicht zuletzt deshalb, weil neugebaute Wohnungen oftmals unerschwinglich sind.

Topkapi Palast, die Basilika Hagia Sofia, Sultan Ahmed Moschee (Blaue Moschee) und der Galata Turm sind nur einige der Anziehungspunkte für Touristen aus aller Welt, und natürlich auch für mich. Aber ich muss schnell feststellen, dass eine andere innere Einstellung notwendig ist, um diese Bauwerke und ihre Schätze richtig zu würdigen. Ich werde nochmal nach Istanbul kommen, und zwar als Tourist, der nur deswegen hierher kommt. Ich glaube, man kann ein ganzes Menschenleben in dieser Stadt verbringen, ohne wirklich alles gesehen zu haben, ohne alles geschmeckt, gerochen und gefühlt zu haben. Der Magnet Istanbul wird auch mich nicht mehr ganz freigeben, aber doch vorläufig, denn es zieht mich weiter.