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Kapitel 4 - Völkerverständigung

Kurz hinter Istanbul laufe ich eine Tankstelle an. Ich werde höflichst begrüsst, obwohl es sich um eine Grosstankstelle ähnlich denen in Deutschland handelt. Der Tankwart will wissen, woher und wohin. Sein Sohn kann einige Brocken Englisch und wird deswegen als Dolmetscher zu Rate gezogen. Nachdem der Tank ordentlich gefüllt ist, werde ich eingeladen, auf einer Art Parkbank, die im Schatten steht, Platz zu nehmen. Ich weiss zunächst nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Was wird hier gespielt? Soll ich mich auf diese merkwürdige Anregung einlassen? Ich bedaure jetzt, dass ich kein türkisch kann, denn mittlerweile reden vier Leute auf mich ein, und oftmals fällt das Wort Çay. Endlich begreife ich, dass ich mit den Männern Tee trinken soll! Ich habe schon mehrfach darüber gelesen, dass eine solche Einladung gegenüber wildfremden Menschen kein aussergewöhnliches Ereignis ist, vielmehr eine typische Eigenschaft der türkischen Gastfreundschaft ist. Warum also nicht sich darauf einlassen? Ich bin gespannt, was jetzt passiert.

Schon sitze ich auf der ‘Parkbank’ neben einem älteren Herrn, der zwar etwas unrasiert in die Welt blickt, ansonsten aber einen recht gepflegten Eindruck macht. Der Sohn vom Tankwart spreisselt los und ist kaum zehn Sekunden später schon wieder zur Stelle, mit einem kleinen, bauchigen Glas in der Hand, das auf einem bunten Porzellanunterteller steht. Neben dem Glas liegen drei Stück Würfelzucker. Im Glas selbst dampft eine rötlich-dunkelbraune Flüssigkeit vor sich hin, winzige Stücke von Teeblättern schweben im Wasser. Das ist er also nun - der türkische Tee - Çay - der hier zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jedem Haushalt zubereitet wird. Schwarz ist er, und stark, und er schmeckt mir ausgezeichnet. Normalerweise halte ich es mit dem Motto: Tee ist was für Kranke. Aber jetzt am Nachmittag, es ist heiss, gerade Istanbul hinter mir, etwas hungrig und mit trockener Kehle schmeckt er mir ausgezeichnet und weckt geradezu die Lebensgeister!

An der Tankstelle.

Ich empfinde die Gesellschaft dieser freundlichen Menschen als angenehm, denn sie führen nichts Böses im Schilde. Es stellt sich heraus, dass der Alte ein Tramper ist, der nach Istanbul unterwegs ist. Er macht hier gerade mal Pause. Der Sohn des Tankwarts will wissen, was denn in Deutschland los sei. Ich verstehe nicht. Erst nach langem Hin und Her begreife ich, dass gerade einige Tage zuvor in Solingen von einigen Rechtsradikalen Irren ein Brandanschlag auf das Haus von Türken verübt worden ist. Fünf Menschen sind ums Leben gekommen, die braune Brut breitet sich in Deutschland einem Geschwür gleich immer weiter aus. Ich bin schockiert, hilflos und zunächst sprachlos. Man stelle sich vor: man befindet sich als Fremder in einem fremden Land und ist somit im Prinzip auf die Hilfe, auf jeden Fall aber auf das Wohlwollen der einheimischen Bevölkerung angewiesen, und die hat nichts besseres im Sinn, als einem heimtückisch, hinterlistig und niederträchtig, also auf primitivste Art und Weise die Kehle durchzuschneiden! Die Feigheit, Ahnungslosen im Dunkel der Nacht in den Rücken zu fallen, ist durch nichts zu überbieten!

Nachdem ich endlich verstanden habe, muss ich den anderen zunächst mal begreiflich machen, dass ich von alledem nichts wusste, weil ich seit geraumer Zeit unterwegs bin und kein Radio dabeihabe. Türkische Zeitungen kann ich nicht lesen. Danach entwickelt sich eine interessante und emotionsgeladene Diskussion darüber, was denn in Deutschland los ist und warum die Deutschen die Türken töten wollen. Ich versuche zu erklären, dass es sich bei diesen Irrläufern nicht um die Deutschen schlechthin handelt, sondern um einige Spinner und Verrückte, die man aber trotzdem nicht unterschätzen dürfe. Was soll ich schon sagen? Ich fühle mich ganz schön hilflos hier auf meiner Bank. Eigentümlicherweise ist mir trotz der Vorfälle keiner böse, ganz im Gegenteil: die Einladung zum Tee spricht Bände.

Ich bedanke mich so gut ich kann für alles und starte den Motor. Viele Segenswünsche begleiten mich und die winkenden Hände verlieren sich erst nach der nächsten Kurve aus dem Rückspiegel. Völlig durcheinander und verstört träume ich die Strasse entlang. Eigentlich wollte niemand, dass ich mich und das Deutsche Volk irgendwie rechtfertige. Es ging ihnen vielmehr darum, das Problem zu analysieren, vielleicht unsere wirren Gedanken zu verstehen. Ihnen ist vollkommen klar, dass nicht alle Deutschen einen Hass auf die Türken hegen und Deutschland ethnisch säubern wollen. Vielleicht war diese Art der Unterhaltung trotz tief sitzenden Schmerzes die sauberste, respektvollste und diplomatischste, um entgegen aller sich auftürmenden persönlichen und politischen Mauern weiterhin Völkerverständigung zu betreiben, und Völkerverständigung heisst im wahrsten Sinne des Wortes: ein Volk verstehen, nicht nur sprachlich.

Die weitere Rundfahrt um das Marmarameer gestaltet sich genauso eintönig wie die Strecke vor Istanbul. Es gibt nichts aussergewöhnliches zu sehen, ganz im Gegenteil: Feriendörfer, ätzende Fahrerei. Izmit ist nichts anderes als ein gigantischer Umschlag- und Verladeplatz für Öl, entsprechend verseucht ist das Meerwasser, stinkt die Luft. Nichts wie weg hier! Einzig Bursa bietet Abwechslung: Halb am Hang des 2500 m hohen Uludag gelegen, zählt die ehemalige Hauptstadt des frühen Osmanenreiches mit gut erhaltenen Bauwerken (Moscheen, Türbe, Gärten und winkeligen Gassen zu den interessantesten und schönsten der ganzen Türkei.

Jawa mit "Einkaufstasche".

Bursa ist heute Verwaltungshauptstadt der gleichnamigen Provinz und eine der wichtigsten Wirtschaftsmetropolen der Türkei. Es wird überwiegend Landwirtschaft betrieben: Obstplantagen mit Birnen, Pfirsichen, Nüssen, Quitten, Aprikosen, Pflaumen und Kirschen herrschen vor, daneben werden Maulbeerbäume gepflegt, die der Zucht von Seidenraupen dienen.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Bei Edremit stosse ich auf das Mittelmeer und finde nach einer kilometerlangen Fahrt durch Olivenhaine einen Campingplatz. Ein grosses Eisentor versperrt den Zutritt, zwei bullige Hunde bellen mich lautstark an. Oh, oh! Denen möchte ich nicht in freier Wildbahn begegnen! Der Campingplatz wird von zwei Familien mit kleinen Kindern bewirtschaftet. Obwohl sonst keine Gäste da sind, darf ich rein. Die Hunde beäugen mich misstrauisch. Einer der beiden ist ein junger Schäferhund und noch nicht an viele fremde Menschen gewöhnt. Ibrahim, der Besitzer des Platzes, bindet ihn deswegen an einer langen Kette am Tor an. Der andere ist ein uralter Wachhund und hat eigentlich mehr Ähnlichkeit mit einem Bären als mit einem Hund: einen ballrunden Kopf, pechschwarz, tiefliegende, emotionslose Augen, eine spitze Nase und kleine, wuschelige Ohren.

Campingplatz bei Edremit.

Da es in dieser Gegend viele herumstreunende Hunde gibt, die sehr aggresiv sind, trägt der Alte zu seinem eigenen Schutz ein Stachelhalsband. Ibrahim erklärt, dass der Hund gegenüber Gästen sehr friedlich sei, nur dürfe man Nachts nicht auf ihn treten - und das kann durchaus passieren, wenn man quer über den Platz zur Toilette will, und das Tier irgendwo im Gras schläft. Na dann, gute Nacht!

Schweres Wetter braut sich zusammen, das Meer peitscht. Blitze rasen über den hellerleuchteten Horizont, Regen fegt fast waagerecht durch das Gelände, der Donner lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Es ist, als wolle Allah zum Weltuntergang blasen. Mir scheint, das ganze Land wolle jeden Augenblick unter riesigem Getöse ins Meer versinken. Das Zelt hält und nach einigen Stunden ist der ganze Spuk vorbei. Den Rest der Nacht verbringe ich mit süssem Träumen.

Ibrahim ist Fischer. Den ganzen Sommer über lebt er hier und betreibt mit der befreundeten Familie den Campingplatz. Daneben lebt er vom Fischfang. Im Winterhalbjahr managt er mit einem anderen Partner zusammen in Hamburg ein Reisebüro, speziell für Türken. Er spricht fliessend Deutsch. Ich will mir am nächsten Tag gerade ein paar Bier holen gehen, als ich Ibrahim in total schmuddeligen und verölten Klamotten hilflos durch die Gegend laufen sehe. Er macht einen ziemlich verzweifelten Eindruck und erzählt auf meine Frage, was denn los sei, dass er Probleme mit dem Getriebe seines Fischerbootes hat. Ich biete meine Hilfe an. Er hat das Getriebe bereits ausgebaut, und ich stelle fest, dass es sich nur deswegen nicht mehr schalten lässt, weil das Gelenk des Schalthebels aufgrund der Einwirkung von Meerwasser total verrostet ist. Mit Hilfe des Bordwerkzeuges vom Motorrad können wir den Schaltautomaten ausbauen, aber nicht gängig machen. Eine Presse muss her!

Nachdem ich Ibrahim in seinem Renegade Jeep (Baujahr 1975, und er liebt ihn über alles!) angeschoben habe, ächzen wir knarrend und blubbernd quer durch die Olivenhaine ins nächstgelegene Dorf zum dortigen Mechaniker. Der schweisst gerade Feldhacken von Bauern, hilft einigen Jungs bei der Reparatur einer Kette von einem Mofa, und jetzt auch noch wir! Mit Hilfe des Schraubstockes und eines fünf Meter langen Rohres als Hebel können wir das Gelenk zerlegen.

Nach erfolgreicher Getriebereparatur.

Anschliessend wird alles gereinigt, gefettet und zusammenmontiert. Zwei Stunden später ist das Getriebe wieder im Boot (das Meer ist immer noch unruhig, was für eine Schaukelei!), der Einzylinder Diesel hat bei dieser Gelgenheit noch einen Ölwechsel genossen, und ich bin zum Bier eingeladen.