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Kapitel 5 - Lebenslust

Am nächsten Tag breche ich auf. Es geht weiter nach Süden. Nachdem ich die E87, die weiter nach Ayvalik führt, in Richtung Kozak verlassen habe, tut sich eine traumhaft schöne Landschaft mit grünen Wiesen unter schattigen, südlichen Bäumen auf. Pferde tummeln sich. In unregelmässigen Abständen Brunnen mit frischem, klaren Quellwasser. Über Kozak erreiche ich Bergama, das ehemalige Pergamon. Die Ruinen von Pergamon hoch oben auf dem Berg sind allemal eine Besichtigung wert, wenn auch geschäftstüchtige Türken 4 Mark pro Nase abgreifen.

Amphitheater in Bergama.

In Pergamon wurde das Pergament erfunden (wer hätte das gedacht). Von den Stufen des alten Amphitheaters hat man eine grandiose Sicht hinunter ins Tal.

Izmir ist mit 1,5 Millionen Einwohnern die drittgrösste Stadt der Türkei und neben Istanbul das wichtigste Industrie-, Hafen- und Handelszentrum. Genauso präsentiert sich diese Anhäufung von Wohnklötzen aus Stahlbeton. Nase zu und durch! Weiter in den Touristenort Kusadasi. Hier hoffe ich einen guten Campingplatz zu finden, denn der Faulenz hat mich gepackt und ich will zwei Tage relaxen,  mich rasieren, richtig duschen und Wäsche waschen. Kusadasi hat den Charakter von Las Vegas (wie überhaupt viele Orte hier an der Mittelmeerküste) und der einzig annehmbare Campingplatz (von zwei) ist auch nicht das gelbe vom Ei (Duschen und WC dreckig, kein Trinkwasser, direkt nebenan wird Müll verbrannt, es stinkt direkt nach Plastik und giftigen Gasen).

Deswegen mache ich mich bereits am nächsten Tag sehr früh wieder aus dem Staub. Die erste Juniwoche ist jetzt herum und tagsüber wird es immer heisser. Das Meer lockt an vielen Stellen ausserhalb der Ortschaften zum kühlen Bade. Der Küstenabschnitt hier gefällt mir sehr gut. Teilweise reichen Nadelbäume bis dicht ans oder sogar in das Meer hinein. Leider fällt auch dieser Teil des Mittelmeeres mehr und mehr dem Massentourismus zum Opfer, an vielen Stellen gibt es keine Unterschiede mehr zu St. Tropez oder Nizza. Gigantische Hochhauskomplexe der internationalen Hotelketten prägen das Stadtbild am Ufer. Draussen dümpeln millionenschwere Motor- und Segelyachten vor sich hin, in Kusadasi hatte gar ein Kreuzfahrtschiff Halt gemacht. Abseits der Hauptverbindungsstrassen jedoch gibt es kleine, malerische Buchten mit kristallklarem Wasser. Man kann nur mit dem Boot dorthin gelangen oder zu Fuss oder mit dem Esel über winzige, abschüssige Steinpfade. Wiederholt erkunde ich mit der Enduro solche Trampelpfade und werde häufig für die nicht ganz ungefährliche Schwitzerei und Schinderei (es geht mächtig bergab!) fürstlich belohnt, indem ich eine kleine schnuckelige Badebucht ganz für mich allein habe.

Etwa 20 Kilometer vor Fethiye verschlägt es mich dann auf einen wunderschönen Campingplatz. Es ist ein staatlicher Campingplatz, vom Ministerium für Kultur und Tourismus anerkannt. Die Ausstattung hier scheint mir recht komfortabel zu sein. Es ist ein riesiges Gelände, sehr schattig und mit schönem Strand. Dafür kostet die Übernachtung etwas mehr als sonst auf den privaten Campinplätzen üblich. Überhaupt spriessen in den letzten Jahren speziell in Küstennähe viele einfache Campingplätze aus dem Boden. Das sieht dann so aus, dass der Grundstücksbesitzer ein Schild aufstellt und eine primitive Bretterbude als Rezeption errichtet. Provisorische Wasserleitungen und improvisierte Holzbaracken bilden zusammen die sanitären Anlagen. Eine geregelte Ordnung gibt es nicht. Dafür wird es abends umso lustiger, wenn mit viel lauter Musik und sonstigem Spektakel riesige Mengen an Essen für die Familie und alle sonstigen Freunde gekocht wird. Die Preise bewegen sich dabei zwischen 1,00 und 3,00 Mark, manchmal kosten die Plätze gar nichts. Dafür wird dann vom Gast erwartet, dass er sich an der ebenfalls installierten ‘Pommesbude’ mit Nahrungsmitteln versorgt, und das finde ich durchaus legitim.

Aus dem Reiseführer erfahre ich, dass solche Art von Plätzen meist nur von einheimischen Touristen aufgesucht werden, da die doch recht einfachen Verhältnisse den Ansprüchen ausländischer Touristen nur selten genügen. Dagegen bieten die staatlichen Einrichtungen einen wesentlich höheren Komfort, sind deswegen aber auch teurer.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Durchwegs gute Sanitäreinrichtungen mit kaltem und warmem Wasser gehören ebenso zur Ausstattung wie häufig Stromanschlüsse, Kioske und Restaurants. Der Preis pro Übernachtung kann je nach Anzahl der Personen und Fahrzeug (PKW mit Wohnanhänger) bis zu 15,00 DM betragen. 

Ich bezahle 10,00 Mark für meinen Stellplatz. Das ist nicht gerade billig, aber die Umgebung gefällt mir so gut, dass ich einfach hierbleiben muss. Die Zelte stehen auf den Freiflächen zwischen hohen Nadelbäumen, das ganze Gelände mündet in eine Bucht mit Kiesstrand. Es sind Holzbänke und Tische zur freien Verfügung vorhanden, einfach phantastisch! Es herrscht nur wenig Betrieb. Lediglich ein paar Einheimische campen hier.

Es gibt zwar keine warmen Duschen und die Sanitäranlagen entsprechen nicht ganz deutschem oder schweizer Standard, dennoch denke ich, dass ich es hier zunächst mal aushalten kann.

Gleich nach meiner Ankunft lerne ich Günay kennen. Er ist Türke, aber in Deutschland geboren und aufgewachsen und spricht Frankfurter Dialekt. Momentan verbringt er gerade seine Semesterferien hier. Ich erfahre, dass vor einer Woche wieder einige Türken durch Randalierer in Deutschland ums Leben gekommen sind.

Den nächsten Tag hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Aber wie so häufig im Leben kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Eigentlich wollte ich lange ausschlafen, dann irgendwie mich rasieren und vielleicht noch Wäsche waschen, nachdem das ja in Kusadasi ins Wasser gefallen war und nun mehr als überfällig ist, ansonsten aber faulenzen. Es kommt alles ganz anders!

Ich habe seit drei Tagen ganz leichten Durchfall, der mich auch heute wieder bereits um halb acht aus dem Schlafsack treibt. Wie ferngesteuert wanke ich zur Latrine. Der einzige deutsche Tourist, der hier mit seinem Wohnanhänger campt, lädt mich auf dem Rückweg vom Scheisshaus zum Kaffee ein. Da ich nun sowieso wach bin, nehme ich freudig an. Beim Kaffee erkläre ich, dass ich weit in den Osten Anatoliens vordringen möchte, möglichst bis an den Van-See. Günther ist aus Northeim und zum 14ten Mal in der Türkei. Er kennt sich aus und rät mir ab, so weit zu fahren (wie übrigens jeder bis jetzt, mit dem ich gesprochen habe). Die politische Lage sei zu unruhig. Die kurdische Terroristenorganisation PKK habe in den letzten Tagen wiederholt Bombenanschläge in Touristenzentren verübt, Antalya (die bedeutendste Urlauberstadt an der Mittelmeerküste) sei nicht mehr sicher, und Tausende von Deutschen, die in den kommenden Wochen hier ihren Urlaub verbringen wollten, hätten ihre Buchungen storniert. Es brodelt. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Aber von der Osttürkei und von Kurdistan bin ich noch weit entfernt, und bis dahin kann sich vieles ändern.

Als Günthers Frau schliesslich ‘in die Pötte’ kommt, setze ich mich gemütlich an einen der hier aufgestellten Holztische und aktualisiere mein Tagebuch. Gestern abend hatte ich Nicola und seine Frau kennengelernt, die mit dem Land Rover nach Rhodos unterwegs sind. Nicola ist Franzose, etwa fünfzig Jahre alt, und glatzköpfig. Sein ganzes Leben scheint er der Insel Rhodos und ihren Kunstschätzen gewidmet zu haben, denn er hatte mich den ganzen Abend vollgeschwallt und mir Bilder gezeigt. Seine Frau ist Italienerin. Es war ein gar köstliches Kauderwelsch. Nur gut, dass ich mal zwei Jahre französisch gelernt habe!

Mittlerweile sind die italienischen Franzosen aufgewacht. Nicola ist im Gespräch mit einem Türken vom Gemüsestand und bittet mich zu dolmetschen, da ich doch Englisch könne. Er macht mir klar, dass von ihrem Land Rover eine Tasche gestohlen worden sei, seine Frau hätte jetzt nichts mehr anzuziehen (sie läuft wirklich nur mit einem Handtuch um den grossen Busen gewickelt herum), und die Polizei müsse doch verständigt werden. Der Türke spricht allerdings kein Englisch, und keiner von uns türkisch. Deswegen machen wir einen Campingplatzwächter ausfindig, der etwas Englisch versteht.

Die Telefonverbindung nach Fethiye kommt nicht zustande, aber der Chef fährt selbst, um die Jandarma zu holen. Nach seiner Rückkehr muss ich wieder kauderwelchsen. Es ist schon interessant, wenn ein Deutscher, ein Franzose und eine Italienerin sich auf französisch unterhalten und dann das Ganze (au weia, hoffentlich habe ich alles richtig verstanden!?) in Englisch einem Türken verklickert werden muss (hoffentlich hat der jetzt alles kapiert?!). Anschliessend findet der umgekehrte Vorgang statt, und ich schwitze Blut und Wasser, weil ich doch selber nur die Hälfte von beiden Parteien verstehe und daraus eine möglichst sinnvolle Synthese zusammenbasteln muss, ohne dass eine der beiden Parteien sich irgendwie kompromittiert fühlt. Die Jandarmen wollen nicht kommen, die italienischen Franzosen sollen selbst nach Fethiye fahren. Die Verhandlungen ziehen sich hin, schliesslich einigt man sich auf einen Preisnachlass fürs Campen als Entschädigung.

Danach lädt mich der Chef vom Campingplatz, Mustafa, zum Tee ein. Er schimpft auf die Kurden, dass sie mit den Amerikanern zusammenarbeiten würden, um das Land zu zersplitten. Mich kann er nicht verstehen. Was ich denn dort wolle? Unfruchtbares, ödes Bergland, am Ende der Welt, unberechenbare Menschen! „Why don’t you stay here, lying on the beach, making love!?“

Während der nächsten beiden Tage mache ich Einkaufsfahrten nach Fethiye, unternehme einige Ausflüge in die nähere Umgebung. Die Geisterstadt Kaya (bis nach dem 1. Weltkrieg lebten hier Griechen, die auf Veranlassung der damaligen Regierung die Türkei verlassen mussten; durch ein Erdbeben 1957 massiv zerstört) gehört ebenso dazu wie die Felsengräber von Fethiye. Die Nachmittage verbringe ich am Strand oder schreibe Tagebuch, lese.

Das Motorrad muss gewartet werden. Ich stelle die Ventile ein und zerlege den Mechanismus der Hinterradbremse, weil die Federkraft der Bremsbacken nicht mehr ausreicht, den kompletten Bowdenzug inclusive des Fussbremshebels zurückzustellen. Der allgegenwärtige Staub setzt alles zu. Dieser Staub macht mir übrigens sehr schwer zu schaffen. Er trocknet die Kehle aus, bis die Zunge am Gaumen klebt. Er schmirgelt in den Augen, so dass sie tränen. Manchmal knirscht es zwischen den Zähnen. Das Fatale ist, dass die Strassen zwar (noch) sehr gut befestigt sind und speziell hier an der Küste fast deutschem Qualitätsstandard entsprechen, aber die Strassenränder im Sand enden. Die Gehwege in den Ortschaften an der Durchgangsstrasse sind lediglich festgetretener Erdboden. Fährt ein Lastwagen oder Bus hier entlang, wirbelt er eine meterhohe Staub- und Sandwolke hinter sich her, und es fahren sehr viele Busse und Laster hier! Alles versinkt im Staub. In Selçuk konnte ich eine ‘türkische’ Autowaschanlage besichtigen: direkt am Strassenrand standen im Abstand von etwa 20 Metern Wasserrohre senkrecht in die Höhe, auf deren oberen Auslegern nach oben sprudelnde Brausenköpfe montiert waren. Unter dieser Dusche fuhren die Autos hindurch und wuschen den Staub ab - öffentlich und kostenlos für jedermann! Wie muss es den Menschen auf den Feldern gehen, die unter der sengenden Sonne Schwerstarbeit mit Pferd und Hacke verrichten, und wie muss es erst im Juli oder August hier sein! Die Temperaturen jetzt, Anfang Juni, sind da noch recht moderat mit ihren fast 30 Grad.

Zwanzig Meter weiter von meinem Plätzchen hat ein älteres türkisches Ehepaar sein Hauszelt aufgeschlagen. Die Frau sitzt jeden Tag im Badeanzug vor dem Zelteingang und träumt in die Gegend. Nur zu den Essenszeiten wird sie aktiv und bereitet dann die leckersten Mahlzeiten zu (soweit ich das von hier aus beobachten kann). Ihr Mann kommt ab und zu mit einem Gläschen Tee herüber zu mir und freut sich jedesmal riesig, wenn ich mich über den Tee freue. Meine Türkisch-Kenntnisse nehmen von Tag zu Tag zu. Auch die für uns Westeuropäer so schwierig zu sprechenden Kehllaute bringe ich schon ganz gut heraus. Zu einer kleineren Unterhaltung reicht es aber noch nicht.

Meine Routenplanung für die nächsten Tage sieht vor, von der Küste weg über das Landesinnere nach Antalya zu fahren. Hinter Antalya will ich das Meer endgültig verlassen und über das Taurusgebirge nach Konya vorstossen. Nach einigen Tagen verlasse ich also „meinen“ Campingplatz.