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Kapitel 6 - Stimmen von aussen und innen

In Kemer biege ich ab auf die 350 nach Korkuteli. Es ist eine hervorragend ausgebaute Strasse. Weite Hochflächen, landwirtschaftlich genutzt, wechseln sich ab mit karstiger Steinwüste. Gute, frische Luft hier oben! Bauersfrauen auf den Feldern und Kinder winken mir zu. Kurz vor Antalya liegt rechts im Wald der Termessos Milli Park. Termessos ist eine antike Bergstadt. Sie liegt auf einem 1000 m hohen Plateau, das nur zu Fuss erreicht werden kann. Es gibt noch einige gut erhaltene Bauwerke und Felsengräber und ein prima Theater mit Blick bis zum Meer bei gutem Wetter.

In der Türkei gibt es viele Milli Parks (Nationalpark), die teilweise über sehr ausgedehnte Flächen verfügen und eigentlich in jedem Fall einen Besuch lohnen. Der Termessos Milli Park besteht seit 1970, hat eine Ausdehnung von 67 km², und beherbergt Rot- und Damwild, Bären und Luchse. Es gibt hervorragende Camping- und Picknickplätze. Ganz früh am Morgen, noch vor Sonnenaufgang, kann man an bestimmten Stellen die wilden Tiere beobachten, wenn sie aus dem Wald an ihre Wasserstellen kommen. Mit bangem Herzen liege ich auf dem Erdboden, traue mich nicht zu atmen, friere und schwitze zugleich, starre gebannt hinüber zur Waldlichtung und geniesse die eleganten, geschmeidigen Bewegungen eines kleinen Luchses, der sich da zu schaffen macht.

Durch Antalya fahre ich durch, halte nur mal kurz, um zu tanken. Es ist die Urlauberstadt der Türkei schlechthin, Bade- und Erholungszentrum für die Pauschaltouristen, denen Frankreich mittlerweile zu langweilig geworden ist. Nach Manavgat zweige ich ab in nördliche Richtung auf die 695. Endlich weg von der Küste! Nachdem ich im Strandstädtchen Side meine bisher übelste Übernachtung hinter mich gebracht habe (Betrunkene, dröhnende Disco-Musik bis in die Morgenstunden, ein Klo, das noch nie eine Spülung besessen hat), habe ich endgültig die Schnauze vom Touristenrummel voll (obwohl es für einen richtigen Rummel jahreszeitlich noch viel zu früh ist, die Urlaubszeit hat noch nicht begonnen). Es ist früh am Morgen. Ab ins Landesinnere!

Im Taurus Gebirge. Im Taurus Gebirge.

Quer durch das Taurusgebirge auf teils breit ausgebauter, teils verschlafener Strecke schlängele ich mich über die Hochebenen. Saftige Weiden zwischen duftenden Kiefern, meterhoch aufragende, weisse Felsen, dazwischen immer wieder gurgelnde Bäche. Praktisch kein Verkehr. Nur hin und wieder sind Hirten mit Ziegenherden zu sehen oder Imker, die sich an ihren blauen Bienenhäuschen zu schaffen machen. Die Luft ist sehr klar und endlich einmal staubfrei, das Thermometer zeigt 22 Grad C an, optimale Temperatur zum Touren.

Kleine Ortschaft im Taurus Gebirge. Kleine Ortschaft im Taurus Gebirge.

Ich verlasse die Strasse, um offroad noch mehr von der Landschaft zu erleben. Die Landkarte kann jetzt nur noch als grobes Strickmuster herhalten. Ich orientiere mich am Sonnenstand, um wenigstens eine grobe Stossrichtung beizubehalten. Über Schotter- und Sandpisten geht es voran, steil bergauf, dann wieder brutal in Flusstäler hinunter. Es macht irre Spass, so zu fahren. Der Motor erzeugt kraftvollen Druck, fühlt sich genauso wohl wie ich. Nach zwei Stunden bin ich über und über mit rotem Staub bedeckt. Ortsschilder oder gar Wegweiser gibt es nicht. In namenlosen Dörfern muss ich öfter anhalten und nach dem Weg fragen. Wenn ich einige Ortsnamen genannt habe und mich alle verständnislos anblicken oder gar herzlich lachen, weiss ich, dass mir mal wieder die Aussprache perfekt misslungen ist. Alle wollen mich auf die Hauptstrasse zurückschicken und es dauert unendlich lange, bis ich den hilfsbereiten Leuten verklickert habe, dass ich absichtlich diesen Weg gewählt habe, aber so ganz begreifen tut es keiner. Das müssen schon komische Leute sein, diese Deutschen. Da haben wir eine hervorragend asphaltierte Trasse quer über die Berge, und dieser merkwürdige Kauz quält sich über Stock und Stein! Natürlich, wenn man jeden Tag gewisse Strecken zurücklegen muss, wird man sehr froh über den komfortabelsten Weg sein, aber ich will heute einfach Spass haben, ein bisschen Abenteuer und Natur pur ohne jeden Korridoreffekt.

Unberührte Bergwelt. Unberührte Bergwelt.

So lasse ich die Bergwelt ungefiltert auf mich wirken, spüre ihr zurückgezogenes, einsames Leben, ihre Stimmung fast physisch. Wenn der Motor schweigt, ist es eine natürliche, unberührte Stille, deren Charme umschmeichelt und zum Verweilen lädt. Man kann die Stille förmlich fühlen und den eigenen Herzschlag hören. Wenn man es zulässt, breitet sich die diskrete Unaufdringlichkeit der Steine, der knorrigen Büsche und Bäume auch in einem selbst aus, ihre souveräne Ruhe kehrt auch im Inneren ein.

Rückbesinnung auf das Einfache. Faltiges Wurzelwerk windet sich aus und um den Fels. Auf der Wiese eine kleine Feuerstelle eines Hirten, die nach kalter Nacht gerade ihr Leben aushaucht. Saftiges, grünes Gras lässt sich vom Wind anmutig streicheln wie ein Tierfell, silbrige Schattenspiele, Wogen wie Wasser. Leiser Luftzug auf der Wange. Ein hohles Knacken im Unterholz, Tiergetrappel, dann wiegender Windhauch im Geäst. Eidechsen auf wärmendem Stein blinzeln in die junge Sonne. Oben heiserer Vogellaut, kreisender Greif. Stumme Wolkenschlösser ziehen nach Norden. Zwischen alten, fingrigen Wurzeln gluckst munter sprudelnd ein Quell, spendet funkelndes, kristallkaltes Bergwasser. Die Luft so klar, der Atem frei, unendlicher Blick. Sonne auf salziger Haut. Es ist ein sehr intensiver Morgen, einer der Augenblicke, dessen Empfindungen schwierig zu vermitteln sind, einer der Augenblicke, in denen ich sehr gerne allein bin, in denen ich glücklich bin.

Einige Kilometer weiter leben wieder Menschen in armen Hütten. Kleine Eselchen schleppen ein wahrscheinlich Vielfaches ihres eigenen Gewichts, alte Frauen in dicken Pluderhosen und mit Kopftüchern bücken sich unter schwerer Last den Feldrain entlang. Schmutzige Kinder mit neugierigen Gesichtern am Wegrand.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Irgendwann stosse ich wieder auf die Hauptstrasse, die sich kurz darauf an den Beysehir-See, den drittgrössten See der Türkei, anschmiegt. Im Hintergrund erhebt sich weissgekrönt der Ciçek Daglari auf 2375 Meter Höhe. Die Ufer des tiefblauen Sees verschwimmen in verschilftem, sumpfigem Gelände. Nach Beysehir wird die Landschaft zwar etwas eintöniger, aber nicht langweilig.

An einem Brunnen lerne ich eine türkische Familie kennen. Der Vater radebrecht in Deutsch und wir kommen ganz gut miteinander aus.

Am Beysehir See. Am Beysehir See.

Mir sind schon häufig diese Brunnen aufgefallen, die es hier überall gibt. Aus einer Steinmauer ragt ein Rohr, aus dem das Wasser in einen Trog läuft. Vater Türk erklärt auf meine Frage, ob denn das Wasser trinkbar sei: „Aber natürlich!“. Und er macht es mir gleich selbst vor, indem er kräftig trinkt. Das Wasser in den Städten sei so gechlort, meint er, aber „hier Wasser direkt aus Berg, sehr gut!“. Später dann treffe ich die Familie nochmal auf der Strecke nach Konya. Ihr alter Seat ist liegengeblieben, obwohl Benzin vorhanden ist. Ein hilfsbereiter LKW-Fahrer legt sich mächtig ins Zeug beim Schrauben, ich helfe mit Werkzeug aus. Mit allen Kniffs und Tricks blasen wir die Benzinleitung vom Tank zum Vergaser durch, müssen schliesslich aber feststellen, dass die Kraftstoffpumpe defekt ist. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als viel Glück zu wünschen. Bei meiner Abfahrt sehe ich noch, wie das erste Auto, das des Weges kommt, bereits anhält, nachdem Vater Türk gewunken hat. Sowas nenne ich Hilfsbereitschaft!