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Kapitel 7 - Hotdog und Glaube und Politik

Eine Stunde später bin ich in Konya. Als ich am Stadtrand halte, um einen Stadtplan aus dem Tankrucksack zu kramen, auf dem ein Campingplatz verzeichnet ist, hält ein total heruntergekommener Pritschenwagen. Zwei Türken reden auf mich ein, ich verstehe natürlich absolut nichts. Sie sehen den Stadtplan und ich mache ihnen klar, dass ich zum Campingplatz will. Sie lassen es sich nicht nehmen, mich in ihrem altersschwachen Wagen dorthin zu führen.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Der Campingplatz liegt direkt am Stadion an einer Hauptverkehrsstrasse. Es ist irre laut, aber einigermassen schattig und sogar sauber, zumindest im Vergleich zu dem Loch von Side. Der Platz ist nicht besonders gross (im Prinzip ist er sogar recht mickrig) und liegt etwa 2 Meter unterhalb der Strasse. Er ist mit einem Eisengitter gegen den Gehsteig abgegrenzt und ich komme mir ein bisschen vor wie ein Tier im Zoo, das von Tausenden von Menschen von der Strasse aus begafft wird.

Am nächsten Tag ist Stadtbesichtigung angesagt. Konya ist heute die Verwaltungshauptstadt der grössten türkischen Provinz, die ein Gebiet umfasst, das grösser als die Schweiz oder Holland ist. Die Stadt selbst liegt auf über 1000 m Höhe auf einem Plateau. Fruchtbare Äcker umgeben die Stadt. Wichtigstes Anbauprodukt ist Weizen. Daneben besteht eine der Haupteinnahmequellen im Teppichhandel. Zunehmend stellt man sich auf den Tourismus ein. Früher war Konya die Hauptstadt des mächtigen Seldschukenreiches und Sitz der ‘Tanzenden Derwische’, eines religiösen Ordens. Ziel der Ordensmitglieder war die Vereinigung der Menschenseele mit dem Allerhöchsten.

Mevlana Kloster in Konya. Mevlana Kloster in Konya.

Zu diesem Zweck wurde zu ritueller Flötenmusik ein Tanz in wallenden Gewändern und mit zylinderartigen Hüten aufgeführt, bei denen sich die Tänzer in Ekstase steigerten und so die Vereinigung herbeizuführen versuchten. Weil der Orden auch politisch sehr viel Einfluss erlangte, wurde er kurzerhand von Kemal Atatürk verboten. Der ehemalige Stammsitz des Ordens ist das Mevlana Kloster in Konya. Es ist heute Museum, in dem Teppiche, Sarkophage usw. der Ordensgründer gezeigt werden. Das Kloster hat sich im Laufe der Zeit als eine Art Wallfahrtsstätte etabliert, zu dem täglich viele Gläubige pilgern, obwohl es den Orden ja schon lange nicht mehr gibt. Pflichtbesuch auch für mich. Das Kloster mit seinem türkis glänzenden Zylinderturm ist in bestem Zustand, und in den schummrigen Räumen herrscht drangvolle Enge. Heilige Stimmung durchflutet die Menschen.

Auf meinen Streifzügen durch die Stadt werde ich permanent von dubiosen Gestalten zum Tee eingeladen. Bald jedoch stellt sich heraus, dass es sich dabei um Teppichhändler handelt, die mir die schönsten und besten Stücke verkaufen wollen. Gottseidank kann ich jedesmal mit knapper Haut entkommen. Ich bezweifle ja nicht einmal, dass es sich bei den Teppichen wirklich um gute Stücke handelt, aber ich kann nun wirklich keinen Teppich gebrauchen!

Leider ernte ich manchmal etwas Missverständnis. Was will ein Tourist (und die sind dieses Jahr sowieso sehr selten) hier im Basar, der nichts kaufen will?

Teppich gefällig? Teppich gefällig?
Oh, Mann, ist das lecker! Oh, Mann, ist das lecker!

Unterwegs kaufe ich bei einem Strassenhändler eine Art Kebap, Hot Dog, Sandwich. Ein halbes Weissbrot wird gefüllt mit leckeren Hackfleischbällchen, Salat, Tomaten, Bratkartoffeln. Ich bitte um ein Foto von ihm und seinem Handkarren. Hocherfreut über diese Ehre wird das Weissbrot nochmal aufgeklappt und nochmal soviel hineingestopft, bis alles an allen Ecken überquillt. Sobald ich an irgendeiner Stelle hineinbeisse, flutscht ein Teil der Füllung am anderen Ende gnadenlos heraus!

Mit beiden Händen wuchte ich das Riesenbrot mit seiner Ladung durch die Stadt, auf beiden Backen dick kauend. Einfach grandios! Erschöpft und mit dickem Bauch lande ich abends wieder auf dem Campingplatz.

Ich bin der einzige Gast hier. Noch unentschlossen, was als nächstes zu tun sei, warte ich erstmal unter lautem Rülpsen das Einsetzen der Verdauung ab. Da tuckert eine BMW R 100 GS Paris/Dakar heran. Motorradfahrer! Ich bin ganz aus dem Häuschen, freue mich auf ein Schwätzchen. Claudia und Heiko aus Leipzig sind seit zwei Monaten unterwegs. Sie haben die Strecke über Ungarn, Rumänien und Bulgarien gewählt und einiges dabei erlebt. Sie berichten von Dörfern in Rumänien, in denen die Menschen Tieren gleich am Strassenrand gelungert hätten, viele halb betrunken. Obwohl sie nicht direkt angegriffen worden seien, sei doch eine latente unterschwellige Bedrohung von diesen Menschen ausgegangen. Gleich einem Spiessrutenlauf durch die Hauptstrasse der Dörfer hatte es nur eins gegeben: Augen zu und durch! Obwohl sie ja selbst im Obstblock unter DDR-Herrschaft aufgewachsen waren und deswegen primitive Zustände und zukunfslose Gedanken kannten, war das Dahinvegetieren der Menschen in Rumänien mit das schrecklichste, was sie bisher erlebt hatten.

„Das Tödliche daran ist nicht nur die Ausplünderung der Leute durch den Staat, ihre daraus resultierende Armut und Perspektivlosigkeit, sondern die Niederhaltung selbständigen Gedankenguts, indem Alkohol in Massen zur freien Verfügung gestellt wird, das einzige "Lebensmittel", das es überall und zu Diskountpreisen gibt.“ Da sie keine Auswege sehen, fliehen viele Menschen in den Suff. Somit entfällt das Nachdenken, somit können sich keine revolutionären Geister entwickeln. Purer Kampf ums Überleben in Verbindung mit Hass auf Reiche und ein benebeltes Gehirn senken die Hemmschwelle. Ein Überfall auf Touristen mit Plünderung von Hab und Gut sei da noch das eher ungefährliche Erlebnis, Mord und Totschlag nie auszuschliessen. Heiko und Claudia selbst waren eines Nachts überfallen worden, und nur die Tatsache, dass sie sich beim Wacheschieben abgewechselt hatten, hatte Schlimmeres verhindern können.

Ich bin deswegen ganz froh, dass ich die Tour über Italien und Griechenland gekommen bin. Auch ich hatte ja ursprünglich über Rumänien und Bulgarien fahren wollen, hatte mich aber dann dagegen entschieden, weil es mir ganz allein doch zu gefährlich erschienen war. Ausserdem konnte man nie sicher sein, Treibstoff zu ergattern. Es tut gut, nach Wochen wieder mal Deutsch zu sprechen. Bis spät in die Nacht sitzen wir zusammen, reden und diskutieren. Die Themen reichen von Schilderungen de Lebensumstände im ehemaligen Ostblock über die Schwierigkeiten bei der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland bis hin zur Touristenentwicklung an der türkischen Mittelmeerküste. Auch persönliche Gefühle kommen zur Sprache, es entwickelt sich eine tiefe Sympathie zwischen uns. Ein grossartiger Tag!

Heiko und Claudia wollen die nächsten Tage in Konya verbringen. Als ich mich am späten Vormittag von ihnen verabschiede, habe ich einen richtigen Kloss im Hals sitzen. Nicht nur, dass ich die beiden ins Herz geschlossen habe, es ist dies einer der Momente, in denen ich mich verdammt einsam fühle. Wie oft möchte man Gefühle teilen, Ausblicke, Augenblicke! „Sieh mal dort der Berg!“ oder „Hast du den Hund gesehen?“, einfach einem lieben Menschen einen guten Morgen wünschen oder eine gute Nacht, einen anderen Körper spüren, Entscheidungen gemeinsam tragen. Das Alleinsein schärft andererseits die Sinne für alles, was einen umgibt, weil man sich nicht mit einem Partner gegen etwas Fremdes abschotten kann, und sei es nur, sich in der Heimatsprache zu unterhalten. Es schafft somit Kontakte zu Fremden und Einheimischen, da sich keine Gruppendynamik, keine geschlossene Gesellschaft bilden kann. Speziell das Reisen mit dem Motorrad fördert diesen Effekt nochmals, da man auf dem Motorrad immer präsent ist, sobald man anhält. Es gibt keine "vier Wände", die man dichtmachen kann, es ist kein "Rahmen" vorhanden, der einen umgibt, aus dem Auto heraus betrachtet ist mir die Welt so nahe wie einem Fisch im Aquarium das Wohnzimmer. Darüber hinaus fällt es Einheimischen leichter, mit nur einem Fremdem in Kontakt zu treten, als mit einer Gruppe. Natürlich kann diese permanente Präsenz auch überaus lästig, ja gar nervig sein, wenn man einen anstrengenden Tag hinter sich hat und einfach nur noch seine Ruhe haben will, oder wenn man einfach mal niemanden sehen will. Und gerade hier in der Türkei kann es besonders anstrengend sein, denn egal wo ich bisher angehalten habe, immer war ich die Attraktion des Tages, musste Fragen nach dem Woher und Wohin beantworten und wieviel die Maschine kostet (die Zahl beherrsche ich mittlerweile perfekt). Andererseits habe ich auf diese Weise immer freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt.

Der Abschieds-Kloss sitzt immer noch tief im Hals, als ich am Stadtrand von Konya eine Tankstelle anlaufe. Die beiden Brüder, denen die Tankstelle gehört, geraten fast in Streit, wer von beiden denn nun die Maschine betanken darf. Schliesslich darf jeder mal die Zapfpistole halten. Ehrfürchtig wird alles begutachtet. Die beiden sind von etwas kleinem Wuchs und reichen mit dem Kopf gerade auf die Höhe der Rückspiegel, wenn die Maschine aufgebockt ist. BMW kennen sie - die bauen doch Autos. Dass es von BMW auch Motorräder gibt, imponiert ihnen offenbar mächtig. Zum Abschluss werde ich mit einem Saftglas beschenkt. Mich wundert hier nichts mehr! Die Brüder verfallen in andächtiges Gemurmel und aufgeregte Gesten, als der elektrische Anlasser den Motor startet. Sowas haben sie noch nie erlebt. Unerhört! Ein Motorrad, das nicht mit einem Kickstarter angetreten werden muss! „Allahaìsmarladìk!“ rufe ich zum Abschied („Auf Wiedersehen“), und es antwortet ein gönnerhaftes „Güle, güle“ („Geh lachend“) aus kehligen Stimmen, dazu winken die Brüder, bis ich längst am Horizont verschwunden bin. Der Kloss im Hals ist verschwunden, die Strasse hat mich wieder.

Weiter nach Osten. Weiter nach Osten.