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Kapitel 8 - Wo bin ich hier?

Voraus Wasser auf der schnurgeraden Fahrbahn. Die typische Fata Morgana, flirrende Luft. So weit das Auge reicht, links und rechts Weizenfelder, später Dürre, nur ein paar Schafe. Flache Hochebene. Vereinzelt ein mittelalterlicher Ziehbrunnen. Der Motor brabbelt gleichmässig vor sich hin, kaum Verkehr. Unterwegs nach Kappadokien.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Kurze Rast an der gut erhaltenen seldschukischen Karawanserei Sultan Hani, dann rollen die Räder weiter nach Nevsehir und Göreme. Die Göreme Tufflandschaft dürfte wohl eine der bekanntesten Gegenden der Türkei sein. Es ist ein Gebiet mit einer Ausdehnung von mehr als 300 km², das aus sogenanntem Tuffstein besteht, in den Erdpyramiden, Felsenwohnungen und Kirchen, ja gar ganze Städte eingegraben wurden.

Göreme Tufflandschaft. Göreme Tufflandschaft.

Die Landschaft besteht durchweg aus phallischen Türmen, erigierten Penissen gleich, steil nach oben ragenden Felsenkegeln und Feenkaminen, die etwas märchenhaftes an sich haben und häufig einer regelrechten Mondlandschaft gleichen. Im späten Abendlicht leuchten die Felsen in rosarot, ocker oder aschgrau.

Auf der Rundfahrt am nächsten Tag über Ürgüp und Avanos fällt mir es mir wieder auf: es gibt keine Wurst- und Fleischkonserven, nur viel Thunfisch, und der ist unbezahlbar teuer. Das Göreme Tal bietet so ziemlich die letzten Campingplätze. Weiter nach Osten werde ich wohl überwiegend in freier Wildbahn übernachten müssen. Deswegen ärgert es mich umso mehr, dass ich meine Konservenvorräte nicht ein wenig aufstocken kann. Bis jetzt habe ich zweimal beim Metzger eine "Salami" erstanden, fand aber beide jeweils nach einigen Bissen absolut ungeniessbar. Die teigige Masse hat mit unserem Begriff von Salami nichts, aber auch gar nichts zu tun, gleicht eher einer undefinierbaren Pampe mit zweifelhafter Konsistenz. Es war mir nicht möglich, herauszuschmecken, aus was diese Salami wohl besteht. Bis jetzt hatte ich keinerlei Ernährungsprobleme. In jeder kleinen Stadt gibt es mehrere Esslokale, die den ganzen Tag über die unterschiedlichsten Leckereien bereithalten. Es wäre mir aber doch nicht ganz unrecht, wenn ich gewährleisten könnte, dass ich zumindest für 3 Tage autark bleiben kann.

Letzte Nacht hat es schwer gewittert und geregnet. Heute morgen ist es ganz schön frisch. Das Thermometer zeigt 14 Grad C. Der Nemrut Dagì ruft micht, und so bin ich beizeiten auf. Ich will die Strecke bis dahin in 2 Tagen schaffen. Laut Reiseführer gibt es in den Städten, durch die ich kommen werde, nicht allzu viel zu sehen, allerdings will ich auch überwiegend auf Nebenstrassen und offroad fahren. Der Himmel hält sich reichlich bedeckt, das Thermometer schafft die 15 Grad Hürde einfach nicht. Es ist gutes Wetter zum Fahren, frische Luft nach dem Regen.

Die Strecke führt über Ürgüp und die 767 zum 1535 m hohen Topuzdagì Pass. Zwischen Dörtyol und Develi kann man mit Höchstgeschwindigkeit zwischen den Salzseen um Develi Ovasi entlangbollern. Ab Develi wird es sehr schön. Die 38-32 nach Bakìrdagì wird zunehmend schmaler, dann auch schlechter. Schliesslich Schotterpiste bis nach Bakìrdagì.

Ich beschliesse, ab hier offroad über unbekannte Wege zu fahren, um am Kan Geçidi (Pass) wieder auf die Haupstrasse zu stossen.

Wo bin ich hier? Wo bin ich hier?

Auf meiner Landkarte sind noch einige Wege eingezeichnet, und ich schlage die (richtige?) Richtung ein. Lange Zeit irre ich durch eine atemberaubend schöne Landschaft mit hohen, teils schneebedeckten Bergen und fruchtbaren landwirtschaftlichen Gebieten. Ich komme durch namenlose Dörfer, wo man mir zwar immer bereitwillig weiterhilft, indem man mit dem Finger in die entsprechende Richtung zeigt, aber an der nächsten Wegeskreuzung (und davon gibt es hier eine ganze Menge) beginnt wieder das grosse Rätselraten. Seit zwei Stunden schon kein einziges Schild mehr, dafür die freundlichsten, lautesten und mit grösster Begeisterung schreienden und winkenden Kinder bisher. Weil mir ob des unbekannten Weges und des Alleinseins langsam ein bisschen unheimlich geworden ist, tut es gut, hier nicht auch noch argwöhnisch beäugt zu werden. Zwischendurch Regenschauer, Wolkenfetzen über den schneebedeckten Gipfeln.

Bisher hatte ich mich auf meinen Orientierungsinstinkt immer ganz gut verlassen können. Damit scheint es ab sofort vorbei zu sein, denn ich irre mittlerweile völlig planlos umher. Die Wegbeschreibungen der Türken (soweit ich sie überhaupt verstehe) scheinen wohl auch nicht gerade von überragender Präzision zu sein. Nur gut, dass ich einen vollen Tank habe. Überhaupt ist mir aufgefallen, dass schon vor Konya das Tankstellennetz immer mehr ausdünnt. Ich muss jetzt immer auf gute Reserven achten! Um die Mittagszeit hallen die Gesänge irgend eines Muezzins durch die Bergtäler und ein Jugendlicher kann mir in einer Ortschaft endlich auf der Karte zeigen, wo ich bin: in Tufanbeyli, direkt vor dem Pass! Wie ich hierhergekommen bin, ist mir absolut schleierhaft, aber nun habe ich wenigstens wieder Orientierung. Ich brauche unbedingt eine Karte mit einem anderen Massstab! Schotterwege (von Strassen kann eigentlich nicht gesprochen werden) prägen weiterhin das Bild. Falls sich hier überhaupt ein anderes Verkehrsmittel bewegt, dann handelt es sich maximal um einen Esel mit einem Wägelchen. Heute ist mir noch kein Auto begegnet.

Der Weg steigt unermüdlich an, wird schmäler und enger, dafür wird der Schotter gröber, wird teilweise zu massiven Steinbrocken. Um mich herum ist jetzt nichts mehr, nur noch braunes Geröll. Nicht mal mehr eine Ziege ist zu sehen, kein Schaf, kein Hund, kein Anzeichen menschlichen Lebens. Je mehr sich der Weg am Hang hinaufklammert, desto mehr nimmt auch meine Einsamkeit zu. Dabei handelt es sich hier keineswegs um ein Hochgebirge, der Pass führt gerade mal auf knapp 1600 Meter!

Ich halte an, um in die Berge hineinzuhören. Man meint, die tiefe Stille hier oben geradezu physisch zu spüren. Die Ruhe dieser scheinbar toten Gegend lässt auch den Puls etwas langsamer schlagen. Es ist nicht nur Ruhe und Stille, es herrscht eine Art heiliger Friede. Es wirkt wie eine Droge und ich kann Bergwanderer und Bergsteiger verstehen, die sich in Höhen und Gipfel zurückziehen und ihr geheimnisvolles, stilles Wirken spüren möchten. Vielleicht wird die tiefe, auch körperliche, Zufriedenheit noch durch das Bewusstsein verstärkt, einen Berg durch eigene Kraft erklommen oder erwandert zu haben. Wie mag ich in den Augen eines solchen Wanderers als Frevler erscheinen, der mit einem Motorrad hier herauf fährt! Es mag zumindest im direkten Vergleich mit einem Fussgänger leicht erscheinen, sich per Motorkraft fortzubewegen. Dennoch stellt gerade eine solche Passfahrt auf Schotterwegen einige Anforderungen an Fahrer und Maschine. Es ist nicht nur höchste Konzentration angesagt, um das Motorrad durch die vielen Spitzkehren auf losem Untergrund zu dirigieren, häufig auch Körperkraft- und balance, wenn die schwer beladene Fuhre sich zwischen lockerem Geröll einzugraben droht und überhallhin, nur nicht mehr geradeaus spurt.

Ich bin froh, dass ich mit meiner BMW unterwegs bin, denn dieser Motor hat genügend Reserven, um in jeder Situation ordentlich Druck ans Hinterrad zu liefern, er ballert sich einfach durch. Man muss nur beherzt Gas geben, auch wenn 30 Zentimeter weiter ein Abgrund lauert. Daneben bietet die Maschine guten Komfort, um auch weite Tagesetappen relativ problemlos zu bewältigen. Das Motorrad wächst mir mit jedem Tag mehr ans Herz. Es ist zu einem guten Freund geworden, dem ich blind vertraue. Überhaupt habe ich manchmal das Gefühl, dass ein Motorrad wie ein lebendes Wesen ist. Es versteht, wie der Fahrer mit ihm umgeht und gebärdet sich entsprechend.

Die Gedanken kehren zum Pass und in die Realität zurück. Nach wenig spektakulärer Abfahrt lande ich später auf der Hauptstrasse 825, schlage südliche Richtung ein und mache, leicht nass geworden, in Göksun Rast. Am Horizont kündigt sich schwerstes Wetter an: der Himmel ist so kohlrabenschwarz wie die Nacht, man kann das Unwetter förmlich riechen. An einer Tankstelle ziehe ich die kompletten Regenklamotten an, denn ich habe keine Lust, auf das Unwetter zu warten. Einige Schaulustige, darunter ein Polizist, finden die Situation offenbar sehr lustig, wie ich mir da die Gummischuhe überstreife.

„Warum du reisen allein, he? Wo Madame?“ Das hat mir gerade noch gefehlt! Schon wieder so Superschlaue, die mit einem allein auftretenden Fremden scheinbar gar nichts anfangen können. Nachdem mir diese Frage schon häufiger untergekommen ist und ich in meiner Naivität versucht habe, den Leuten wahrheitsgemäss klarzumachen, dass ich allein reise, dabei aber nur auf tiefes Unverständnis gestossen bin (was mag das für einer sein - ein Schwuler oder sonstwie Perverser?), versuche ich es diesmal mit einer List: „Madame zu Hause, arbeiten!“ Aaaaahhhh! Befriedigte Zustimmung signalisiert, dass dies jedem einleuchtet und man mit diesem Zustand einverstanden ist. Der darauffolgenden Einladung zur örtlichen Dorfhure kann ich mich mit Händen und Füssen gerade noch erwehren („musst du bumsen!“, dazu eindeutige Handbewegungen). Es lebe die türkische Gastfreundschaft!

Auf optimal ausgebauter Strecke geht es durch wasserfallartigen Regen nach Süden. Die Schönheit dieser Bergstrecke bleibt aufgrund des Unwetters im wahrsten Sinne des Wortes ‘auf der Strecke’. Vor Kahramanmaras hellt es plötzlich auf, es wird schlagartig 30 Grad heiss, und Tiefebene tut sich auf. Klamotten aus! Gegen Abend entdecke ich links der Strasse ein für die Türkei typisches Picknick Gelände.

Ich frage, ob ich übernachten darf, und die Wärter haben nichts dagegen, wollen nur Zigaretten. Es ist ein riesiges Gelände (mindestens einen Quadratkilometer gross) mit niedrigen Bäumen, die Schatten spenden. Vereinzelt stehen Mülleimer herum, es gibt 3 oder 4 Toilettenhäuschen. Bis auf eine Gruppe von jungen Leuten befindet sich sonst niemand hier und ich kann mir somit ein optimales Plätzchen zum Faulenzen aussuchen.

Abendstimmung im Picknickgelände. Abendstimmung im Picknickgelände.

Es gibt diese Picknickplätze überall in der Türkei. Viele Familien verbringen das Wochenende mit Kind und Kegel hier. Es wird gegrillt, gelacht, getanzt, gefeiert. So ergeben sich häufig die interessantesten Kontakte zur Bevölkerung. Die prominentesten und professionell ausgestatteten Plätze mit fest installierten, grossen Gillrosten kosten geringen Eintritt, andere stehen zur freien Verfügung und liegen in Nationalparks. Eine grossartige Einrichtung!