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Kapitel 9 - Heilige Berge

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages treffe ich in Kahta ein. Kahta selbst ist ein wenig aufregender Ort, der im Prinzip nur aus einer breiten Haupt’strasse’ mit anliegenden Häusern und Geschäften besteht. Das Städtchen liegt am Fuss des Nemrut Dag, des Götterberges, und eignet sich somit sehr gut als Ausgangsstation für die Bergbesichtigung. Von Freunden, die bereits hier waren, weiss ich, dass es auf dem Gipfel des 2150 m hohen Berges sehr schön sein soll. „Die Aussicht ist grandios und du musst unbedingt von dort oben einen Sonnenaufgang erleben!“ Während der ganzen Zeit der Reise freue ich mich schon auf den Nemrut.

Quelle: motoplaner.de Quelle: motoplaner.de

Am Ortseingang von Kahta halte ich an. Ich bin gerade am Überlegen, was ich als nächstes unternehmen soll, da es noch früh am Nachmittag ist, als eine 350er Jawa gequält hechelnd und dem Erstickungstod nahe neben mir hält. „Look for Pansiyon?“ sprudelt der Fahrer los und überzeugt mich schliesslich, dass ich bei ihm am besten untergebracht sei.

Es gibt in dieser Gegend keine Campingplätze, ausserdem habe ich die unsichtbare Grenze zu Kurdistan überschritten. Obwohl es offiziell kein Land Kurdistan gibt, wird doch der gesamte Osten der Türkei etwa ab Adiyaman von Kurden besiedelt, die in ständigem Kampf mit der türkischen Regierung und dem türkischen Militär liegen, um eine eigene Autonomie zu erringen. Ich weiss zwar nicht genau, wie sicher oder unsicher man sich ab jetzt als Tourist bewegen kann, aber unter diesen Umständen ist mir ein Zimmer in einer Pansiyon lieber als irgendwo wild zu campen.

Mehmet lotst mich ins „Mezopotamya“. Wir kommen ins Gespräch, was denn mit seiner Jawa los sei. Das Motorrad qualmt und stinkt, röchelt gequält und kommt nicht vom Fleck. Ganz eindeutig: von den zwei Zylindern arbeitet nur einer. Während Mitarbeiter oder Familienmitglieder in der Pansiyon mein Gepäck aufs Zimmer schaffen, macht Mehmet mir klar, dass das Motorrad nagelneu ist (das sehe ich auch so) und noch nie richtig gelaufen sei.

Die Verständigung gestaltet sich schwierig, weil er nur sehr gebrochen Englisch spricht. Ich biete meine Hilfe an. Mehmet strahlt über das ganze Kurdengesicht: „You a specialist?“. Kurze Zeit später sitze ich schweisstriefend in Lederklamotten vor der Jawa. Die Ursache ist schnell gefunden: einer der beiden Zündkontakte öffnet nicht. So Pi mal Daumen stelle ich die Zündung ein, tausche die beiden Zündkerzen, von denen die eine hoffnungslos verschlammt ist.

Mehmet mit Jawa. Mehmet mit Jawa.

Der Motor springt tatsächlich an und schaufelt literweise Benzin und Öl aus dem rechten Auspuff. Alle sind begeistert, das muss ein gutes Zeichen sein, Allah und mir sei Dank! Kurzzeitig setzt sogar der zweite Zylinder ein, die Stimmung steigt. Aber es ist nichts zu machen - neue Zündkerzen müssen her. Ja, ja, er habe noch eine, sagt Mehmet, und ich sage, er soll sie holen. Daraufhin schwingt er sich auf die Maschine und prustet in einer gigantischen Zweitaktfahne los. Du meine Güte, das arme Moped! Wo will er hin? Er macht alles zunichte! Jetzt setzt er den anderen Zylinder zu!

Einige Minuten später kriecht Mehmet wieder an. Er hat im Ort eine neue Zündkerze erstanden. Jetzt kann doch nichts mehr schiefgehen, oder? Nun ist das Kurbelgehäuse in beiden Zylindern halb überflutet. Dass der Motor überhaupt noch irgendwelche Zuckungen von sich gibt, grenzt an ein Wunder. Penibel reinige ich die Überlebende der beiden Zündkerzen und schraube sie zusammen mit der Neuen ein. Das Maschinchen springt an, oh Wunder, jetzt nur nicht mehr ausgehen lassen! Beide Zylinder arbeiten, bei jedem Gasstoss schwallt eine Benzin-Öl Emulsion meterweit aus den Auspuffrohren. „Must you drive and test!“. Also gut. Ich prügele die Jawa über die Schotterpiste vor Kahta, erreiche unglaubliche 110 Stundenkilometer. Das Fahrzeug fühlt sich an, als ob es mitten im Rahmen ein Gelenk hätte, das sich in alle Richtungen verwindet. Egal, Lenker locker lassen und Gas! Allmählich fühlt sich der Motor freier an, atmet kräftiger. Prima! Ich kehre um und Mehmet freut sich riesig über sein Fahrzeug. „Never work so good!“.

Nachts kann ich nicht schlafen. Unten im Vorgarten der Pansiyon wird Musik gemacht. Schmachtende Lieder erzählen von harter Arbeit und vom Fremdsein im eigenen Land, fetzige Balladen auf gitarrenähnlichen, fettbauchigen, dafür umso langhalsigeren Instrumenten, gehen unter die Haut, Liebesschwüre hallen durch die Nacht. Menschen tanzen und singen. Ich fühle mich ein bisschen fremd und nicht dazugehörig, geniesse es aber, als Mäuschen von meinem Versteck aus zuhören zu dürfen.

Gedanken schweifen durch den Kopf. Nachmittags hatte ich noch einen anderen Mehmet kennengelernt, der Tourgide ist. Er hatte mir angeboten, mich zum Nemrut zu führen. Nachts um 2 Uhr sollte es auf meinem Motorrad losgehen, um bei Sonnenaufgang am Gipfel zu sein. Zum Nemrut sind es von hier aus etwa 70 Kilometer und man kann den Gipfel vom Zimmer aus sehr gut sehen. Aber nein, nachts um zwei Uhr, das war mir dann doch zu anstrengend gewesen. Irgendwie nicke ich dann doch ein, bin aber bereits um 5 Uhr auf.

In der Mitte der Nemrut Dagi. In der Mitte der Nemrut Dagi.

Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen pflüge ich durch die Schotterwege dem Nemrut entgegen. An manchen Stellen müssen kleine Sturzbäche durchfurtet werden, schliesslich geht es merklich aufwärts. Der Berg ruft! Es wird kälter. Die letzten 13 Kilometer müssen auf einer Serpentinenstrasse zurückgelegt werden, die aus Schuhkartongrossen Pflastersteinen gröbster Machart und Schlaglöchern gemeinster Sorte besteht. Am Ende fühle ich mich wie einer, den man bis in die kleinsten Knorpelteilchen zerlegt hat.

Es ist etwa dreiviertel sieben, als ich die Maschine abstelle. Kurz vor dem Gipfel gibt es eine kleine Steinhütte mit einem Lokal, wo es auch heissen Tee gibt. Es sind nur drei Leute da: der Wirt, der total verschlafen aus der Wäsche schaut, und zwei Touristen aus Australien, die die Nacht hier oben verbracht haben. Auch sie sehen nicht so aus, als ob es ihnen besonders gut ginge. Aber das ist nicht verwunderlich – sie waren schon um halb fünf Uhr morgens auf dem Gipfel, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ihre Enttäuschung ist gross, denn heute gab es nur dichten Nebel.

Ich bin einigermassen geschlaucht nach der Fahrt. Daher beschliesse ich, erst einmal zu frühstücken. Wenn sowieso alles im Nebel versinkt, dann braucht es auch keine Eile, um ganz nach oben zu wandern. Der Cay tut gut, etwas Fladenbrot, Ziegenkäse und Oliven stärken mich. Dann verabschiede ich mich und beginne, den Gipfel zu erklimmen.

Es ist frisch, und ein eiskalter Wind pfeift um den Berg. Zum Gipfel sind es noch etwa 200 bis 300 Meter, steil auf, loser Schotter. Ich bin froh, dass ich meine Motorradjacke und die Lederhose anhabe. Schritt für Schritt geht es bergan, die Luft ist dünn, das Atmen fällt mir schwer. Der Nemrut ist die Grabstätte von König Antiochios dem Ersten, dem Herrscher des altertümlichen Kommagene Reiches. Er liess sich hier oben beerdigen, und aus Angst vor Grabräubern den gesamten Gipfel des Berges mit kleinen Kieselsteinen auffüllen. Sollte jemals irgendeine Person versuchen, das Grab zu finden oder gar zu plündern, so müsste sie erst einmal den kompletten Berggipfel abtragen – denn Graben macht keinen Sinn, da mit jedem Spatenstich der Kies nachrutscht. Eine genial einfache wie sichere Massnahme, um das Grab zu schützen!

Rund um den Gipfel breitet sich eine Art Plateau aus, auf dem in die verschiedenen Himmelsrichtungen etwa 10 Meter hohe Steinfiguren das Grab bewachen. Leider sind von vielen Figuren die Köpfe vom Rumpf abgefallen, aber alle Torsos und die am Boden liegenden Köpfe sind in einem ausserordentlich guten Zustand. Es ist kalt, eisisge Nebelschwaden fetzen um die steinernen Monumente, lassen mir das Blut in den Adern gefrieren.

Ich bin ganz allein. Man sieht nur etwa 5 Meter weit, dann verliert sich der Blick in der feuchtgrauen Nebelwand. Aber das macht mir nichts aus. Es ist zwar schade, dass ich den Sonnenaufgang nicht erleben konnte, aber dieser heilige Berg, die Atmosphäre um die grossen Steinfiguren, stimmen mich versöhnlich. Vielleicht sollte ich einfach ein wenig warten?

Ich lasse mich hinter einem grossen, am Boden liegenden Adlerkopf, nieder, und ziehe den Kragen der Jacke enger. Ich finde den Adlerkopf symphatisch und vertraue ihm sofort. Hier ist es einigermassen windgeschützt, und urplötzlich versammelt sich um mich tiefer Friede. Der Herzschlag pulst langsamer. Sternenstille breitet sich aus. Es ist, als habe jemand alle Energien abgeschaltet und eine meditative Hand ausgebreitet. Nebelgraue Fetzen drängen herauf, verwirbeln lautlos. Mystik fliesst vom Gipfel, lullt mich ein. Prickelnde Wassertröpfchen im Haar. Ich schliesse die Augen und träume in eine ferne Welt, verschmelze mit dem Stein, auf dem ich sitze, und mit dem schützenden Adlerkopf hinter mir. Ich stelle mir vor, wie das Land unter mir aussehen mag, wie weit der Blick reichen kann, und wünsche mir, ein Vogel zu sein, der sich von hier oben abstösst, um mit weiten Schwingen und freiem Atem in luftiger Höhe über die Ebenen, Felder, Wälder, Bäche und Flüsse zu gleiten.

Als ich die Augen wieder öffne, und ich weiss nicht genau, wie lange ich meinen Gedanken nachgehangen habe, sticht ein Sonnenstrahl genau auf den Gipfel. Das Wetter reisst auf! Ich bin sofort auf den Beinen, laufe aufgeregt rund um das Plateau, zwinkere mit nassen Augenliedern durch die Nebelwände, um etwas erkennen zu können – und tatsächlich: mehr und mehr reissen die Nebelbänke auseinander, zuerst

nur für Bruchteile von Sekunden, dann minutenweise. Schliesslich lassen sich Täler tief unten erkennen und Flüsse – endlich liegt mir das ganze Land zu Füssen. Es ist ein erhabener Augenblick, und es ist schön, ihn ungestört, allein, geniessen zu können.