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Mittwoch 17.08.2016

Die Wettergöttin bleibt mir auch heute hold und begrüsst mich wie schon die vergangenen Tage mit einer hellgleissend sonnendurchfluteten Luft, die wie ein kristallkalter Atembonbon alle Sinne neu freischaltet für die bevorstehenden Ereignisse dieses jungen Morgens.

Das Dorf der Aufständischen.

Zunächst wechsele ich mal wieder das Bundesland, pendelt mich die Super Tenere auf der B 191 von Niedersachsen wieder hinüber auf die rechte Elbe-Seite, wieder nach Mecklenburg-Vorpommern.

Nach nur wenigen Kilometern durch schattigen Wald ist links die „Dorfrepublik Rüterberg“ ausgeschildert.

Das Dörfchen mit nicht mal 200 Einwohnern galt zu DDR Zeiten durch seine exponierte Lage in unmittelbarer Nähe zur Elbe und zu Westdeutschland für die DDR Verantwortlichen als höchst einladendes Sprungbrett zur Republikflucht hinüber zum Klassenfeind. Da wurde nicht lange gefackelt und das Dorf selbst nochmal mit einem 3 Meter hohen Metallzaun umgeben. Auf diese Weise konnte keiner rein und keiner raus, noch nicht mal die Rüterberger selbst! Nur mit Passierschein konnten sich die Dorfbewohner oder ihre angemeldeten Besucher zwischen ihrem eigenen Staat und ihrem eigenen Ort bewegen, zwischen 23 Uhr nachts und 5 Uhr morgens ging gar nichts, quasi Einzelhaft im Knast.

Weil dies den Bürgern nach 20 Jahren so auf den Zeiger ging, dass sie sich damit nicht mehr abfinden wollten, riefen sie sich nach Schweizer Vorbild am 8. November 1989 zur „Dorfrepublik“ aus. Einen Tag später, in den „Wirren“ der DDR Selbstauflösung, erklärte Günter Schabowski die Reisefreiheit, und damit wurden am 10. November die Posten von den Durchgangstoren abgezogen. Das System war am Ende.

Heute stehen nur noch einige Meter Grenzzaun als Markierung des dahinter liegenden Privatgrundstücks, auf dem sich auch ein alter Wachturm befindet. Ich muss schmunzeln: weil es wohl einige Zeit nach der Wiedervereinigung in Rüterberg zu enormem Bustourismus gekommen war, und jeder das aufmüpfige Dorf, den Wachturm und die unmittelbar dahinter fliessende Elbe besichtigen wollte, hat der Eigentümer entnervt in grossen Lettern draufgemalt: „Privateigentum – Elbe >>>“, also einen Pfeil in die Richtung, wohin man weiter laufen soll. Im Laufe der wiedervereinigten Jahre ist Ruhe eingekehrt. Der Gasthof mit Übernachtungsmöglichkeit hat für immer geschlossen, nur ein kleines Cafe lockt Gäste mit bunten Blumenkästen um die winzige Veranda. Die Zeit bleibt wieder stehen.

Und während Rüterberg im Rückspiegel kleiner wird, ist auch mein Pulsschlag so weit heruntergefahren, dass ich diesen Moment als tiefes Glück empfinde. Das Glück, diesen Morgen in seiner Klarheit und Reinheit atmen zu können. Das Glück, mich ungehindert zwischen Ländergrenzen bewegen zu können. Das Glück, mit romantischen Fähren über Deutschlands schönsten Strom hin- und herpendeln zu dürfen und dabei nicht nur Ländergrenzen, sondern auch die „Grenzen“ zwischen West und Ost überspringen zu können. Das Glück, genau jetzt genau hier sein zu dürfen.

Ob die Zeit auch für die Wanderdüne von Stixe stehengeblieben ist, die sich einige Kilometer weiter rechts durch den Wald schiebt? Wer weiss. Ich jedenfalls kann nicht erkennen, dass die Düne irgendwie auch nur halbwegs vorankommt, obwohl ich einige Minuten, ruhig an einen Baum gelehnt, die sandige Umgebung auf mich wirken lasse. Erst der heisere Ruf eines Greifvogels hoch oben beendet meine Träumereien. Ich mache mich zurück auf den Weg zur Maschine, die ich einige hundert Meter weiter unten stehen lassen musste. Damit war kein Durchkommen durch den mehligen Sand.

Unter dem schier endlos weitblauen Himmel lasse ich mich von der Super Tenere auf dem rechten Elbeufer weiter flussabwärts tragen. Nur einige riesige Traktoren durchwühlen die morgendlichen flachen Felder. In den zwei oder drei winzigen Ortschaften, durch die ich komme, begegnet mir niemand. Selbst ein Auto ist mir bis jetzt noch nicht „über den Weg gelaufen“! Ein schwarzes Stubentigerwollknäuel hat das kühlschattige Plätzchen unter einem Auto für den Rest des Tages für sich reserviert.

Die Fähre "Tanja" in Darchau.

Selbst Darchau träumt noch vor sich hin. Ein paar hundert Meter links am Elbeufer blinzelt der ehemalige DDR Wachturm in die höher steigende Sonne. Im Cafe Rautenkranz direkt am Deich sind die Stühle noch an die Tische gelehnt und die Sonnenschirme eingeklappt. Schade, einen Kaffee hätte ich jetzt gerne hier genossen, und einige Momente der Fähre „Tanja“ zugeschaut, die hier seit jungen 25 Jahren ihren Dienst zwischen Darchau und Neu-Darchau verrichtet. „Tanja“ ist in die Jahre gekommen. 60 Jahre hat die alte Dame bereits auf dem Buckel, aber die sieht man ihr nicht an, denn sie wird immer gut gepflegt. Dennoch ist ihre Zukunft ungewiss, weil schon lange eine Brücke an dieser Stelle im Gespräch ist. Mir ist die Fähre sympathischer.

Am Fähranleger in Darchau.

Ab Neu-Darchau geht es nun linksseitig der Elbe weiter. Mit sanftem Schub brabbelt die Yamaha durch die duftenden Wälder um Alt Garge, vorbei am Draisinenbahnhof, und rollt am schnuckeligen Fährhaus von Bleckede aus. Mittlerweile kommt etwas Leben auf. Ein paar ältere Herrschaften mit Angeln blinzeln noch verschlafen von ihrer Gartenbank herüber und kommentieren den „unerhörten“ Verkehr und den „Stau“, der sich am Anleger gebildet hat, bis die Fähre vom anderen Ufer wieder herübergekommen ist. Die 3 Autos und ich mit der Yamaha sind heute morgen offensichtlich die Attraktion des Tages.

Die „Amt Neuhaus“ nimmt dann sofort wieder Fahrt auf, diesmal hinüber nach Mecklenburg Vorpommern (genaugenommen gehört der Landstrich Amt Neuhaus seit 1993 wieder zu Niedersachsen). Ein letztes Mal also auf dieser Tour pendelt mich die Fähre zwischen West und Ost und unterstreicht damit, dass es eigentlich gar kein Hier und Dort gibt, kein West und Ost, kein Hüben und Drüben, sondern nur ein zusammengehöriges und freies Deutschland. Aber es ist gut und richtig, dass es am nahenden Ufer das Schild gibt, das vielfach entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze aufgestellt ist: „Hier waren Deutschland und Europa bis zum xx. November 1989 um xx.xx Uhr geteilt“. Als Erinnerung daran, dass wir jeden Tag unsere Freiheit und Unabhängigkeit leben dürfen und sollen, und dass so etwas nie wieder passieren darf!

Boizenburg ist meine letzte Station entlang der Elbe. Am Kontrollpunkt „KP-Vier“ musste jeder seine Sondergenehmigung abchecken lassen, der in das 500 m Sperrgebiet einreisen wollte, zu dem die Ortschaften Vier, Streitheide und Horst gehörten.

Heute ist dieser Kontrollpunkt Imbiss und Gaststätte und nennt sich in Anlehnung an den Berliner „Checkpoint Charlie“ witzigerweise „Checkpoint Harry“, nach dem Inhaber Harry Strelow. Beim Passieren des „Imbiss-Checkpoints“ kommt noch einmal DDR Feeling auf: Der in der Mitte des Geländes stehende Wachturm weckt sofort wieder unangenehme Erinnerungen. Da ist es gut, dass der freundliche NVA Offizier, der von einem Künstler auf einer Fliesenwand am Imbiss-Gebäude verewigt wurde, lachend seine Hand zum Grusse erhebt, um zum Abschied zu winken.

Na denn…

Fliesengemälde am "Checkpoint Harry".

Es ist kurz nach Mittag, als ich meine Tour beende, auch gedanklich. Ab jetzt geht es wieder Richtung Heimat. Es ist heiss und stickig geworden, und die Yamaha drückt mich zuverlässig und mit hoher Geschwindigkeit auf kleinen Strassen durch Mecklenburg-Vorpommern, dann wieder durch Sachsen-Anhalt. Ich fahre an diesem Tag noch bis Oschersleben, und die nächsten beiden Tage über Harz, Thüringer Wald, Rhön und Spessart bis nach Hause.

Heute gefahren: 335 km